Tuesday, March 25, 2014

Mirko Bonné - Nie mehr Nacht

Ein mir irgendwie sympathischer Autor,  nur lassen mich seine Bücher immer seltsam unbefriedigt. Auch hier mehrmals gedacht,  was das eigentlich soll. Inzestuöser Endvierziger fährt mit verwaisten Neffen nach Frankreich,  um Brücken zu zeichnen, in Wirklichkeit aber, um sich selbst abzuschaffen, weil er den Selbstmord seiner Schwester nicht verwindet. Die Dialoge zum Beispiel sind schwach, immer schlägt einer ein tiefschürfendes Intimregister an, das nicht nur Situation passt. Auch fragt man sich, warum alle so unglaublich sanft mit diesem doch recht unhöflichen Typen umgehen, der manchmal unreifer wirkt, als der pubertierende Neffe. Zudem ist das alles sehr konventionell erzählt, sprachliche Überraschungen gibt es keine. Dafür sind mir aber dann Personen und Handlung zu dürftig. Muss gestehen,  mich doch sehr gelangweilt zu haben. Nur hin und wieder etwas von der Moll-Stimmung angesteckt. Und noch eine Beobachtung: Buchpreiskandidatenbücher scheinen mindestens einmal Nirvana referenzieren zu müssen,  vorzugsweise bashend.

Tuesday, March 18, 2014

Lisa Kränzler - Nachhinein

Lange vermieden, dann wie eine Pflichtübung angegangen. Im Lauf der Lektüre mehr und mehr überzeugt, etwas Besonderes vor mir zu haben. Geschichte einer Kinder- und Jugendfreundschaft zwischen Mädchen aus Gutbürgerhaus und Prollfamilie. Freundschaft ist ja irgendwie das Hauptmotiv der Literatur überhaupt. Die große Kunst des Romans besteht in seiner Perspektive. Scheinbar steht die Entwicklung der Behüteten im Vordergrund, doch von ihr unbemerkt spielt sich der wahre Schrecken des Romans ab. Kränzlers Sprache dabei radikal, reich an Erfindung, kompromisslos kühn. Eine Autorin, die sich nicht scheut, über Schmerzgrenzen zu gehen. Echte Literatur.

Sunday, March 16, 2014

Peter Härtling - Tage mit Echo

Härtling noch einmal. Noch einmal - weil Tage mit Echo auch daher kommt, wie ein Abschiedsbuch. Schon das Konzept mutet fragmentarisch an. Zwei Erzählungen, die erste über einen Vorleser, der nur noch aus letzten Werken lesen will und die Jahrestage und den Stechlin in voller Länge an den jeweiligen Handlungsorten vorträgt und dabei u.a. seltsame Wiedergänger aus den Romanen kennenlernt. Diese Erzählung bricht Härtling dann aber plötzlich ab, verweist noch auf die Liste an letzten Werken, die der Vorleser auf seiner Tournee zum besten gegeben haben soll und wendet sich dann einer ganz anderen Erzählung zu, und zwar einer typisch Härtling'schen Lebensbeschreibung des Zeichners und Malers Carl Philipp Fohr, die sehr schön ist und in der man vieles wiederfindet, was man seit seinem Hölderlin so an Härtling liebt.

Friedrich Ani - M.

Süden, der melancholische Detektiv, sucht einen Taxifahrer/Neonazi/verdeckten Ermittler. Die wirklichen Verbrechen geschehen oder werden aufgeklärt erst im Zuge dieser initiierenden Ermittlung. Das ist das Süden-Konzept: Ein Mensch verschwindet aus der Welt, durch den atmosphärischen Riss, der durch diese "Vermissung" entsteht, dringen alte Schuld, Traumata, neue Abscheulichkeiten. Und am Ende findet Süden den Fehlenden, stellt das zerbrechliche Gleichgewicht, die Welt auf der Kippe, wieder her. Für den Augenblick. Stark an den Ani-Büchern sind Personen und Atmosphäre. Kenne kaum Bücher, bei denen so viel echte Welt durchkommt, was sich vor allem der Sprache verdankt, die Ani zugunsten der Authentizität einfach mal stehen lässt.

Joe R. Lansdale - Ein feiner, dunkler Riss

Man sollte überhaupt nur solche Bücher lesen. Dagegen sind so viele (gute) Bücher blass. Ein Junge im Süden der USA, es sind die 50er Jahre, der "feine dunkle Riss" geht durch das Volk, trennt Schwarze und Weiße. Über diesen Riss hinweg schließt der Junge gegen alle Ressentiments Freundschaften mit den Menschen auf der anderen Seite. Darunter ein alter, trinkender Filmvorführer, Detektiv in einem früheren Leben, mit dem er ein schreckliches Verbrechen aufklärt. Starke Atmosphäre, dabei sehr spannend. Huckelberry Finn meets Mocking Bird meets SIEBEN. Man sollte alles von Lansdale lesen!

Wednesday, March 05, 2014

Olga Martynova - Mörikes Schlüsselbein


Schöner Roman mit Nabokovschen Humor und einer guten Prise russischer Schwermut. Eine Handvoll Personen, Dichter, Gelehrte, angehende Schriftsteller, Agenten kommen in Wohnungen zusammen, reden über Poesie und trinken Tee aus der Untertasse. Alles ist Stimmung, manches zum In-sich-Hineinlächeln.

Friday, February 28, 2014

Wolfgang Haas - Die Verteidigung der Missionarsstellung

Brillianter Roman und unterhaltsames Spiel mit der Form. Episoden aus dem Leben eines Halbindianers, der sich Rinderwahnsinn, Hühnergrippe und Schweinepest parallel zu Liebesinfekten einfängt. Haas spielt mit dem Stoff nicht nur auf der Handlungsebene, sondern auch in den Mikrokosmen von Sprache und Typografie. Zum Beispiel fährt einmal ein Paar im Aufzug, wobei Haas das Abwärts im Schriftbild wiedergibt, indem er den entsprechenden Absatz über mehrere Seiten wie in einem Daumenkino nach unten wandern lässt. Kenne keinen einfallsreicheren Autoren.

Jonathan Lethem - Chronic City

Roman über New York. Eine Clique von Nerds kifft sich durch die Nachmittage, jagt virtuellen Schätzen in einer Second-Life-Variante nach, fürchtet sich vor einem zerstörrerischen Immobilientiger und verliert ganz tragisch alle Illusionen. Stilistisch brilliant, streckenweise sehr lustig. Einer der wirklich tollen US-Erzähler der Generation nach Updike, Roth und Co.

