Friday, November 29, 2013

Alwin - Friedrich de la Motte Fouque

Romantischer Roman mit Affären, Rittern, Sängern, Predigern, Eremiten etc. Stellen von betörender Schönheit, dann wieder blasse Lieder und geradezu Tom-und-Jerry-haftes Getümmel von lächerlicher Gespreiztheit. Die Sprache teils kräftig, teils grotesk anarchisch.

Wednesday, November 27, 2013

Stephen King - Todesmarsch

Eines seiner besten: Düstere Zukunftsvision, Amerika unter einer Militärdiktatur, 100 Jungen machen sich auf den jährlichen "langen Lauf". Einzige Regel: Wer stehen bleibt wird erschossen. Ganz groß ist King immer dann, wenn er jugendliche Protagonisten wählt und deren Freundschaften beschreibt. Das große Thema dieses Buches ist das Sterben und er hat es brillant und furchteinflößend durchexerziert.
(Passenderweise als Hörbuch beim Laufen gelesen).


Thursday, November 21, 2013

Selma Lagerlöf - Gösta Berling



Der Empfehlung aus Rolf Vollmanns Wundertruhe Die wunderbaren Falschmünzer einmal mehr gefolgt. Es ist schon erstaunlich, was sich dem Leser da für Kostbarkeiten immer wieder offenbaren (und schön ist es auch, dass sie alle jetzt über das Internet gleich zur Hand sind). Rolf Vollmanns Romanverführer und die Erfindung des E-Books, was für ein Segen für den besessenen Leser, der hungrig nach immer neuen Lesewelten strebt.

Gösta Berling von der Literaturnobelpreisträgerin Selma Lagelöf ist ein Roman in 36 Einzelepisoden, die mehr oder weniger miteinander verknüpft sind. Gösta ist ein Pfarrer, der aufgrund seiner Trunksucht geschasst wird und als Bettler durch die Gegend zieht. Eine Gutsbesitzerin - die Majorin - nimmt ihn in ihren Kavaliersflügel auf - ein Teil ihres Gutes, auf dem bereits eine Reihe weiterer schräger Gestalten Obdach gefunden hat und die Gegend mit Streichen und Feten beleben. Verführt durch einen Teufelspakt verbannen die Kavaliere zu Beginn des Romans die Majorin und übernehmen selbst die Herrschaft über die Gegend. Es beginnt das Jahr der Kavaliere, in dessen Verlauf Land und Leute zwar viel feiern, moralisch und wirtschaftlich ziemlich auf den Hund kommen.

Der Roman ist aus einer Vielzahl von Episoden zusammengesetzt. Die meisten von ihnen können auch ganz für sich stehen. Zusammengehalten werden die Geschichten durch den Schauplatz und das wiederkehrende Personal. Neben Gösta Berling sind da vor allem seine Liebschaften Marianne Sinclaire und die Gräfin Elisabeth sowie der Teufelsbündler Sintram und viele andere.

Kraftvoll erzählt


Was den Roman so überaus lesenswert macht, sind neben der großartigen Naturschilderung und den Reichtum an Details aus Leben und Sitten der Menschen im Värmland und der hohe Unterhaltungswert der Geschichten. Fast immer geht es um Verführungen und Verfehlungen und die rettende Kraft der Liebe. Jede einzelne Geschichte erzählt eine innere Umkehr, einen persönlichen Wendepunkt. Alles ist mit unglaublichen psychologischen Feinsinn geschildert.

Zwar ist der feierliche Grundton und die religiöse Grundstimmung anfangs etwas gewöhnungsbedürftig. Aber das legt sich spätestens nach der Vertreibung der Majorin, wenn der Episoden-Rhythmus in die Gänge kommt. Dann teilt sich dem Leser auch der durchaus begeisternde Impetus des Werkes mit: "Ach Gösta, ein Mann muss alles, was das Leben bietet, mit mutigem Herzen und lächelnden Lippen ertragen."

Gösta Berling ist eine echte Entdeckung, gehört sicher zu den stärksten Büchern dieses Lesejahres.

Mut und Freude! Es ist, als seien diese beiden die ersten Pflichten des Lebens.

Tuesday, November 05, 2013

Guy de Maupassant - Stark wie der Tod

Stark wie der Tod, so bezeichnet der berühmte Maler in dem Roman seine Leidenschaft zur Tochter der alternden Geliebten. Und stirbt dann auch, überrollt von einem Omnibus, als er verwirrt durch die Straßen von Paris geht.
Kaum ein Buch dieses Jahr, das sich klarer, flüssiger, leichter gelesen hätte. Und dabei eines der ältesten.


Friday, November 01, 2013

Ilse Helbich - Grenzland Zwischenland




Ganz erstaunliches Buch einer schon sehr alten Autorin, geboren 1923. Es geht um die hautnahe Erfahrung des Alterns sozusagen auf der letzten Meile und die Vorbereitung auf das Sterben, vielleicht schon das Sterben selbst. Das ganze aber sehr kühl, ohne Larmoyanz oder Sentimentalität, einfach die Beschreibung von Vorgängen durch ein reflektierendes, poetisches Bewusstsein. Dabei immer wieder Beschreibungen von anrührender Schönheit. Zum Beispiel sitzt die Erzählerin bei einem Aufenthalt in Davos, ihre Tochter liegt im nahen Sanatorium, wahrscheinlich stirbt sie, in der Totenkapelle und betrachtet das Fresko, auf welchem die Toten, gesehen von den noch Lebenden in eine paradiesleuchtende Leere eingehen. Sie erscheinen überlebensgroß, wenden sich nicht um. Und hier dann das entscheidende Detail:
Die Fußsohlen der Fortgehenden leuchten jedoch schon in einem goldenen Schimmern. 
Grenzland Zwischenland - ErkundungenVon Leuchtspuren dieser Art ist das ganze Buch durchwoben, während es zugleich schonungslos die Mühen der schwindenden Lebenskraft vor Augen führt: Die Augen geben keine vollständigen Bilder mehr, der Körper ist müde, fällt häufig, eckt überall an, Zähne fallen aus, Namen verblassen aus dem Gedächtnis. Bei all dem gibt es aber immer noch einen leisen Antrieb, der sich als die vitalste Ressource dieses Lebens erweist: das Schreiben.

Dem Verfall steht auf der anderen Seite eben diese unglaubliche Hellsichtigkeit gegenüber, die häufig schon etwas jenseitiges hat. Das sind Erfahrungen, die Ilse Helbich buchstäblich aus dem Grenzland Zwischenland birgt und vor uns hinstellt. Über Musikhören sagt sie zum Beispiel an einer Stelle:

Jetzt eine Musik anders hören. Sie anhören, als würde sie in diesem Augenblick geboren, und zwar aus mir. Dabei die Verfassung des sie zur Welt Bringenden deutlich mitfühlen, ohne Sentimentalität und nicht sich einfühlend in einen anderen, sondern selber in der Verfasstheit des die Musik von Augenblick zu Augenblick Gebärenden.
Und gleich danach beschreibt sie diesen Antrieb des Gestaltenden ganz explizit:
Vor dem Anblick einer Landschaft fallen mir oft Bilder ein, als Möglichkeit, wie einer das malen könnte, und jedes dieser Bilder ist ein Versuch, die quälende Unbeschreibbarkeit des Umgebenden, sein Da-sein, sein bloßes, eigenschaftsloses Da-sein durch die eigene bestimmte Sehensweise in den Griff zu bekommen.
Eine sehr starke Erfahrung, dieses Buch.

