Saturday, December 31, 2011

Ortheil - Die geheimen Stunden der Nacht

Netter Roman über das Verlags-Milieu. Ortheil ist ein sehr sauberer, "klassischer" Stilist. Das Thema: Wer wird der Nachfolger des Super-Verlegers? Entscheidung wie bei Isaak: Welcher der Söhne kocht das beste Linsengericht bzw. macht das beste Europa-Projekt.

Gut: Sprache, Stimmungen
Naja: Der Plot. Wenn es nur eine atemberaubende Frau im Roman gibt, ist es nicht sehr überraschend, dass die neue Geliebte des Sohnes die alte seines Vaters ist. Schön allerdings, dass er der Nachfolger wird. Man erwartet bei so einem Buch natürlich, dass der Held am Ende leer ausgeht.

Sunday, December 25, 2011

Flashback - Dan Simmons

Scifi-Thriller von Dan Simmons. Flashback ist die Droge, durch die in der Zukunft die Japaner die Amerikaner einschläfern, um die Weltherrschaft an sich zu reißen. Genau.

Wie kann ein Autor, der so brillante Bücher wie Drood und Terror geschrieben hat, so einen Mist abliefern: Die westliche Welt ist hin, das arabische Kalifat breitet sich unaufhaltsam aus. Europa und Amerika sind an ihren teuren Sozialsystemen verhungert. Israel wurde von den Iranern pulverisiert. Nur die Japaner haben noch genug Mumm im Leib, um die Welt mit mittelalterlichen Mitteln zusammenzuhalten. Und vieles mehr. Los ging der ganze Mist mit der Wahl Obamas.

Ohne Worte.

Wednesday, December 14, 2011

Charles Dickens - David Copperfield

Eines der Basisbücher der Literatur. Dickens hat es ganz, das Erzähler-Gen. Wie kaum ein anderer lässt er die Bilder leuchten.

Übrigens erinnert der Stil stark an Thomas Mann. Leitmotivik, Ironie, Bürgertum.

Die souveräne Leserin - Alan Bennett

Charmantes Kabinettstück aus der Rubrik Literatur-Literatur: Lesen befreit und weitet die Weltsicht. Lesen ist aber noch nicht Handeln. Erst Schreiben ist Tun.

Tuesday, November 29, 2011

Thursday, November 24, 2011

G. K. Chesterton - Über Charles Dickens

Zur Einstimmung für die Dickens-Lektüre, die ich mir schon lange vorgenommen habe.

Erstaunt, wieviel Chesterton über Dickens zu schreiben weiß. Angeregt von der dialektischen, an der klassischen Rhetorik geschulten Denkart.

Saturday, November 19, 2011

Heinrich Steinfest - Gewitter über Pluto

Hin und wieder einen Heinrich Steinfest. Wie einen guten Wein, der den Leser dann, im Ohrensessel sitzend, mit seinem Gewicht überrascht. Musil auf Krimi. So auch Gewitter über Pluto.

Zehn Gründe, warum man Steinfest lesen sollte:

  1. Spiellust. Stell dir zwei, drei Abstrusitäten vor und lass sie im Roman dann aufeinander los.
  2. Gedankenranken. Es lohnt sich tatsächlich, über so gut wie alles nachzudenken. Und sich davon überraschen zu lassen.
  3. Weil man sieht, was aus Musil hätte werden können.
  4. Weil man Lust auf so was wie Musil bekommt.
  5. Weil man dieser Lust nicht nachgeben muss. Besser liest man einen anderen Heinrich Steinfest.
  6. Weil er aus der Alltagswelt einen Abenteuerspielplatz zu machen versteht.
  7. Wegen des Interieurs. Immer gibt es Herrenabende bei Gespräch und Getränk.
  8. Der Metaphernwut. Der Manie, an alles noch ein Bildchen zu hängen.
  9. Des Trotzes gegen politische Korrektheit. Dabei weiter weg von Chauvinismus, als der Pluto vom Stuttgarter Hauptbahnhof.
  10. Wegen des unaufgeregt Phantastischen.





Poetiken 1: Umberto Eco - Der Friedhof von Prag

Eco-Bücher sind ja immer ein Ereignis.
Jedenfalls, was die öffentliche Aufmerksamkeit betrifft.
Umberto Eco ist der Vertreter eines intellektuellen (?), historischen Romans. So auch der Friedhof von Prag.

Wie unterscheidet sich der intellektuelle (?), historische Roman von einem Bernard Cornwell-Roman? Eco verzichtet auf Elemente, die den eigentlichen Reiz von Abenteuerromanen - und das sind historische Romane ihrem Wesen nach - ausmachen: Spannung, Schildwälle, Heroen, Prinzessinnen und Drachen.