Thursday, February 27, 2014

Robert Harris - Intrige

Aufregende Geschichtsstunde, Harris ist da einfach ein Meister. Die gesamte Affäre Dreyfus, kristall klar erzählt. Geradezu perfekter historischer Roman. U-E-Diskussionen drängen sich angesichts eines solches Romans auf. Stoff, Thema, Stil, alles ist "ernsthaft." Nur ist es wohl keine "ernsthafte" Literatur, und während Hilary Mantel zwei Mal den Booker-Preis einstreicht, gilt Robert Harris kaum als "ernsthafter" Anwärter dafür. Es gibt wohl eine rein literarische Dimension, die bei Mantel deutlich stärker ausgeprägt ist, als bei Harris. Nur, wie lässt sich die beschreiben? Grob würde ich sagen, das hat zu tun mit Stimmung, Tonlage, Radikalität der Perspektive. Ach ja, Jaenicke liest auch sehr gut, obwohl sein Akzent etwas gewöhnungsbedürftig ist.

Neil MacGregor - Shakespeares ruhelose Welt

Schönes Buch über typische Shakespeare-Themen - Folter, Thronfolge, Zeit -, erzählt anhand von Objekten wie Becher, Koffer, Münzen etc. Allerdings als E-Book nicht so geeignet, da farbenprächtig bebildert. Bestes Kapitel am Schluss über das Objekt Shakespeare als Buch und die zeitlosen Marginalien berühmter Leute wie Ranicki oder Mandela darin.

Wednesday, February 19, 2014

Jean Echenoz - Laufen

Kleine, sehr charmante Biografie über Emil Zatopek. Seine Läuferkarriere, seine Trainingsmethode, seine Erfolge, politische Restriktionen, seine Popularität, nachdem ihn das Regime verstoßen hat. Sehr klarer Stil, toll, wie hier ein lebenslanger Bogen gespannt wird - auf nicht mehr als 140 Seiten.

Christopher McDougall - Born to Run

Ein Lebensbuch: Laufe natürlich. Laufe auf den vorderen Ballen. Laufe lange und lächle dabei. Laufe Zickzack. Lächle die Schmerzen weg. Lass dich nicht von den Marketingtricks von Nike und Co täuschen. Esse wie ein armer Mensch. Habe Spaß am Laufen. Laufe wie Emil Zatopek. Laufe barfuß. Laufe und gesunde!

Max Frisch - Mein Name sei Gantenbein

Gegenwartsklassiker, von dem im übrigen nicht sehr guten ZEIT-Führer dazu animiert. Es liest sich relativ leicht, keine Ahnung, warum das mal als schwierig galt. Eine gewisse Intellektuellen-Eitelkeit weht einen daraus an - gemeinsam mit viel Pfeifenrauch und Whiskydunst. Habe auch den Verdacht, dass die Gantenbein-Idee gar nicht recherchiert ist. Hat Frisch hier Blinde gefragt, wie die Umgebung auf sie reagiert? Viele der skizzierten Szenarien scheinen mir bloße Gedankenexperimente, Schachtischkonversation. Was mir heute aber noch immer gefällt, ist das Skizzenhafte. Noch mal werde ich es aber vermutlich nicht lesen.

Tuesday, February 11, 2014

Anne Weber - Tal der Herrlichkeit

Sehr schöner Roman über eine utopische Liebesgeschichte: Schöne Frau (reich) erblickt einen etwas heruntergekommenen Mann und küsst ihn spontan auf den Mund. Er sucht sie, kriegt sie, wilde Bettszenen, dann alles hin. Und er sucht sie dann noch einmal, aber in einem ganz, ganz wüsten Land. Erinnert da dann etwas an Kasack, die Stadt hinter dem Strom etc. Das ist alles sehr gut. Stark auch die große Klargheit des Romans. Nur den Klappentext muss man verstecken, sonst heißt es fremdschämen, wenn einen jemand mit dem Buch ertappt.

Sunday, February 09, 2014

Kevin Powers - Die Sonne war der ganze Himmel

Starkes Antikriegsbuch im Irak 2004 spielend. Zwei Privates und ihr Sergeant und der Drahtseilakt des Überlebens zwischen Drill, Tapferkeit, Verzweiflung und Wahnsinn. Stark die Unmittelbarkeit der Darstellung und die Ökonomie, mit der Unfassliches so prägnant dargestellt wird. Unglaubliche Landschaften nebenbei.


James Salter - Alles, was ist

Souveräner Roman über einen Lektor in New York und dessen Ehen und Liebschaften über die Hälfte seines Lebens hinweg. Beschreibung eines mehr oder weniger glücklichen, erfüllten Lebens, etwas, was man selten liest oder wovon kaum gelungen geschrieben wird. Sehr ansprechend die Art, wie Salter auch in alle Nebenfiguren für ein paar Seiten hineinzoomt und damit so etwas wie die Essenz der Existenz auf den Punkt bringt. Dabei ganz und gar szenisch, nie psychologisierend. Nur ganz selten mal angeödet, weil es doch mal zu viel Namen sind und man nicht recht weiß, von wem jetzt die Rede ist. Zeitgeschehen wird en passant berührt, einige Literaturpromis werden gestreift. Sonst nur: lieben, lesen, reisen, in Wohnungen und Häusern wohnen, Parties, Bars und Restaurants. Alles von einem ruhigen, leise melancholischen Fluss, dem man sich nicht entziehen kann. Auf Amazon gibt es eine riesige Fläche von Presse-Anpreisungen des Romans. Vom Meisterwerk ist die Rede. Tatsächlich der Eindruck von großer Souveränität und Könnerschaft. Und die Frage, ob es in Deutschland einen epochalen Erzähler, wie ihn und seines Jahrgangs gibt bzw. gab. Vielleicht Kempowski, dieser jedoch ganz anders.