Tuesday, October 29, 2013

John Williams - Stoner

Berührendes Buch über einen Dulder, klar, schnörkellos, klassisch. Stoner, ein Bauernsohn, fängt sich die Liebe zur Literatur ein, hat zwei Freunde, wird leidenschaftlicher Lehrer, heiratet schlecht, wird Vater, macht sich einen Feind, erlebt die große Liebe als Episode, verzweifelt, rafft sich zusammen, duldet großartig und stirbt.


Thursday, October 17, 2013

Tad Williams - Die dunklen Gassen des Himmels

Ein Engel als Private-Eye zwischen den Fronten des Himmels und der Hölle.


Ermüdend manchmal nur die Kampfszenen, die lesen sich oft wir komplizierte Vorgangsbeschreibungen. Entschädigt durch eine sehr gute Liebesgeschichte und einige urbane Beobachtungen und Stimmungen, die zeigen, was für ein toller Schriftsteller Tad Williams ist.

Thursday, September 26, 2013

Georg Klein - Sünde, Güte, Blitz

Georg Klein ist so ein Autor, den ich unbedingt gern haben will, mit dessen Büchern mir aber schwer tue.

Sünde, Güte, Blitz - ach, ich konnte damit gar nichts anfangen. Ist das eine aufgeblasene Kurzgeschichte um einen Kobold, der einen Arzt zu brillanter Diagnostik und einer Rentnerin zu unwahrscheinlicher Verjüngung verhilft, das aber wohl nicht soll und daher von einem Engel/Irgendwas gestoppt werden muss?

Das ganze bleibt sehr lau. Drei Nummern größer (Kobold plus Bundeskanzlerin und Jogi Löw) oder kleiner (Pumuckl für Erwachsene) - dann hätte ich es vielleicht gerne gelesen.

Versuche es jetzt mit dem Kindheitsbuch. Schließlich will ich den Autor mögen.

Das Komplott - John Grisham

Ein Grisham. Habe mal einen vor vielen Jahren gelesen, der mir aber nicht gefallen hat, Die Firma glaube ich.

Das Komplott habe ich wieder beim Laufen gehört - in dreifacher Geschwindigkeit. An Charles Brauer: Grisham muss man nicht langsam lesen. Da sind keine poetischen Zwischentöne, denen man lange nachlauschen will...

Die erste Hälfte fand ich recht flott, dann kam mir auf einmal ein Verdacht, der sich mit jedem Kapitel bestätigte.

Sind Grisham-Romane vielleicht nur lange, lange Inhaltsangaben von Romanen, die aber dann gar keine mehr zu werden brauchen, weil sie mit der Inhaltsangabe schon alles vertan haben, was sie sind?

Friday, September 13, 2013

Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert - Joël Dicker

Richtiger Page-Turner über den x-ten schreibgehemmten Schriftsteller der mittleren Belletristik. Sehr schön aber, wie sich der Plot bis zur letzten Seite windet und wendet. Starkes Vergnügen, bei dem ich übrigens festgestellt habe, dass sich das Buch - hörte die Audible-Lesung - auch sehr gut un 3-facher Geschwindigkeit lesen lässt.

Tuesday, September 03, 2013

Fliehkräfte - Stephan Thome

Alternder Professor ringt mit der Entscheidung, den Beamtenstatus abzuwerfen und einen Job in der freien Wirtschaft anzunehmen, um damit die Fernbeziehung mit seiner Ehefrau zu retten.

Dünne Story, man nimmt es dem Professor natürlich an keiner Stelle ab, dass er es ernsthaft vorhat und er wäre ja ein noch größerer Trottel, als er ist, wenn er es täte.

Ansonsten: Sprachlich gehobene Bewusstseinsreise mit viel Beziehungsgerede, aber ohne tiefere Erkenntnisse. Da hätte man sich von einem Philosophieprofessor schon an manchen Stellen etwas interessantere, jedenfalls überraschendere Reflexionen gewünscht.

Dennoch lesenswert.




Jennifer Dubois - Das Leben ist groß

Todkranke 30-Jährige (Chorea Huntington) verlässt Freunde, Familie und US-Standards, um in Russland von ehemaligen Schachweltmeister und politischen Oppositionellen den Kampf für eine verlorene Sache zu erlernen.

Die Storyline hört sich beim ersten Lesen besser an, als sie ist. Die Wahrheit ist: Hinter dem Verlieren gibt es keine große Philosophie, es ist einfach nur bitter, wie der Gesundheitstee, den Ex-Schach-WM Alexander seiner Jugendliebe Elisabeta aus den Restbeständen seiner Exfrau Nina serviert, als diese nach 30 Jahren und einem ganzen Leben später endlich wieder auf seiner Fußmatte steht.

Die Dubois erzählt das abwechselnd aus den Perspektiven der Kranken und des Weltmeisters. Das ganze nimmt recht schleppend seinen Lauf. Bis zur Mitte bewegen sie sich gleichsam auf zwei Zeitschienen aufeinander zu, dann arbeiten sie etwas zusammen, und dann gibt es das halbheroische Finale.

In einem Buch über Schach sollten natürlich die Schachdetails stimmen. Ganz überzeugend ist das nicht, aber um das zu merken muss man schon ein etwas besserer Schachspieler sein, der Rest wird es in Ordnung finden.

Alles in allem: gute Anlage, aber Hammer ist nicht draus geworden.

Saturday, August 24, 2013

Martin Amis - Koba, der Schreckliche


Erschütterndes Buch über die Greuel des Stalinismus. Bei solcher literarischer Spurensuche im Realen ist Amis fast am besten.


Eugen Ruge - Cabo de Gata

Schöner, klarer und eindringliche Schriftstellerroman. Ein wenig Sebald.


Hans Pleschinski - Königsallee

Schöne Hommage an Lotte in Weimar. Der alte Thomas Mann trifft die große Liebe Klaus Häuser wieder. Lebensresümierende Begegnung. Kammerspiel wie in Lotte: Leute geben sich die Tür in die Hand, darunter Erika und Golo Mann, Ernst Bertram etc. Vergnügen für Thomas Mann-Fans.


Tuesday, July 16, 2013

31. Falken - Hilary Mantel

Ein Buch über Umgang und Arbeit der Macht, zartgegliedert. Sehr schön in Verbindung mit der Fernsehserie "Die Tudors". Mantels Stil bemerkenswert: Kamerafahrt durchs Bewusstsein Thomas Cromwells. Gespannt, ob es einen dritten Teil geben wird, der dann auch Cromwells Ende umfasst.