Bei Cornwell & Co gibt es Cinemascope. Bei Eco gibt es Schwarten. Bei Cornwell riecht es nach Eisen, Braten und Blut. Bei Eco nach Staub und Papier. Bei Cornwell gibt es klare Projekte mit Anfang und blutigem Ende. Bei Eco gibt es Ausschweifungen ohne Ende. Bei Cornwell ist die Verschwörung ein Treibmittel unter mehreren. Bei Eco ist alles Verschwörung.

Und bei Eco gibt es etwas, was es bei Cornwell nie gibt: Wüsten der Langeweile und Plotelemente, die nach durchgelaufenen Reisestiefeln des späten 18. Jahrhunderts müffeln.

Ich habe erst ein Eco-Buch mit Vergnügen gelesen und das war sein Gassenhauer Der Name der Rose. Einige habe ich angefangen, aber verworfen. Baudolino habe ich durchgezogen, war dabei aber sehr gequält. Der Friedhof von Prag war da etwas besser. Aber richtig gut war er auch nicht. Warum?

  • wegen Ecos Zitierwut, statt Fabulierlust
  • wegen seiner buchstaubinduzierten Handlungspneumonie
  • wegen der lästigen Modeerscheinung, den Geschichten Kochrezepte - gleichsam als Mehrwert - beizumengen.

Ich würde mal sagen, dass das vorerst der letzte Umberto Eco für mich war. Und komme damit - etwas spät - auf die Linie von Wolfgang Tischer und Jurek Becker. Die Lebenszeit ist zu kurz.

Monday, November 07, 2011

Die 13 1/2 Leben des Käpt'n Blaubär - Walter Moers

Liebenswerte Phantasie über die Abenteuer eines phantastischen Wesens in einet phantastischen Welt. Stark in der Ausgestaltung, sichere Spannungsbögen. Ganz und gar eigene Welt, nichts Vergleichbares. Inbegriff naiver, reiner Kreativität.

Saturday, October 29, 2011

Melinda Nadj Abonji - Tauben fliegen auf

Die Vojvodina [ˈvɔjvɔdina] (kyrillisch Војводина; deutsch auch Wojwodina oder Woiwodina; ungarisch: Vajdaság) ist eine autonome Provinz in der Republik Serbien. Sie macht den Landesteil nördlich der Save und Donau aus, dessen administrative Grenze vom Westen her überwiegend an der Save entlang (am Bezirk Belgrad mit einem Bogen Richtung Norden) und weiter in Richtung Osten zur rumänischen Grenze überwiegend an der Donau entlang verläuft. Die Provinzhauptstadt ist Novi Sad.
Aus der Vojvodina stammen die Schriftsteller:
Alexander Tisma
Otto Tolnai

Und die 1968 geborene Schweizerin Melinda Nadj Abonji. In "Tauben fliegen auf" geht es um das Leben zwischen zwei Welten.

Darum geht es: Es ist ein schokoladenbrauner Chevrolet mit Schweizer Kennzeichen, mit dem sie zur allgemeinen Überraschung ins Dorf einfahren, und die Dorfstraße ist wirklich nicht gemacht für einen solchen Wagen. Sie, das ist die Familie Kocsis, und das Dorf liegt in der Vojvodina im Norden Serbiens, dort, wo die ungarische Minderheit lebt, zu der auch diese Familie gehört.
Oder, richtiger, gehörte. Denn sie sind vor etlichen Jahren schon ausgewandert in die Schweiz, erst der Vater und dann, sobald es erlaubt war, auch die Mutter mit den beiden Töchtern, Nomi und Ildiko, und Ildiko ist es, die das hier alles erzählt. So auch den Besuch im Dorf, der dann nicht der einzige bleibt, Hochzeiten und Tod rufen sie jedesmal wieder zurück ins Dorf, wo Mamika und all die anderen Verwandten leben, solange sie leben.
Zuhause ist die Familie Kocsis also in der Schweiz, aber es ist ein schwieriges Zuhause, von Heimat gar nicht zu reden, obwohl sie doch die Cafeteria betreiben und obwohl die Kinder dort aufgewachsen sind. Die Eltern haben es immerhin geschafft, aber die Schweiz schafft manchmal die Töchter, Ildiko vor allem, sie sind zwar dort angekommen, aber nicht immer angenommen. Es genügt schon, den Streitigkeiten ihrer Angestellten aus den verschiedenen ehemals jugoslawischen Republiken zuzuhören, um sich nicht mehr zu wundern über ein seltsames Europa, das einander nicht wahrnehmen will. Bleiben da wirklich nur die Liebe und der Rückzug ins angeblich private Leben?

So ungefähr.

Ein gutes Buch, ein bewegendes Buch. Die Sprache ist melodisch, rhythmisch, wie man sagt, mit langen Perioden und Wortwiederholungen. Die Motive kreisen Familie, Liebe, Krieg und das Leben in der Fremde.

Das Buch macht fühlbar, was das ist, Heimat. Wohlstand und Status haben damit nichts zu tun. Es sind die Menschen, die Tiere, die täglichen Wege, die Bäume, die Straßen, die Landschaft. Heimat ist das, was weh tut, wenn man daran denkt.