Thursday, February 06, 2014

Die Brüder Karamasow - Fjodor Dostojewski

Den dritten der fünf Elefanten wieder gelesen. Unvergesslich damals im Winter vor 25 Jahren das erste Mal. Hauste damals selbst in einer Dostojewski-mäßigen Klause. S.H. wollte mich zu einer Kneipentur abholen, aber ich verzichtete, konnte nicht aufhören zu lesen. Einiges ist noch davon da, aber die Intensität stellt sich freilich nicht mehr ein. Überrascht, wie interessant die religiösen Passagen des Starez waren. Lebensbejahung pur. Teilweise auch sehr gequält von Längen und Wiederholungen, dem Seitenschinden des Fortsetzungsautoren. Die Neuübersetzung von Swetlana Geier, die so gerühmte. Der Text kam mir kantiger vor, das schon, ungeschliffener. Manchmal stilistisch überhastet. Vielleicht ist das echter, aber ein wenig hat es auch gestört. Und der Anmerkungsapparat ist eine Enttäuschung. Kaum eine echte Erhellung, häufig fast Paraphrasen des Romantextes oder banales Konversationslexikonwissen. Vieles wird gar nicht richtig erklärt, wie etwa die seltsame Bezeichnung für den Irrsinn, die die Figuren teilweise befällt - "Nadryw." Jetzt noch der Grüne Junge und Schuld und Sühne, dann kann es von vorne los gehen..

Monday, February 03, 2014

Alina Bronski - Scherbenpark

Sehr schöner, anfangs geradezu mitreißender Roman über eine 17-Jährige, deren Stiefvater ihr Mutter samt Freund ermordete und die jetzt ihre 2 Geschwister alleine aufziehen muss. Vor allem ist es die unerschrockene Stimme der jugendlichen Erzählerin, die überzeugt. Hier ist jemand der so munter drauf los erzählen kann, wie John Irving. Und auch dessen Suchtpotenzial entfalten kann.

Thursday, January 30, 2014

Kontinent der Bücher

Große Enttäuschung. Die Qualität der Aufsätze ist durchwachsen ("der Tod Ines Roddes" im Doktor Faustus? Wie bitte?), die Auswahl der kanonisierten Werke zweifelhaft, die Briten und Russen sind seltsam unterpräsentiert (wo sind Amis und Barnes, Sorokin und Pelewin?). Bei den Interviews, die die Dekaden synkopieren, beschlich mich das Gefühl, es handle sich immer um das selbe Gespräch, das nie richtig anfängt. Nach der Lektüre habe ich gar keine Idee davon, was denn jetzt die europäische Literatur nach 45 ausmacht. Und das schlimmste: Das Interview mit der Lewitscharoff konnte aus  rechtlichen Gründen nicht ins E-Book aufgenommen werden. Stattdessen gibt es nur einen Hyperlink. Danke für nichts.

Ian McEwan - Honig

Buch über Spione. Unbedarfte Geheimagentin heuert Literaten an zwecks Propagandasteuerung. Sie verlieben sich. Eifersüchtiger Kollege zerstört das Glück. Das ganze präsentiert als literarischer Taschenspielertrick. Grundsolide. Aber immer erwartet man von McEwan ein bisschen was größeres. Hörversion von Eva Mattes sehr schön gelesen.

Wednesday, January 29, 2014

Marjana Gaponenko - Wer ist Martha?

Bezaubernder kleiner Roman über einen steinalten und todkranken Ornithologen, Gelehrten, Einsamen. Er fährt zum Sterben nach Wien, wo er schöne Jugendtage erlebt hatte, mit Torte und der Entdeckung der Musik im Musikverein. Melancholische Gespräche über die letzten Dinge mit mehr oder weniger von ihm imaginierten Gestalten, Psychagogen, Seelenbegleiter. Besonders schön ein Kapitel über die Musik, das Nachdenken über die Rolle der Tiere auf unserer Welt und der erfrischende, eigene Ton.

Tuesday, January 28, 2014

Wilhelm Genazino - Die Liebesblödigkeit

Judith oder Sandra, der 52-jährige Apokalyptiker kann sich nicht entscheiden. Das ist die Folie, auf der Genazino seine Wahrnehmungsstreifzüge durch den Alltag diesmal unternimmt. Er trifft einige schrullige Typen wie den Postfeind und den Ekel-Professor, fürchtet sich vor den eigenen Krampfadern und der Farbe seines Urins und gerät in wachsende Panik angesichts der näher rückenden "Enderektion." Bei Genazino ist es völlig egal, was er für eine Story nutzt, es geht bei der Lektüre immer wieder um die kleinen Schönheiten und Wunder des Alltags. Auch hier wieder gelungen.

Monday, January 27, 2014

Rainald Goetz - Johann Holtrop

Kein Meisterwerk, wie vielfach beschrieben. Johann Holtrop, Top-Manager, ist kurzzeitig groß angesagt in der Welt der Kirchs & Co, fällt dann tief, ins Bodenlose. Historisch, Schröder-Administration, Wirtschaftskrise, Dotcom-Blase etc, pp. Einiges stimmt an der Schilderung dieser Welt nicht, die Gestalten werden mehr behauptet, als in ihrem Denken und Fühlen wirklich begreifbar gemacht. Lauter Entscheidungsmenschen, Menschen der Tat angeblich. Aber nie bekommt man etwas von diesen Entscheidungen und Taten mit, weiß nichts von deren Entstehung. Da hätte man mehr Licht drauf halten können, das ist alles schon immer fertig und erledigt. Psychologie, Enthüllung, Recherche, Realismus - das ist alles nicht das was Goetz ausmacht. Goetz ist vor allem eines: Ausdruck. Der ist aber an diesem Stoff etwas verschwendet, wie ich finde. Übrigens fühlte ich mich manchmal an Heinrich Mann erinnert: Der Ausdruckswille, die Verve, bei relativer Unbekümmertheit, ja Gleichgültigkeit gegenüber der Stimmigkeit. Habe es widerstrebend, doch nicht völlig ungern gelesen.

Sunday, January 26, 2014

Thomas Glavinic - Das größere Wunder

Was für ein Trip - las das in 1,5 Tagen durch. Kann mich gar nicht mehr erinnern, einen Roman deutscher Sprache mit einer solch gewaltigen Sogkraft gelesen zu haben. Da stimmt alles: spannende Rahmenerzählung (Mount Everst-Besteigung!) mit ausschweifender Lebensbeschreibung eines Mafia-Zöglings (inklusive großer Liebe, großer Freundschaft, große Schuld, große Geheimnisse und eine kleine Prise Mystery) etc.). Glavinic zeigt, dass das alles hier und heute auch geht. Schwächen? Vielleicht das übertriebene Globegetrottere, das hat etwas Nackte-Kanone-haftes, aber es gehört dazu und macht den unglaublichen Raumzugriff dieses Romans aus. Es ist ein Märchen, Hans im Glück meets Von einem der auszog..., toll erzählt!