Thursday, July 11, 2013

30. Die Naziliteratur in Amerika - Roberto Bolano

Geschichte einer Literatur, die es so gar nicht gegeben hat.
Nach 2666 und Lumpenroman nun also das dritte Buch des Chilenen dieses Jahr. Es ist schon beeindruckend, was für ein Spektrum sich da eröffnet. Die Naziliteratur in Amerika ist bis jetzt das kurioseste.
Der Verlag bezeichnet das Buch völlig ungeniert als Roman. Ich weiß nicht, ob Bolano das auch so gesehen hat. Jedenfalls handelt es sich tatsächlich um eine fiktive kleine Literaturgeschichte einer faschistoiden Literatur in den Amerikas im letzten Jahrhundert. In 33 kurzen Dichterporträts lässt Bolano hunderte von nie geschriebenen Werken aufblitzen. Der besondere Reiz: Die Simulation des Authentischen.

Saturday, July 06, 2013

28 Wolf Haas - Brenner und der Liebe Gott

Nach längerer Zeit mal wieder ein Wolf Haas, von dem leider keine E-Books auf dem Markt sind. Leider war die Verteidigung der Missionarsstellung nicht vorrätig, daher also Brenner und der Liebe Gott beim Buchhändler meines Vertrauens erstanden. Schön übrigens mal wieder Papier in der Hand zu haben. Angenehmes Schriftbild, angenehmer Geruch, nur das Cover ist etwas daneben. Die Schokoladenrippen legen das Niveau einfach ein paar Etagen zu tief an. Denn was Wolf Haas in seinen Romanen liefert, ist viel, viel exquisiter, als Krimiregalware.

Die Story ist nicht großartig: Bauunternehmerkind entführt, geschmiertes Großprojekt, Wirtschaft, Bank und Politik in einer Jagdhütte. Aber der Plot ist nicht wichtig bei Wolf Haas. Viel wichtiger ist bei diesem Autor das Musilsche bzw. das Doderersche. Sprache und Kommentar vor Handlung und Charakter, hier übrigens auf einer Linie mit Heinrich Steinfest. Daher haben diese angetäuschten Krimis auch so ein angenehm anderes Lesetempo: schwerelose Gemächlichkeit. Die Fabulierlust lässt sich gerne aufhalten, um bei Szenen zu verweilen und Details unter das Vergrößerungsglas zu legen. Damit liefern diese Romane etwas genuin Literarisches, was das Fernsehen so nicht imitieren kann.

Einer der großen Haas-Kniffe ist die Wiederbelebung des auktorialen Erzählers, hier in Gestalt eines Kneipenplauderers. Das ist ziemlich irritierend, funktioniert aber. Interessant auch, wenn man diese Perspektive auf den Romantitel bezieht: Wenn Erzähler und der Liebe Gott identisch sind - und wer sonst sollte der Erzähler sein - dann kommt es an mindestens einer Stelle zu bedeutungsvollen Begegnungen zwischen ihm und seiner Hauptfigur. An mehreren Stellen scheint dann ein überraschender religiöser Lichtstreif durch die alltagsrealistische Konstruktion.

Fazit: Vier Stunden angenehm beschwingte Gedankenunterhaltung.

Thursday, July 04, 2013

24-27 Das Lied von Eis und Feuer 6-9 - George R. R. Martin

Jetzt ganz drinnen, völlig absorbiert. Ein wirklicher Hexenmeister von einem Erzähler. Wie er dann auf einmal die gewohnten Perspektiven beiseite lässt und zwei Bände von ganz anderen Personen - einige davon hat man zu den Bösewichten gezählt - erzählt, ist toll. Allerdings ist es wirklich nicht möglich den Überblick über den ganzen Mittel- und Kleinadel zu bewahren.

Wednesday, July 03, 2013

6. Jose Carlos Somoza - Die 13. Dame

Ganz netter Mysterie-Thriller. Lag schon seit Jahren Regal.

23. Apostoloff - Sibylle Lewitscharoff

Roman der neuen Büchner-Preisträgerin. Reisegeschichte eines ungewöhnlichen Konvois: Ein Reicher US-Bulgare ünerführt im Rahmen eines lukrativen Projekts eine Handvoll toter schwäbischer Bulgaren zurück in ihr Herkunftsland. Das gibt der Erzählerin Gelegenheit, einen bitteren Blick auf dieses Land zu werfen.

Sehr gelungen sind Sprache, Ton. Im Spiegel bezeichnete ein Kolumnist Lewitscharoff als vom "Reinlichkeitswahn der schwäbischen Hausfrau getriebene Langeweilerin".  Das scheint weit hergeholt. Im Text verstreut sind sprachliche Diamanten, die aufzulesen viel Spaß macht, etwa wenn es über den verhassten Selbstmördervater heißt: "Er hatte immer ein Häubchen Schwermut auf dem Kopf". Oder über die Religionsferne der Schwester: "Ihr weiches, gutmütiges Herz sitzt im Stahlgehäuse des protestantischen Atheismus fest."

Motive: Engel, Religion; Hässlichkeit des Sozialismus, Vaterhass.

Tuesday, June 18, 2013

22. Ein plötzlicher Todesfall - Joanne K. Rowling

So direkt kann man das Soziale anpacken. Ohne formale Skrupel frisch hinein ins Menschenleben. Ein lebendiger, engagierter Roman, am Realismus des 19. Jahrhunderts geschult. Bin gespannt auf ihr nächstes.

Thursday, May 16, 2013

19. Das Ende einer Geschichte - Julian Barnes

Noch mal in der Übersetzung, weil ich dachte, etwas nicht kapiert zu haben. War aber nicht der Fall. Das Buch macht mehr aus einem Ereignis, als dieses eigentlich hergibt: Ein beleidigter Liebhaber schreibt einen giftigen Brief an den Freund, der jetzt mit seiner Ex geht. Das Schreiben wirkt sich wie ein Fluch auf dessen weiteres Leben und das des Mädchens aus. Doch der Briefschreiber ahnt nichts davon, bis er im Alter durch eine Erbschaft damit konfrontiert wird und merken muss, dass sich alles anders abgespielt hat, als er es in Erinnerung hat.

Im Prinzip kein schlechtes Motiv. Barnes bläht das ganze jedoch um einige geschwätzige Reflexionen über Zeit und Vergänglichkeit auf. Arthur & George war ein sehr viel besseres Buch.

17. Roberto Bolano - 2666

Der große Roman von Roberto Bolano 2666 also. Eigentlich handelt es sich um fünf Erzählungen. Einige haben durchaus das Kaliber ausgewachsener Romane. Das gilt vor allem für den ersten und die letzten  beiden Teile. Ersterer, "Der Teil der Kritiker", umfasst knapp 200 Seiten, "DerTeil von den Verbrechen" rund 350 und "Der Teil von Archimboldi"  über 300. "Der Teil von Amalfitano" und der "Teil von Fate" sind wesentlich kürzer, 80 und 150 Seiten.

Die Teile
"Der Teil der Kritiker" ist im Prinzip eine Art der Gelehrtenkomödie. Vier Kritiker aus verschiedenen Ecken Europas eint das Interesse an den rätselhaften Schriftsteller Archimboldi, ein vermeintlicher Nobelpreiskandidat, der aber seit Jahren verschwunden ist. Die Kritiker, drei Männer, eine Frau beginnen einen friedlichen Liebesreigen und enden schließlich auf der Suche nach Archimboldi in der Mexikanischen Grenzstadt Santa Teresa, due seit Jahrzehnten von einer epidemischen Frauenmordserie heimgesucht wird.

"Der Teil von Amalfitano" erzählt die Lebengeschichte des Mexikanischen Gelehrten Amalfitano, der später auch in Santa Teresa wohnt. Ihn lernen die Kritiker des ersten Teils in dem Ort kennen.

"Der Teil von Fate" schildert tarantinoartig die vergeblichen Aufklärungsversuche des US-Reporters Fate in Santa Teresa.

"Der Teil von den Verbrechen" reiht hunderte von Berichte über Frauenmorde aneinander. Einzelne Lebensgeschichten rücken nur hin und wieder durch ein Detail in den Vordergrund.

"Der Teil von Archimboldi" erzählt die Biografie Archimboldis, der sich am Ende ebenfals auf nach Mexiko macht, wo sein Neffe Klaus als Hauptverdächtiger einsitzt.

Schauplätze
Beeindruckend ist die Fülle an Schauplätzen, die der Roman passiert: London, Paris, Madrid, Lissabon, Mailand, Genf, Santa Teresa, New York, russische Dörfer und vieles mehr. Ein Abschnitt spielt sogar in Kempten. Ich kenne kein "globaleres" Buch.

Erzählweise
"Der Stil war eigenartig, die Schreibweise klar, manchmal geradezu transparent, aber die Art wie die Geschichten aneinanderreihten, führte nirgendwohin"; heißt es an einr Stelle über Archimboldi. Gilt auch für den Roman.

Schmerz der Welt
Eine Figur sagt an einer Stelle, dass in den Frauenmorde das Geheimnis der Welt verborgen liege. Und was ist das? Die unglaubliche, mäandernde Einsamkeit des Menschen.

Tuesday, May 14, 2013

21. George R.R. Martin - Sturm der Schwerter

Fortsetzung der großen Saga, leider vom Verlag hierzulande sehr zerhackt. Das Buch endet einfach, als hätte man es in der Mitte durchgeschnitten. Unschön.

Wieder sehr fesselnd im übrigen. Wenn auch sehr zu befürchten ist, dass sich all die Fäden niemals zusammenführen lassen. Ist aber auch egal, dabei sein ist alles. Und wie heißt es bei Goethe: Dass du nicht enden kannst, macht dich groß. Oder so ähnlich.

Sunday, May 12, 2013

20. Lob - Daniel Kehlmann

Sehr schöne Essays über Autoren und den eigenen Erfolg. Machen große Lust auf die fraglichen Bücher, kaufte zum Beispiel gleich eines von Imre Kertez. 

Am angenehmsten: die Leichtigkeit des Tons, die Selbstironie, der uneitle Umgang mit dem Ruhm.

Eindruck nach der Lektüre: Sollte seine Bücher sorgfältiger Lesen. Einer der besten Assets der deutschen Gegenwartsliteratur.

Wednesday, May 01, 2013

18. Sturmhöhe - Emily Bronte

Hörspiel. Ganz nett. Länger hätte es nicht sein brauchen.

Wednesday, April 17, 2013

16. Lumpenroman - Roberto Bolano

Erzählung, sonderbar an Kafka erinnernd. Die Gehilfen etwa. Klarheit des Stils, der seltsamer Weise relativ derailarm, trotzdem rätselhaft.

15. Christoph Ransmayr - Atlas eines ängstlichen Mannes

Masse an Kurzgeschichten an globalen Schauplätzen spielend, häufig reportagehaft anhebend, dann sich poetisch wendend, nicht
selten durch ein Tier. Es gibt Pfauen, Hunde , Faultiere, Katzen, Vögel, Elephanten, Haie, Varame, Anakondas, andere Schlangen und viele mehr.

Reizvoll das Nebeneinander des Atlas: Österreich neben Indien, Texas neben Guatemala etc.

Wednesday, April 10, 2013

14. Sand - Wolfgang Herrendorf

Verspielter Wüsten- und Abenteuerroman um Identität und Tod. Verfolgungen, Fluchten, Verstecke, Verhöre, Folterungen, Verstümmelungen. Und dann wieder alles von vorne. Einige Längen, aber insgesamt macht das Spiel einigermaßen Spaß.

Saturday, April 06, 2013

13. Caroline Alexander - Der Krieg des Achill

Beeindruckendes literarhistorisches Buch über die Ilias, das einen die schroffen Schönheiten des Werkes nahe bringt.

Friday, March 29, 2013

9. BROM - Der Kinderdieb

Seltsames Stück Urban Fantasy. Das Storytelling ist ziemlich gut gelungen, die integrierte Avalonwelt ist detailreich und farbig, auch die Hauptcharaktäre sind nicht ohne Facetten.

Thursday, March 21, 2013

11. Die Vermessung der Welt - Daniel Kehlmann

Unterhaltsame Doppelbiographie. Überzeugend durch Klarheit und Humor, der sich häufig aus der Ironie der langen indirekten Dialoge ergibt.

Saturday, March 16, 2013

10. Der Musikversteher - Hartmut Fladt

Sehr unterhaltsames Buch für alle, die verstehen wollen, was ihnen an ihrer Musik gefällt. Übrigens hat Fladt auch eine sehr schöne Kolumne bei Radio Eins.

Man würde ihm gerne eine Liste an Lieblingsliedern schicken, um sie sich analysieren zu lassen.

Wednesday, February 20, 2013

8. Thomas Knubben - Hölderlin. Eine Winterreise

Sehr anregender Bericht über eine Fußreise von Nürtingen nach Bordeau. Lust, auch so etwas zu machen

Tuesday, February 12, 2013

7. Abschied von Chautauqua - Stewart o'Nan

Ein ziemlich dicker Familienroman: Witwe, Schwägerin, Sohn, Schwiegertochter, Tochter, je zwei Enkel und Enkelinnen machen zum letzten Mal Ferien im Sommerhaus der Familie am Erie-See. Der Vater ist im Jahr darauf gestorben, jetzt soll das Haus verkauft werden. Daher der Titel.
In der Familie wächst der Widerstand gegen den Verkauf des Hauses, es bildet sich sogar eine Allianz, die den Handel im letzten Augenblick verhindern will. Aber Emily, die nervig-weise Matrichatin, bleibt standhaft, sie weiß, die Nachkommen haben es nicht mehr im Kreuz, auf dem Weg in prekäre Einkunftsverhältnisse, liegt dieser üppige Container an Lebenserinnerungen mittlerweile schlicht über ihrem gesellschaftlichen Niveau.
Gutes, sehr menschliches Buch, in dem auf angenehme Weise sehr wenig geschieht.