Thursday, January 23, 2014

Haruki Murakami - Mister Aufziehvogel

Wie im Rausch gelesen - 765 Seiten in etwas über einer Woche. Gegen diese Art traumsicheren, intuitiven Erzählens können viele andere einpacken. Manchmal kommt man sich vor, wie in einem Independent-Game, einem bizarren Adventure. Es sind ein paar wenige Motive und Personen, mit denen Murakami da jongliert, und fast alles ist geradezu atemberaubend. Dabei alles so klar und einfach: Einem Paar entläuft der Kater, der Mann sucht ihn auf einem unheimlichen Grundstück, lernt ein seltsames Mädchen kennen, dann zwei noch seltsamere Frauen, dann verschwindet seine Ehefrau, dann und wann stößt er auf ein Zeichen, es gibt Tutoren, die ihn durch eine unbekannte Welt führen etc, pp. Ich kenne keinen, bei dem es sich so leicht, so sicher anfühlt.

Friday, January 10, 2014

Wie man den Bachmannpreis gewinnt - Angela Leinen

Gutes Buch über das Lesen und Schreiben und ganz allgemein über den Status Quo der Ästhetik in Sachen deutscher Gegenwartsliteratur, alles aufgehängt an den Beiträgen und Jury-Diskussionen des jährlichen Ingeborg-Bachmann-Preises. Sehr unterhaltsam, alles ist eingängig und witzig erläutert.

Tuesday, December 31, 2013

Monika Maron - Ach Glück

Eheroman, sie verlässt ihn, weil sie sich vernachlässigt fühlt, irgendein Russe hat ihr zuvor tief in die Augen geschaut und damit wohl jene Sehnsucht geweckt, die Frauen in schmuddelige Hotelzimmer treibt, unter Züge zieht oder plötzlich nach Mexiko losfliegen lässt, um da jemanden zu besuchen, den man gar nicht kennt. Die Geschichte ist relativ uninteressant, aber der Ton sitzt, die Sprache ist gut, es gibt etwas zu entdecken.

Haruki Murakami - 1Q84

Im dritten Teil von 1Q84 taumeln Aomame und Tengo gleichsam in Zeitlupentempo aufeinander zu. Hatte die seltsamen Bezüge von Band 1 & 2 schon vergessen: Little People, Leader, Mother & Daughter usw. Alles eigentlich ein ziemlicher Schmarrn, wenn man ehrlich ist und ich muss zugeben, dass ich mehr als einmal eingenickt bin. Warum haben die beiden sich nicht gleich am Ende von Band 2 kriegen können? Ein Epilog hätte es da auch getan. Gut immerhin Murakamis klarer, karger Stil. Manchmal kann der geradezu pedantisch werden, etwa wenn er wie in einem Polizeibericht immer die genaue Uhrzeit erwähnt, zu der einer in seinem Zimmer sitzt und nichts tut. Alles sympathisch, und auch irgendwie langsam, fast schon meditativ. Wenn man sich darauf einlässt, steckt das an, man geht anders durch den Tag, aufmerksamer.

Sunday, December 29, 2013

Stephen King - Doctor Sleep

Dan Torrance ist erwachsen, das Shining ist stark in ihm, er hilft Todkranken beim Sterben, wird dank der AA trocken, lernt Ebra kennen, in der das Shining noch stärker ist und auf die es die Rentner-Zombies vom "Wahren Knoten" abgesehen haben. Skuriler umständlicher Endkampf, wie er für King typisch ist. Ansonsten wieder interessante Figuren, seine große Stärke. Und wie immer lässt der Meister sich Zeit, ehe es los geht, aber das ist in Ordnung, schließlich liest man ihn nicht wegen der Monster. Außerdem: Im Vergleich zu den Ziegelsteinen Attentat und Dome ist Doctor Sleep geradezu schlank. Lesung von David Nathan auch sehr gut - und ohne die dilettantischen Schnittpausen wie beim Todesmarsch.

Bernard Cornell - Der weiße Reiter

Markiges Mittelalterpanorama im gewohnten Cornwell-Stil: ohne sentimentalen Schnörkel, Genauigkeit im Waffengang, Schildwälle, Geländeschauen, Kundschafterei, Gottesgerichte, Zweikämpfe, raue Liebschaften, etwas Magie, etc. pp. Ein Ende nicht absehbar, man sieht sich im nächsten Band.

Wolfgang Herrndorf - Arbeit und Struktur

Krebstagebuch, Lektion in Sachen "Sterben lernen" von einem souveränen Geist - lässt einen mehr als einmal laut auflachen, trotzallem.

Monday, December 09, 2013

Marion Poschmann - Die Sonnenposition

Zugegeben: Etwas enttäuscht.  Sprachlich sicher sehr fein, geradezu ziseliert. Aber die Beschreibung hängt dann oft einfach nur so herum, wie Gestrüpp, das zu durchlaufen doch sehr ermüdet. Die Handlung ist so "na und?", die Charaktere nerven, vor allem dieser eitle Odilio, den wir wohl bewundern sollen, es wird etwas getoniokrögert, aber auch nur halbherzig. Alles in allem ziemlich langweilig.

Sunday, December 08, 2013

Thomas C Fost - How to read literature like a professor

Interessante und sehr nützliche Hinweise, wie man die Tiefenschichten von literarischen Werken ausloten kann. Akademisches sehr eingängig rübergebracht.  Für Studenten sehr zu empfehlen.

Thursday, December 05, 2013

Mariaschwarz - Heinrich Steinfest

Jährlich mindestens einen Steinfest, sonst fehlt etwas, im Lesejahr. Mariaschwarz ist einer dieser typischen
barocken Story-Späße, in die Heinrich Steinfest seine hinreißenden Figuren stellt und Musil-geschulten Aphorismen und Mini-Essays flechtet.