Tuesday, February 05, 2013

5. Der Talisman - Stephen King

Die Erinnerung an die Erstlektüre war besser. Schön die Wolf-Freundschaft. Dann aber doch sehr zäh.

4. Eugen Ruge - In Zeiten abnehmenden Lichts

Wider Erwarten sehr gutes Buch, so ist deutsche Literatur wettbewerbsfähig.

Friday, January 18, 2013

3. Janet Malcolm - Reading Tschechow

Tolles Buch über Tschechow, finde diese Art der literarischen Essayistik sehr ansprechend. Malcolm führt so interessant durch die Motivwelt des Russen, dass man die Primärtexte gar nicht mehr lesen braucht.

2. Friedrich Ani - Totsein verjährt nicht

Erster Ani. Ganz nett, aber auch kein ganz großer Hit. Dafür ist mir das Gewese um den Kommissar zu melodramatisch.

1. Salman Rushdie - Des Mauren letzter Seufzer

Ermüdet auf Seite 300 aufgegeben. Keinen Sinn für diese Art von Picaro-Exotik. Ähnlich wie bei Grass. Man rühmt diese Autoren immer als Geschichtenerzähler. Aber eigentlich sind sie mehr eine Art Ausmaler von relativ statischen Szenen. Ich will nicht sagen, dass es schlecht ist. Ich finde es aber mühsam. Und übrigens ist das ganze auch relativ arm an Denkanreizen.

Wednesday, December 26, 2012

69. Der Buchhändler von Archangelsk - Georges Simenon

Das sagt der Klappentext: 
"Jonas Milk, 40, ein sanfter und sensibler jüdischer Flüchtling aus Russland, Buchhändler in einer französischen Kleinstadt, liebt Bücher, Briefmarken und seine junge, untreue Frau Gina die eines Tages mit den teuersten Briefmarken spurlos verschwindet. Sie ist nach Bourges gegangen , sagt Milk, wenn er im Bistro gefragt wird, wann seine Frau wiederkommt. Und macht sich dadurch täglich immer verdächtiger. [ ] Dann erfährt er etwas, was ihn auf einen Schlag von jedem Verdacht reinwaschen könnte. Für mich einer der schönsten Simenon-Romane, den ich jedes Jahr mindestens ein Mal wiederlese." Pierre Assouline/Le Monde, Paris

Ein sehr guter, weil völlig geradliniger Roman. Mit ganz wenigen, genau gesetzten Pinselstrichen ist alles da: Atmosphäre, Details, Spannung. 

Die häusliche Geborgenheit z. B.: 

Manchmal spazierten die Mäuse durch die Kammer, wenn Gina und er im Bett lagen; sie kamen bis zum Fußende des Bettes, neugierig, so konnte man meinen, zu sehen, wie die Menschen schlafen, und die menschliche Stimme erschreckte sie nicht mehr.

Der Buchhändler, ein Fremder, fühlt sich an dem kleinen Marktplatz zuhause, eben weil er nicht zu den Straßen gehört, wo "die Leute in ihren Häusern wie in hermetisch verschlossenen Kammern wohnen und wo einer kaum seinen Nachbarn kennt."

Aber nachdem seine Frau verschwunden ist, er sich verdächtig gemacht hat, wird deutlich, dass er für sämtliche Nachbarn trotzallem ein Fremder geblieben ist:

Von einem Tag aus den anderen war er wieder ein Fremder geworden, einer aus einer anderen Sippe, einer anderen Welt, der gekommen war, ihr Brot zu essen und eine ihrer Töchter zu nehmen.
Dabei ist Jonas einer der liebenswertesten, harmlosesten Zeitgenossen:

In Wahrheit lebte er in seinem Innersten ein reiches und vielfältiges Leben - das der ganze Place du Vieux-Marché, des ganzen Viertels, dessen leiseste Pulsschläge er kannte.

Aber all der lokale Pantheismus stößt auf animalische Fremdheit. Daraus resultiert die tiefe Enttäschung, nicht aus der Untreue der Ehefrau. 

Eine einfache, eindringliche Geschichte, erzählt von einem Virtuosen der Klarheit. 



Saturday, December 15, 2012

68. Indigo - Clemens J. Setz

Anfangs sehr gut, aber ab der Hälfte sich in Abstrusitäten verlierend. Schüttet reichlich Zettel aus seiner Sammelkiste. Ein guter Schreiber. Aber dann zerfasert das ganze so, dass einen der Plot irgendwann nicht mehr sonderlich interessiert. Mahlstädter Kind ist besser, da kann man hin und wieder ab-Setz-en.

67. Josef Anton - Salman Rusdie

Geschichte der Fatwa. Bewunderungswürdig. Aber ob er ein angenehmer Zeitgenosse ist? Nicht sher nett, was er über einige seiner Freunde ausplaudert, zum Beispiel über Herold Pinter, der ihm mit gefaxten Gedichten auf die Nerven fiel.
Selbstdarstellung erinnert an Thomas Mann, die ja auch nicht unbedingt sympathisch ist. Aber darum geht es ja nicht. Es geht immer, immer um die Bücher. Oder?

Wednesday, November 28, 2012

65. Meine Gespräche mit Schriftstellern 1970-1974: Originaltonaufnahmen - Ludwig Arnold

Durchwegs interessante Gespräche - echte Gespräche. Interessant zu hören, wie eitel manche der Altautoren wirken. Grass, unheimlich von seinem politischen Tun eingenommen. Enzensberger mit nerviger Weigerung, sich auf nur eines der Themen einzulassen. Sehr erfrischend von der Grün und Böll dagegen. Walser wie man ihn heute noch kennt. Letztere drei authentisch. Erstere eher posierend.

Thursday, November 22, 2012

64. Nicholson Baker - Die Rolltreppe

Radikales Buch über das abenteuerliche Labyrinth der Alltagsdenkens.
Umfassende Beschreibung des Bewusstseins.
Faszinierend und von fast atemberaubender Kunstfertigkeit.

Saturday, November 17, 2012

63. Jan Caeyers - Beethoven. Der einsame Revolutionär

Biografie, aus dem einem ein schroffes, neurotisches Genie anschaut. Man merkt, wie sich Caeyers um die Wahrheit bemüht. Sehr gut die Beschreibungen von Beethovens Musik.

Friday, November 16, 2012

62. John Updike - Die Tränen meines Vaters

Der letzte Updike. Eigentlich nur zwei, drei Basisgeschichten in Variationen: Kindheit in der pensylvanianischen Provinz zwischen mächtiger Mutter und schwächlichem Vater; Klassentreffen mit Wiedersehen alter Angehimmelter; Reisen ins primitive, nicht-amerikanische Ausland. Häufig langweilig, aber immer durchsetzt mit Updike-Geschmeide.