Die Handlung zu rekapitulieren bringt nicht viel, sie spielt hauptsächlich in einem österreichischen Bergkaff mit unergründlich tiefem See, mafia-durchsetzter Leichtindustrie und einer Handvoll verkrachter Existenzen. Erst geht es um ein entführtes Mädchen, dann um die Vollständigkeit eines Kunststoffspielfigurensatzes. Zunächst trägt ein ehemaliger Finanzmann und leicht wahnhafter Alleintrinker das Geschehen, der in Hiltroff auf die Lösung seines Lebensrätsels wartet. Ab der Hälfte des Romans übernimmt ein anderer Held - Lukastik, inzestuöse Ermittlermaschine - die Führung durch das Plot-Dickicht und verfängt sich hoffnungslos.

Steinfest ist immer eine Lektüre Wert: Die Sprachbilder sind witzig und erhellend, erinnern fast an die Prosa von Heinrich Heine. Die Figuren sind interessanter, als die im richtigen Leben, die Reflexionen meistens überraschend, mit dem Absurden kokettierend. Alle Jahre gerne wieder.


Friday, November 29, 2013

Alwin - Friedrich de la Motte Fouque

Romantischer Roman mit Affären, Rittern, Sängern, Predigern, Eremiten etc. Stellen von betörender Schönheit, dann wieder blasse Lieder und geradezu Tom-und-Jerry-haftes Getümmel von lächerlicher Gespreiztheit. Die Sprache teils kräftig, teils grotesk anarchisch.

Wednesday, November 27, 2013

Stephen King - Todesmarsch

Eines seiner besten: Düstere Zukunftsvision, Amerika unter einer Militärdiktatur, 100 Jungen machen sich auf den jährlichen "langen Lauf". Einzige Regel: Wer stehen bleibt wird erschossen. Ganz groß ist King immer dann, wenn er jugendliche Protagonisten wählt und deren Freundschaften beschreibt. Das große Thema dieses Buches ist das Sterben und er hat es brillant und furchteinflößend durchexerziert.
(Passenderweise als Hörbuch beim Laufen gelesen).


Thursday, November 21, 2013

Selma Lagerlöf - Gösta Berling



Der Empfehlung aus Rolf Vollmanns Wundertruhe Die wunderbaren Falschmünzer einmal mehr gefolgt. Es ist schon erstaunlich, was sich dem Leser da für Kostbarkeiten immer wieder offenbaren (und schön ist es auch, dass sie alle jetzt über das Internet gleich zur Hand sind). Rolf Vollmanns Romanverführer und die Erfindung des E-Books, was für ein Segen für den besessenen Leser, der hungrig nach immer neuen Lesewelten strebt.

Gösta Berling von der Literaturnobelpreisträgerin Selma Lagelöf ist ein Roman in 36 Einzelepisoden, die mehr oder weniger miteinander verknüpft sind. Gösta ist ein Pfarrer, der aufgrund seiner Trunksucht geschasst wird und als Bettler durch die Gegend zieht. Eine Gutsbesitzerin - die Majorin - nimmt ihn in ihren Kavaliersflügel auf - ein Teil ihres Gutes, auf dem bereits eine Reihe weiterer schräger Gestalten Obdach gefunden hat und die Gegend mit Streichen und Feten beleben. Verführt durch einen Teufelspakt verbannen die Kavaliere zu Beginn des Romans die Majorin und übernehmen selbst die Herrschaft über die Gegend. Es beginnt das Jahr der Kavaliere, in dessen Verlauf Land und Leute zwar viel feiern, moralisch und wirtschaftlich ziemlich auf den Hund kommen.

Der Roman ist aus einer Vielzahl von Episoden zusammengesetzt. Die meisten von ihnen können auch ganz für sich stehen. Zusammengehalten werden die Geschichten durch den Schauplatz und das wiederkehrende Personal. Neben Gösta Berling sind da vor allem seine Liebschaften Marianne Sinclaire und die Gräfin Elisabeth sowie der Teufelsbündler Sintram und viele andere.

Kraftvoll erzählt


Was den Roman so überaus lesenswert macht, sind neben der großartigen Naturschilderung und den Reichtum an Details aus Leben und Sitten der Menschen im Värmland und der hohe Unterhaltungswert der Geschichten. Fast immer geht es um Verführungen und Verfehlungen und die rettende Kraft der Liebe. Jede einzelne Geschichte erzählt eine innere Umkehr, einen persönlichen Wendepunkt. Alles ist mit unglaublichen psychologischen Feinsinn geschildert.

Zwar ist der feierliche Grundton und die religiöse Grundstimmung anfangs etwas gewöhnungsbedürftig. Aber das legt sich spätestens nach der Vertreibung der Majorin, wenn der Episoden-Rhythmus in die Gänge kommt. Dann teilt sich dem Leser auch der durchaus begeisternde Impetus des Werkes mit: "Ach Gösta, ein Mann muss alles, was das Leben bietet, mit mutigem Herzen und lächelnden Lippen ertragen."

Gösta Berling ist eine echte Entdeckung, gehört sicher zu den stärksten Büchern dieses Lesejahres.

Mut und Freude! Es ist, als seien diese beiden die ersten Pflichten des Lebens.

Tuesday, November 05, 2013

Guy de Maupassant - Stark wie der Tod

Stark wie der Tod, so bezeichnet der berühmte Maler in dem Roman seine Leidenschaft zur Tochter der alternden Geliebten. Und stirbt dann auch, überrollt von einem Omnibus, als er verwirrt durch die Straßen von Paris geht.
Kaum ein Buch dieses Jahr, das sich klarer, flüssiger, leichter gelesen hätte. Und dabei eines der ältesten.


Friday, November 01, 2013

Ilse Helbich - Grenzland Zwischenland




Ganz erstaunliches Buch einer schon sehr alten Autorin, geboren 1923. Es geht um die hautnahe Erfahrung des Alterns sozusagen auf der letzten Meile und die Vorbereitung auf das Sterben, vielleicht schon das Sterben selbst. Das ganze aber sehr kühl, ohne Larmoyanz oder Sentimentalität, einfach die Beschreibung von Vorgängen durch ein reflektierendes, poetisches Bewusstsein. Dabei immer wieder Beschreibungen von anrührender Schönheit. Zum Beispiel sitzt die Erzählerin bei einem Aufenthalt in Davos, ihre Tochter liegt im nahen Sanatorium, wahrscheinlich stirbt sie, in der Totenkapelle und betrachtet das Fresko, auf welchem die Toten, gesehen von den noch Lebenden in eine paradiesleuchtende Leere eingehen. Sie erscheinen überlebensgroß, wenden sich nicht um. Und hier dann das entscheidende Detail:
Die Fußsohlen der Fortgehenden leuchten jedoch schon in einem goldenen Schimmern. 
Grenzland Zwischenland - ErkundungenVon Leuchtspuren dieser Art ist das ganze Buch durchwoben, während es zugleich schonungslos die Mühen der schwindenden Lebenskraft vor Augen führt: Die Augen geben keine vollständigen Bilder mehr, der Körper ist müde, fällt häufig, eckt überall an, Zähne fallen aus, Namen verblassen aus dem Gedächtnis. Bei all dem gibt es aber immer noch einen leisen Antrieb, der sich als die vitalste Ressource dieses Lebens erweist: das Schreiben.