61. Peter H. Gogolin - Calvinos Hotel

Über Volltext auf diesen interessanten Autoren gestoßen. Roman über das Rätsel einer Herkunft, inklusive Bosnienkrieg, Inzest und Hitlers V1. Auch ein Italienroman. Mit Vergnügen und Interesse gelesen. Manchmal wirkt das Arrangement etwas beliebig, episodenhaft (Drückerin in Stuttgart, Touristin in Venedig, Skeletthändler aus Russland). Stört aber nicht, im Gegenteil, gewährt Erholung von der etwas bedrückenden Familienstory.

60. Jim Thompson - Jetzt und auf Erden

Achtung, kein Krimi! Sondern: ein autobiografischer Roman über die großen Schwierigkeiten, kreativen Schaffens in Armut und Enge einer Unterschichtsfamilie.

Sehr nackt und offen und in seiner Authentizität anrührend. Wie karg das Leben war. Wie wenig die Leute hatten. Wie schwer es war, die Dinge zu ändern.

Ich habe gelesen, dass Thompson später dank Hollywood von seinem Schreiben gut hat leben können, aber dabei recht ausgenommen wurde. Er soll sich dann am Ende buchstäblich selbst ausgehungert haben.

Sunday, October 21, 2012

58. Ulf Erdmann Ziegler - Nichts Weisses

Interessanter Roman, weil hier eine Profession in den Mittelpunkt gerückt: Eine Typografin auf der Suche nach der perfekten Schrift. Dazu ihr kreatives Umfeld, die Eltern aus der Werbebranche etc.

57. Jenny Erpenbeck - Aller Tage Abend

Epochenpanorama verspielter Machart: Ein junges katholisch-jüdisches Paar in Galizien verliert die einzige Tochter. Der Mann verlässt sie, sie bleibt allein, prostituiert sich etc. Dann ein Intermezzo: Was wäre, wenn das Kind gerettet worden wäre. Wie anders wäre alles gekommen? Das Paar geht nach Wien, Weltkrieg, Inflation, Liebeskummer, das Mädchen, jetzt junge Frau bringt sich um. Aber was wäre, wenn alles anders gekommen wäre... Und so weiter über vier Generationen bis in die Gegenwart. Guter Roman, von klassischer Klarheit.

Monday, October 15, 2012

56. Der Russe ist einer, der Birken liebt - Olga Grjasnowa

Sehr guter Roman über eine junge, Frau in Berlin, die aus einer jüdischen Familie aus Aserbaidschan stammt und sich nach dem plötzlichen Tod ihres Freundes auf die Suche nach ihren Wurzeln macht, dabei aber völlig orientierungslos bleibt. Gelungen, der Ton und wie die Grjasnowa den Stoff beherzt anpackt und durchzieht und in jedem Kapitel mit Überraschungen und kleine Schönheiten aufwartet.

Wednesday, October 10, 2012

55. Henryk Sienkiewicz - Quo Vadis?

Fetziges, rasantes Stück katholischer Propaganda. Sehr unterhaltsam.

Friday, October 05, 2012

54. Heinrich Sudermann - Der Katzensteg

Teils kraftmeierischer, teils pathetischer Roman einer tabuisierten Liebe im Ostpreußischem zur Zeit der Befreiungskriege. Trotz Patina sehr packend.

Wednesday, September 19, 2012

53. Nina Bußmann - Große Ferien

Lehrer hängt seinen Beruf an den Nagel. Irgendwas scheint vorgefallen mit einem frühreifen Schüler. Jetzt jätet der Mann Unkraut und reflektiert über seine Laufbahn, seine Eltern, seinen Bruder, sein verpasstes Leben allgemein.

Erinnert vom Duktus an Thomas Bernhard. Sehr schön durchgehalten die Perspektive. Anrührend. Streckenweise bewusst unbequem.



52. Orringer, Julie - Die unsichtbare Brücke


Der junge Andras Levi besteigt den Zug nach Paris, will Architekt werden - und verliebt sich die neun Jahre ältere Claire Morgenstern, eine Ballettlehrerin die ein Geheimnis aus der Vergangenheit mit sich trägt. Es ist der Beginn einer großen, immer wieder Prüfungen unterworfenen Liebe. Auch Tibor und Matyas, Andras' Brüder, versuchen in dieser bedrohten Zeit ihr Glück zu finden. Als der Krieg die Brüder Levi in Budapest zusammenführt, ist das keine Heimkehr, sondern der Beginn einer Odyssee mit ungewissem Ende: Ein Kampf ums Überleben beginnt - gegen Hunger, Verfolgung und einen Schatten aus Claires früherem Leben, der trotz aller Bemühungen unüberwindbar zu sein scheint.

Breitwandliteratur. Bewegend. Manchmal anschmachtend. 

Wednesday, September 12, 2012

51. Die Flüsse von London

Schmarrn, der hin und wieder lachen lässt.

50. William Trevor - Turgeniews Schatten

Schönes, völlig unaufgeregtes Buch über einige normale Menschen auf dem irischen Land: Sie entscheidet sich für den Falschen, die Hochzeitsnacht floppt, seine bösen Schwestern reden sie in den Wahnsinn. Der, den sie eigentlich hätte nehmen sollen, bringt ihr noch schnell bei, wie schön alles hätte werden können, ehe er stirbt.

Solche Bücher sucht man in Deutschland vergebens.

Monday, August 20, 2012

49. Der Übergang - Justin Cronin

Endzeitepos, Mischung aus The Stand und True Blood: Militär will mit Supervirus Super Fighter züchten. Experiment missglückt, die 12 Versuchspersonen führen fortan ein Dasein als Super Vampire und entvölkern die Welt. Nur Amy, ebenfalls Teilnehmerin des Experiments, kann sie aufhalten. Ihr zur Seite steht ein A-Team aus Überlebenden...

Sehr biblisch alles natürlich, Amy oder Peter teilen sich die Jesus-Rolle.

Packend, dicht, elementar.

Monday, August 13, 2012

48. Gerbrand Bakker - Der Umweg


Aus der Zusammenfassung bei Suhrkamp:

An klaren Tagen kann man in der Ferne das Meer sehen, und auf den verwunschenen Wegen rings um das alte walisische Farmhaus ist lange niemand mehr gewandert. Es ist ein schöner Flecken Erde, den Agnes sich als Versteck ausgesucht hat. Die Gedanken an das, was sie von Amsterdam vertrieben hat – ihr ahnungsloser Mann, der junge Student, vor allem aber die verstörende Angst vor dem Kommenden –, lassen sich so leichter im Zaum halten. Nur manchmal wird ihr alles zuviel: daß der Fuchs sich eine Gans nach der andern holt oder daß der grobe Nachbarsfarmer schon morgens um neun in Socken vor ihr sitzt.
Da nistet sich eines Tages der junge Bradwen bei ihr ein. Ähnlich wie Agnes gibt er kaum etwas über seine Vergangenheit preis. Und Agnes, die nicht mit dem Rauchen aufhört, weil sie sich dafür zu krank fühlt, stellt fest: Vorsicht und Zurückhaltung sind nur etwas für die Gesunden.
Ein sehr schönes Buch, das ganz auf Atmosphäre setzt. Was braucht es dazu? Landschaft, ein Gedicht und eine Krankheit zum Tode. 


Wednesday, August 01, 2012

47. Wohin denn mit mir - Sigrid Damm

Sehr schönes Italienbuch. Die Damm hat eine ganz eigene Stimme. Die Mischung aus literarischem Essay - Die Bachmann, Che Guevara und immer wieder Goethe -, Autobiografie und Reisebilder immer anregend.

46. Die Serapionsbrüder - Hörspiel

Hoffmann. Immer irgendwie ergreifend, auch wenn vieles an dem pousierlichem Märchengedöns nervt.

45. Das Lied von Eis und Feuer - Teil 3

Souverän gut.

Thursday, July 19, 2012

44. W G Seebald - Austerlitz

Das 90-Min-Hörspiel. Seltsame Idee.

43. Das Haus - Andreas Maier

Buch über das Haus der Kindheit. Interessante Idee, aber letztendlich nicht genug Substanz. Nur selten beginnt der Text zu schwingen.

Friday, July 13, 2012

42. Die Lügen des Vaters - John Burnside

Wie alles von Burnside extrem lesenswert: Authentische Geschichte über eine Vater-Sohn-Hassliebe. Alkoholismus, Drogen, Gewalt. Angst vor dem Tod und Lügen in ein anderes Leben. Erschütternd.

Monday, July 09, 2012

41. Sibylle Lewitscharoff - Blumenberg

Buch über den Philosophen Blumenberg, dem eines Tages ein Löwe erscheint, um ihm metaphysischen Trost zu spenden.

Monday, July 02, 2012

40. Alles umsonst - Walter Kempowski

Was für ein Erzähler, welche Fülle an Details, wie ausgewogen das alles.

Für einen Kempowski eine Bibliothek Grass.

Saturday, June 30, 2012

39. Was davor geschah - Martin Mosebach

Sehr schöner Roman über eine Handvoll Menschen, die ihre Geschicke nicht im Griff haben. Alles wie bei Doderer.

Saturday, June 23, 2012

38. Das Lied des Achilles - Madeline Miller

Historischer Queer-Roman. Achilles und Patroklos, das Liebespaar. Kennenlernen, glückliche Adoleszenz. Dann das bekannte Geschehen vor Troja, alles atemberaubend schön.

Monday, June 18, 2012

37. Tage der Toten - Don Winslow

Elegisches Werk über drei Jahrzehnte Drogenkrieg. Definitiv was für HBO. Hauptsächlich auf einer langen Zugfahrt nach Göttingen und zurück.

Sunday, June 10, 2012

36. Jennifer Egan - News from the Goon Squod

Sehr gutes Buch, Storyreigen über mehrere Jahrzehnte mit vielen Personen und formalen Experimenten. Erstaunlich.

35. T.C. Boyle - Wenn das Schlachten vorbei ist

Mal wieder ein Boyle. Wie immer sehr sozialkritisch. Diesmal Artenschutz etc. Mäßig interessant.

Tuesday, April 17, 2012

30. Michael Buselmeier - Wunsiedel

Ein kurzes Buch, das einem sehr lang vorkommt.
Schoppe, ein alternder Schriftsteller, stattet Wunsiedel einen Erinnerungsbesuch ab, wo er vor über 40 Jahren als Jungschauspieler für die Festspiele engagiert war. Erinnerungen an Theater, damalige Freundin, Mutter, Jean Paul etc.
Eigentlich hat Buselmeier nicht viel zu all diesen Themen zu sagen. Mit Mühe wurde da ein Text so aufgeblasen, dass man gerade noch so das Etikett Roman draufkleben konnte.
Manchmal versucht sich der Autor in Bernhardscher Suada, was hier aber, weil so ohne Ironie, eher ein übles Licht auf den Helden wirft.
Ein unsympathische Typ, dieser Schoppe, es wundert einen nicht, dass ihn keiner leiden kann und von der Freundin verlassen wird.

Monday, April 16, 2012

29. Fred Vargas - Die Nacht des Zorns

Fred Vargas eben. Solide, klare, bekömmliche Krimikunst mit lauter Figuren, die natürlich viel zu gut, böse oder originell sind, um sie in der wirklichen Welt anzutreffen.

Nur leider wieder der alte Krimimechanismus, nachdem der Täter wider mal so überraschend ist, dass er überhaupt nicht überraschend ist, weil er von Anfang an der beste Überraschungskandidat ist. Aber gerade bei Vargas ist das egal. Weil einem eh fast egal ist, wer der Täter ist.

Friday, April 13, 2012

28. Madame Hemingway - Paula McLain

Sehr schöner Biografieroman über die Pariser Hemingways, über die man ja eigentlich alles zu wissen glaubt. Aber man hängt trotzdem oder vielleicht gerade deswegen an den Lippen der Erzählerin. Eindrucksvolles Frauenportrait in der tollsten Zeit ever.

Tuesday, April 03, 2012

27. Geister - John Banville

Rätselhaftes Buch mit Schönheiten. Gleicht einer Versuchsanordnung. Die poetische Belebung eines Gemäldes, das nicht existiert, allenfalls existieren könnte. Verwoben mit dem Fragment des Lebenslaufs eines Mörders.
Aber doch wenig Lust, dem Enigmatischen genauer nachzuspüren.

Saturday, March 24, 2012

26. Mittelreich - Josef Bierbichler

Roman im Stile einer Heimatchronik. Drei Generationen Seewirtschaft am Ammersee. Viele Seppels und Franzls und Maries.

Kräftig, aber doch mit einigen Schwächen: Anachronismen, Umständlichkeiten, Bemühtheiten.

Eigentümlich quälende Lektüre.

Friday, March 16, 2012

25. Judith Schalansky - Der Hals der Giraffe

Sehr gute Geschichte über eine Biologie-Lehrerin und Geschichtsdarwinistin an einem eingehenden Gymnasium irgendwo im tiefen Osten der Republik.
Eigentümlich anrührend zu erleben, wie die Heldin mit ihren Anschauungen (Recht des Stärkeren, nur die Starken überleben) scheitert, ohne so recht zu begreifen, warum. Judith Schalansky hat sich dafür die Sprache der Naturwissenschaft ganz für den inneren Monolog nutzbar gemacht. Gelungen das, weil auch sehr rhythmisch und an Koeppen erinnernd.
Nur halb gelungen ist die Zeichnung der Lehrerkollegen - der unverbesserliche Leninist, der phrasendreschende neue Direktor aus dem Westen, die verweichlichte Kollegin, die sich mit den Schülern duzt. Zwar plastisch, aber manchmal durch das Überzogene die dichte Fiktion störend. So zum Beispiel die Rede des Direktors oder das Ausweinen der Kollegin an der Schulter der harten Heldin.
Sehr gekonnt der Schluss, das plötzliche Infragestellen des gesamten Weltbildes. Wie eine brechende Fensterscheibe.