Dem Verfall steht auf der anderen Seite eben diese unglaubliche Hellsichtigkeit gegenüber, die häufig schon etwas jenseitiges hat. Das sind Erfahrungen, die Ilse Helbich buchstäblich aus dem Grenzland Zwischenland birgt und vor uns hinstellt. Über Musikhören sagt sie zum Beispiel an einer Stelle:

Jetzt eine Musik anders hören. Sie anhören, als würde sie in diesem Augenblick geboren, und zwar aus mir. Dabei die Verfassung des sie zur Welt Bringenden deutlich mitfühlen, ohne Sentimentalität und nicht sich einfühlend in einen anderen, sondern selber in der Verfasstheit des die Musik von Augenblick zu Augenblick Gebärenden.
Und gleich danach beschreibt sie diesen Antrieb des Gestaltenden ganz explizit:
Vor dem Anblick einer Landschaft fallen mir oft Bilder ein, als Möglichkeit, wie einer das malen könnte, und jedes dieser Bilder ist ein Versuch, die quälende Unbeschreibbarkeit des Umgebenden, sein Da-sein, sein bloßes, eigenschaftsloses Da-sein durch die eigene bestimmte Sehensweise in den Griff zu bekommen.
Eine sehr starke Erfahrung, dieses Buch.

Tuesday, October 29, 2013

John Williams - Stoner

Berührendes Buch über einen Dulder, klar, schnörkellos, klassisch. Stoner, ein Bauernsohn, fängt sich die Liebe zur Literatur ein, hat zwei Freunde, wird leidenschaftlicher Lehrer, heiratet schlecht, wird Vater, macht sich einen Feind, erlebt die große Liebe als Episode, verzweifelt, rafft sich zusammen, duldet großartig und stirbt.


Thursday, October 17, 2013

Tad Williams - Die dunklen Gassen des Himmels

Ein Engel als Private-Eye zwischen den Fronten des Himmels und der Hölle.


Ermüdend manchmal nur die Kampfszenen, die lesen sich oft wir komplizierte Vorgangsbeschreibungen. Entschädigt durch eine sehr gute Liebesgeschichte und einige urbane Beobachtungen und Stimmungen, die zeigen, was für ein toller Schriftsteller Tad Williams ist.

Thursday, September 26, 2013

Georg Klein - Sünde, Güte, Blitz

Georg Klein ist so ein Autor, den ich unbedingt gern haben will, mit dessen Büchern mir aber schwer tue.

Sünde, Güte, Blitz - ach, ich konnte damit gar nichts anfangen. Ist das eine aufgeblasene Kurzgeschichte um einen Kobold, der einen Arzt zu brillanter Diagnostik und einer Rentnerin zu unwahrscheinlicher Verjüngung verhilft, das aber wohl nicht soll und daher von einem Engel/Irgendwas gestoppt werden muss?

Das ganze bleibt sehr lau. Drei Nummern größer (Kobold plus Bundeskanzlerin und Jogi Löw) oder kleiner (Pumuckl für Erwachsene) - dann hätte ich es vielleicht gerne gelesen.

Versuche es jetzt mit dem Kindheitsbuch. Schließlich will ich den Autor mögen.

Das Komplott - John Grisham

Ein Grisham. Habe mal einen vor vielen Jahren gelesen, der mir aber nicht gefallen hat, Die Firma glaube ich.

Das Komplott habe ich wieder beim Laufen gehört - in dreifacher Geschwindigkeit. An Charles Brauer: Grisham muss man nicht langsam lesen. Da sind keine poetischen Zwischentöne, denen man lange nachlauschen will...

Die erste Hälfte fand ich recht flott, dann kam mir auf einmal ein Verdacht, der sich mit jedem Kapitel bestätigte.

Sind Grisham-Romane vielleicht nur lange, lange Inhaltsangaben von Romanen, die aber dann gar keine mehr zu werden brauchen, weil sie mit der Inhaltsangabe schon alles vertan haben, was sie sind?

Friday, September 13, 2013

Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert - Joël Dicker

Richtiger Page-Turner über den x-ten schreibgehemmten Schriftsteller der mittleren Belletristik. Sehr schön aber, wie sich der Plot bis zur letzten Seite windet und wendet. Starkes Vergnügen, bei dem ich übrigens festgestellt habe, dass sich das Buch - hörte die Audible-Lesung - auch sehr gut un 3-facher Geschwindigkeit lesen lässt.

Tuesday, September 03, 2013

Fliehkräfte - Stephan Thome

Alternder Professor ringt mit der Entscheidung, den Beamtenstatus abzuwerfen und einen Job in der freien Wirtschaft anzunehmen, um damit die Fernbeziehung mit seiner Ehefrau zu retten.

Dünne Story, man nimmt es dem Professor natürlich an keiner Stelle ab, dass er es ernsthaft vorhat und er wäre ja ein noch größerer Trottel, als er ist, wenn er es täte.

Ansonsten: Sprachlich gehobene Bewusstseinsreise mit viel Beziehungsgerede, aber ohne tiefere Erkenntnisse. Da hätte man sich von einem Philosophieprofessor schon an manchen Stellen etwas interessantere, jedenfalls überraschendere Reflexionen gewünscht.

Dennoch lesenswert.




Jennifer Dubois - Das Leben ist groß

Todkranke 30-Jährige (Chorea Huntington) verlässt Freunde, Familie und US-Standards, um in Russland von ehemaligen Schachweltmeister und politischen Oppositionellen den Kampf für eine verlorene Sache zu erlernen.

Die Storyline hört sich beim ersten Lesen besser an, als sie ist. Die Wahrheit ist: Hinter dem Verlieren gibt es keine große Philosophie, es ist einfach nur bitter, wie der Gesundheitstee, den Ex-Schach-WM Alexander seiner Jugendliebe Elisabeta aus den Restbeständen seiner Exfrau Nina serviert, als diese nach 30 Jahren und einem ganzen Leben später endlich wieder auf seiner Fußmatte steht.

Die Dubois erzählt das abwechselnd aus den Perspektiven der Kranken und des Weltmeisters. Das ganze nimmt recht schleppend seinen Lauf. Bis zur Mitte bewegen sie sich gleichsam auf zwei Zeitschienen aufeinander zu, dann arbeiten sie etwas zusammen, und dann gibt es das halbheroische Finale.

In einem Buch über Schach sollten natürlich die Schachdetails stimmen. Ganz überzeugend ist das nicht, aber um das zu merken muss man schon ein etwas besserer Schachspieler sein, der Rest wird es in Ordnung finden.

Alles in allem: gute Anlage, aber Hammer ist nicht draus geworden.

Saturday, August 24, 2013

Martin Amis - Koba, der Schreckliche


Erschütterndes Buch über die Greuel des Stalinismus. Bei solcher literarischer Spurensuche im Realen ist Amis fast am besten.


Eugen Ruge - Cabo de Gata

Schöner, klarer und eindringliche Schriftstellerroman. Ein wenig Sebald.


Hans Pleschinski - Königsallee

Schöne Hommage an Lotte in Weimar. Der alte Thomas Mann trifft die große Liebe Klaus Häuser wieder. Lebensresümierende Begegnung. Kammerspiel wie in Lotte: Leute geben sich die Tür in die Hand, darunter Erika und Golo Mann, Ernst Bertram etc. Vergnügen für Thomas Mann-Fans.


Tuesday, July 16, 2013

31. Falken - Hilary Mantel

Ein Buch über Umgang und Arbeit der Macht, zartgegliedert. Sehr schön in Verbindung mit der Fernsehserie "Die Tudors". Mantels Stil bemerkenswert: Kamerafahrt durchs Bewusstsein Thomas Cromwells. Gespannt, ob es einen dritten Teil geben wird, der dann auch Cromwells Ende umfasst.

Thursday, July 11, 2013

30. Die Naziliteratur in Amerika - Roberto Bolano

Geschichte einer Literatur, die es so gar nicht gegeben hat.
Nach 2666 und Lumpenroman nun also das dritte Buch des Chilenen dieses Jahr. Es ist schon beeindruckend, was für ein Spektrum sich da eröffnet. Die Naziliteratur in Amerika ist bis jetzt das kurioseste.
Der Verlag bezeichnet das Buch völlig ungeniert als Roman. Ich weiß nicht, ob Bolano das auch so gesehen hat. Jedenfalls handelt es sich tatsächlich um eine fiktive kleine Literaturgeschichte einer faschistoiden Literatur in den Amerikas im letzten Jahrhundert. In 33 kurzen Dichterporträts lässt Bolano hunderte von nie geschriebenen Werken aufblitzen. Der besondere Reiz: Die Simulation des Authentischen.

Saturday, July 06, 2013

28 Wolf Haas - Brenner und der Liebe Gott

Nach längerer Zeit mal wieder ein Wolf Haas, von dem leider keine E-Books auf dem Markt sind. Leider war die Verteidigung der Missionarsstellung nicht vorrätig, daher also Brenner und der Liebe Gott beim Buchhändler meines Vertrauens erstanden. Schön übrigens mal wieder Papier in der Hand zu haben. Angenehmes Schriftbild, angenehmer Geruch, nur das Cover ist etwas daneben. Die Schokoladenrippen legen das Niveau einfach ein paar Etagen zu tief an. Denn was Wolf Haas in seinen Romanen liefert, ist viel, viel exquisiter, als Krimiregalware.

Die Story ist nicht großartig: Bauunternehmerkind entführt, geschmiertes Großprojekt, Wirtschaft, Bank und Politik in einer Jagdhütte. Aber der Plot ist nicht wichtig bei Wolf Haas. Viel wichtiger ist bei diesem Autor das Musilsche bzw. das Doderersche. Sprache und Kommentar vor Handlung und Charakter, hier übrigens auf einer Linie mit Heinrich Steinfest. Daher haben diese angetäuschten Krimis auch so ein angenehm anderes Lesetempo: schwerelose Gemächlichkeit. Die Fabulierlust lässt sich gerne aufhalten, um bei Szenen zu verweilen und Details unter das Vergrößerungsglas zu legen. Damit liefern diese Romane etwas genuin Literarisches, was das Fernsehen so nicht imitieren kann.

Einer der großen Haas-Kniffe ist die Wiederbelebung des auktorialen Erzählers, hier in Gestalt eines Kneipenplauderers. Das ist ziemlich irritierend, funktioniert aber. Interessant auch, wenn man diese Perspektive auf den Romantitel bezieht: Wenn Erzähler und der Liebe Gott identisch sind - und wer sonst sollte der Erzähler sein - dann kommt es an mindestens einer Stelle zu bedeutungsvollen Begegnungen zwischen ihm und seiner Hauptfigur. An mehreren Stellen scheint dann ein überraschender religiöser Lichtstreif durch die alltagsrealistische Konstruktion.

Fazit: Vier Stunden angenehm beschwingte Gedankenunterhaltung.

Thursday, July 04, 2013

24-27 Das Lied von Eis und Feuer 6-9 - George R. R. Martin

Jetzt ganz drinnen, völlig absorbiert. Ein wirklicher Hexenmeister von einem Erzähler. Wie er dann auf einmal die gewohnten Perspektiven beiseite lässt und zwei Bände von ganz anderen Personen - einige davon hat man zu den Bösewichten gezählt - erzählt, ist toll. Allerdings ist es wirklich nicht möglich den Überblick über den ganzen Mittel- und Kleinadel zu bewahren.

Wednesday, July 03, 2013

6. Jose Carlos Somoza - Die 13. Dame

Ganz netter Mysterie-Thriller. Lag schon seit Jahren Regal.