Monday, March 12, 2012

24. Christian Kracht - Imperium

Stilistisches Bravourstück, das mich aber kalt gelassen hat.

23. David Vann - Im Schatten des Vaters

Ziemlich düstere, teils überraschende Selbstmordgeschichte.

Existentialistisch ausweglos wie Die Straße oder Die Wand.

Thursday, March 08, 2012

22. Gegen die Welt - Ian Brandt

Sehr dickes Buch, Coming of Age in der norddeutschen Provinz in den 80ern.
Streckenweise doch recht lang.
Avantgardistischer Einbezug des Druckbilds in die Darstellung. Halbherzig.
Erwartungen nicht ganz erfüllt.

21. Das Attentat - Stephen King

Der nächste Tausendseiter des Meisters. Ähnlich erfreulich wie die Arena. Jetzt lässt er die langweiligen Monster und Geister beiseite und widmet sich den großen Themen, die ja an sich schon genug Horror bergen.

Eigenartiges Phänomen festgestellt: Seine Sprache hinkt der Handlung eigenartigerweise häufig etwas hinterher. Eigentümlich schwerfällig bewegen sich die Figuren durch die Kulissen. Vielleicht weil doch zu viel erzählt wird.

Egal, es ist immer wieder gut. Und wird besser. Mal schauen, was als nächstes kommt.

Sunday, February 26, 2012

20. Heinrich von Kleist - Michael Kohlhaas

Starke Novelle. Der Kleist-Stil höchst interessant. Das überschnelle zum Punkt kommen, die Synthax dabei (über)spannend wie einen Bogen. Dabei sehr szenisch u. bildhaft.

Saturday, February 18, 2012

19. Erika Mann - Das letzte Jahr

Thomas Manns letztes Jahr aus Sicht seiner töchterlichen Privatsekretärin. Noch mal prall gefüllt mit Ehrungen, Werken, Reden etc. Dann Thrombose und schnelles Ableben. Natürlich alles sehr Zauberberg-mäßig verbrämt.

Friday, February 17, 2012

18. Clemens J. Setz - Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes

Nachdem ich die erste Geschichte fast nicht heruntergebracht hätte das Buch in 2 Tagen verschlungen. Alles sehr dramatische Geschichten, im Grunde kleine Kammer- und Kabinettstückchen. Manchmal lachen müssen. Im Grunde ein großer Schabernack.

Wednesday, February 15, 2012

17. Hiobs Brüder - Rebecca Gable

Tolle Story, nach langsamen Anlauf in vier Tagen durchgeritten. Alles sehr feinsinnig. Beste Ritterunterhaltung.

Saturday, February 11, 2012

16. Das Mädchen - Angelika Klüssendorf

Sehr fesselndes, verstörendes Buch. Sozialdrama im Sozialismus, was es ja nicht geben sollte. Eine Art Anton Reiser der DDR der 60er Jahre, also ein negativer Entwicklungsroman, in dem die Heldin von einem Kreis der Hölle in den nächsten kommt.

Unglaublich viel Gewalt und Elend. Erschütterung über das im übelsten Sinne verschlagene (im Sinne von zerschlagen) kindlich-poetische Gemüt.

15. The Sense of an Ending - Julian Barnes

Das hochgelobte Booker-Preis-Buch von Julian Barnes also.

Das Konzept des Romans besteht darin, dass der Held Toni Webster im Alter darauf gestoßen wird, mitverantwortlich für den Selbstmord eines Freundes in der Jugend gewesen zu sein.

Natürlich lädt das Konzept zu vielen altersweisen Reflexionen über den Fluss der Zeit und den Trug der Erinnerung ein. Manchmal etwas zu viel. Aber hätte man das gekürzt, dann wäre schwerlich ein Roman übrig geblieben.

Trotzdem angerührt über das Motiv des Wendepunkts am Ende des Lebens.

Tuesday, February 07, 2012

14. Der Fliegenpalast - Walter Kappacher

Stilles Buch über die Empfindlichkeiten der Inspiration. Immer hofft Hoffmannsthal auf die richtige Arbeitsstimmung, doch überall greift er ins Leere, wie es in der FAZ-Rezension heißt.

Klar, das Handke das gefällt.

Saturday, February 04, 2012

13. Ein Hungerkünstler - Franz Kafka


Neben Ein Hungerkünstler auch Erstes Leid, Eine kleine Frau und Josefine, die Sängerin oder das Volk der Mäuse. Die kleine Frau fällt dabei etwas ab.

Der Schluss von Josefine:
Vielleicht werden wir also gar nicht sehr viel entbehren, Josefine aber, erlöst von der irdischen Plage, die aber ihrer Meinung nach Auserwählten bereitet ist, wird fröhlich sich verlieren in der zahllosen Menge der Helden unseres Volkes, und bald, da wir keine Geschichte treiben, in gesteigerter Erlösung vergessen sein wie alle ihre Brüder.
Auffällig in den Erzählungen die oft farblose und ungelenke Verwaltungssprache. Eigentlich wenig bildhaft, eine Art Grau-in-Grau-Textur. Das ist aber nur die Folie, der Hintergrund, vor dem plötzliche Bewegungen, krasse Bilder nur um so stärker hervortreten.

Friday, February 03, 2012

12. Du stirbst nicht - Kathrin Schmidt

Starkes Konzept: 42-jährige Autorin kommt nach Schlaganfall in der Klinik zu sich. Muss sich nach und nach ihr Leben wieder zusammensetzen. Vieles weiß sie nicht mehr, muss ihre Sprache neu lernen. Auch die Gefühle sind auf Null zurückgesetzt.

Liebt sie ihren Mann? Wollte sie sich wegen einer Affäre mit einer Transsexuellen trennen? Hatten sie sich schon getrennt? Nach und nach lösen sich die Gleichungen.

Der Schluss sehr stark: Wie Helene über das Schreiben wieder zu sich selbst findet, sich ihrer selbst wieder vergewissert. Das sind so Sätze aus dem Germanistik-Seminar. Hier aber sehr, sehr konkret.

Gänsehautschluss, buchstäblich in den letzten Sätzen.

11. Schreiben dicht am Leben - Hanns-Josef Ortheil

Nette Studie über eine literarisch-kreative Leidenschaft, die sich mehr und mehr auszubreiten scheint. Idee: bewusster Leben durch fortwährendes Sammeln und Filtern der Außen- und Innenreize.

Schöne Lektüretipps auch. Der Übungsteil etwas überflüssig, oder? Obwohl.