23. Apostoloff - Sibylle Lewitscharoff

Roman der neuen Büchner-Preisträgerin. Reisegeschichte eines ungewöhnlichen Konvois: Ein Reicher US-Bulgare ünerführt im Rahmen eines lukrativen Projekts eine Handvoll toter schwäbischer Bulgaren zurück in ihr Herkunftsland. Das gibt der Erzählerin Gelegenheit, einen bitteren Blick auf dieses Land zu werfen.

Sehr gelungen sind Sprache, Ton. Im Spiegel bezeichnete ein Kolumnist Lewitscharoff als vom "Reinlichkeitswahn der schwäbischen Hausfrau getriebene Langeweilerin".  Das scheint weit hergeholt. Im Text verstreut sind sprachliche Diamanten, die aufzulesen viel Spaß macht, etwa wenn es über den verhassten Selbstmördervater heißt: "Er hatte immer ein Häubchen Schwermut auf dem Kopf". Oder über die Religionsferne der Schwester: "Ihr weiches, gutmütiges Herz sitzt im Stahlgehäuse des protestantischen Atheismus fest."

Motive: Engel, Religion; Hässlichkeit des Sozialismus, Vaterhass.

Tuesday, June 18, 2013

22. Ein plötzlicher Todesfall - Joanne K. Rowling

So direkt kann man das Soziale anpacken. Ohne formale Skrupel frisch hinein ins Menschenleben. Ein lebendiger, engagierter Roman, am Realismus des 19. Jahrhunderts geschult. Bin gespannt auf ihr nächstes.

Thursday, May 16, 2013

19. Das Ende einer Geschichte - Julian Barnes

Noch mal in der Übersetzung, weil ich dachte, etwas nicht kapiert zu haben. War aber nicht der Fall. Das Buch macht mehr aus einem Ereignis, als dieses eigentlich hergibt: Ein beleidigter Liebhaber schreibt einen giftigen Brief an den Freund, der jetzt mit seiner Ex geht. Das Schreiben wirkt sich wie ein Fluch auf dessen weiteres Leben und das des Mädchens aus. Doch der Briefschreiber ahnt nichts davon, bis er im Alter durch eine Erbschaft damit konfrontiert wird und merken muss, dass sich alles anders abgespielt hat, als er es in Erinnerung hat.

Im Prinzip kein schlechtes Motiv. Barnes bläht das ganze jedoch um einige geschwätzige Reflexionen über Zeit und Vergänglichkeit auf. Arthur & George war ein sehr viel besseres Buch.

17. Roberto Bolano - 2666

Der große Roman von Roberto Bolano 2666 also. Eigentlich handelt es sich um fünf Erzählungen. Einige haben durchaus das Kaliber ausgewachsener Romane. Das gilt vor allem für den ersten und die letzten  beiden Teile. Ersterer, "Der Teil der Kritiker", umfasst knapp 200 Seiten, "DerTeil von den Verbrechen" rund 350 und "Der Teil von Archimboldi"  über 300. "Der Teil von Amalfitano" und der "Teil von Fate" sind wesentlich kürzer, 80 und 150 Seiten.

Die Teile
"Der Teil der Kritiker" ist im Prinzip eine Art der Gelehrtenkomödie. Vier Kritiker aus verschiedenen Ecken Europas eint das Interesse an den rätselhaften Schriftsteller Archimboldi, ein vermeintlicher Nobelpreiskandidat, der aber seit Jahren verschwunden ist. Die Kritiker, drei Männer, eine Frau beginnen einen friedlichen Liebesreigen und enden schließlich auf der Suche nach Archimboldi in der Mexikanischen Grenzstadt Santa Teresa, due seit Jahrzehnten von einer epidemischen Frauenmordserie heimgesucht wird.

"Der Teil von Amalfitano" erzählt die Lebengeschichte des Mexikanischen Gelehrten Amalfitano, der später auch in Santa Teresa wohnt. Ihn lernen die Kritiker des ersten Teils in dem Ort kennen.

"Der Teil von Fate" schildert tarantinoartig die vergeblichen Aufklärungsversuche des US-Reporters Fate in Santa Teresa.

"Der Teil von den Verbrechen" reiht hunderte von Berichte über Frauenmorde aneinander. Einzelne Lebensgeschichten rücken nur hin und wieder durch ein Detail in den Vordergrund.

"Der Teil von Archimboldi" erzählt die Biografie Archimboldis, der sich am Ende ebenfals auf nach Mexiko macht, wo sein Neffe Klaus als Hauptverdächtiger einsitzt.

Schauplätze
Beeindruckend ist die Fülle an Schauplätzen, die der Roman passiert: London, Paris, Madrid, Lissabon, Mailand, Genf, Santa Teresa, New York, russische Dörfer und vieles mehr. Ein Abschnitt spielt sogar in Kempten. Ich kenne kein "globaleres" Buch.

Erzählweise
"Der Stil war eigenartig, die Schreibweise klar, manchmal geradezu transparent, aber die Art wie die Geschichten aneinanderreihten, führte nirgendwohin"; heißt es an einr Stelle über Archimboldi. Gilt auch für den Roman.

Schmerz der Welt
Eine Figur sagt an einer Stelle, dass in den Frauenmorde das Geheimnis der Welt verborgen liege. Und was ist das? Die unglaubliche, mäandernde Einsamkeit des Menschen.

Tuesday, May 14, 2013

21. George R.R. Martin - Sturm der Schwerter

Fortsetzung der großen Saga, leider vom Verlag hierzulande sehr zerhackt. Das Buch endet einfach, als hätte man es in der Mitte durchgeschnitten. Unschön.

Wieder sehr fesselnd im übrigen. Wenn auch sehr zu befürchten ist, dass sich all die Fäden niemals zusammenführen lassen. Ist aber auch egal, dabei sein ist alles. Und wie heißt es bei Goethe: Dass du nicht enden kannst, macht dich groß. Oder so ähnlich.

Sunday, May 12, 2013

20. Lob - Daniel Kehlmann

Sehr schöne Essays über Autoren und den eigenen Erfolg. Machen große Lust auf die fraglichen Bücher, kaufte zum Beispiel gleich eines von Imre Kertez. 

Am angenehmsten: die Leichtigkeit des Tons, die Selbstironie, der uneitle Umgang mit dem Ruhm.

Eindruck nach der Lektüre: Sollte seine Bücher sorgfältiger Lesen. Einer der besten Assets der deutschen Gegenwartsliteratur.