Monday, October 24, 2011

Margret de Moor - Der Maler und das Mädchen

Sehr schöner historischer Roman. Die Vitalität, das Gemäldehafte, die Landschaften, die Melancholie, das Staunen über die Schönheit des Lebens und dessen Ende. Die Bitterkeit.

Wednesday, October 19, 2011

Stark - The Dark Half - Stephen King

Neulektüre nach gut 20 Jahren. Diesmal im Original. Besser noch, als ich mich daran erinnere. Trotz der Länge eines von Kings kompakten Kammerspielen.

Schriftsteller gebiert geisterhaften Pseudonymzwilling und lässt diesen erfolgreiche Krimis schreiben. Als er den Doppelgänger symbolisch begraben will, kehrt der wieder, mordet und droht, die Herrschaft über das Doppel-Ich zu übernehmen. Einige Millionen Sperlinge bringen die Rettung.

Alles natürlich sehr poetologisch und autobiografisch natürlich. Einige Schwächen (die Beweislage gegen Thad Beaumont, die Telefoniererei, die Sperlingskiste, das Wühlen im Gedärm). Aber: immer noch frisches Leseerlebnis.

Der Film ist auch ganz in Ordnung.

Die Kunst des Erzählens - James Woods

Gutes, erhellendes Buch über das Geschichtenmachen und -lesen.

Wednesday, October 05, 2011

Christine - Stephen King

Gehe sie alle wieder durch, die King-Leseerlebnisse. Diesmal als Audible-Hörbuch.

Erinnere mich noch an die zwei, drei Tage, an denen ich das Buch vor 25 Jahren gefressen habe. Kein anderes Buch hat meinem Alter, dem Sound meines Alters so entsprochen, wie Christine.

Und es hat kaum etwas von seiner Frische eingebüßt. Sicherlich eines der besten Bücher Kings. Nirgends ist er besser, als im Erzählen von Freundschaften der Jugend.

Die Geschichte ist eine klassischer Teufelspaktplott: Junge verkauft seine Seele für eine Auto, das ihm Schönheit, Ansehen, Freiheit, Liebe bringt. Doch wie immer wendet sich der Pakt gegen den Nutznieser.

Als nächstes Stark.

Wednesday, September 21, 2011

In Thin Air - John Krakauer

Das packendste Buch in diesem Jahr vielleicht. Liegt am Stoff natürlich, was kann es pannenderes geben, als die Besteigung des Dachs der Welt. Würde das auch als Roman funktionieren?

Dachte an David Shields. Ganz in seiner Poetik.

Gedanke: Wie wäre es, diese Authentizität in einen fiktiven Werk zu imitieren? Und das vielleicht mit einen phantastischem Stoff. Hm.

Saturday, September 10, 2011

Open City - Teju Cole

Ich sah auf Kulturzeit einen Film über Teju Cole. Er lief durch New York und fotographierte wie blöd mit einer schönen alten, analogen Leica. Dabei erzählte er von seinen Wanderungen durch die Stadt und die unterschiedlichen Perspektiven, die sich ihm boten und den Menschen, die er sah und den Entdeckungen, die er machte. Zum Beispiel machte er darauf aufmerksam, dass der Central Park eine Art Neandertal der Sklaven ist, in dem vor kurzem tatsächlich auch geologische Ausgrabungen stattgefunden hatten, sich aber niemand wirklich dafür interessiere und der Ort der Vergessenheit so der Vergessenheit anheimfiel. Wie überhaupt so vieles ohne Gedächtnis war, ganz einfach, weil es kein Bauwerk gab, das an die Ereignisse erinnerte. Ich glaube, der Beitrag handelte allgemein von 9/11 und gar nicht so sehr von seinem Buch Open City und irgendwie war was er sagte ein Kommentar zum 10. Jahrestag der Ereignisse. Etwas gefiel mir an dem Beitrag. Ich weiß nicht, ob es das Motiv des Flanierens war oder die Ansichten des jungen Schwarzen oder auch nur die Stadt selbst und die Art und Weise, wie er sich durch sie bewegte und wie er sie sah.

Ich lud mir einen Auszug auf mein Kindle - übrigens noch in der selben Stunde, in der ich Jon Krakauers Into thin Air beendet hatte, das aufregenste und aufwühlenste Buch, das ich bis dato in diesem Jahr gelesen hatte.

Und gleich das erste Kapitel nahm mich gefangen. Die Beschäftigungen des einsamen Flaneurs waren mir vertraut: lange, ziellose Spaziergänge, lautes Lesen im Zimmer, Klassikradio, die Stimmen der Sprecher in der Nacht, Mahler, Gedichte auswendig lernen und vieles mehr.

Dann der Sebald-Ton, der Verzicht auf Plot, die lyrischen Essays, das Authentisch-Tagebuchhafte, der in die Prosa übergehende Rhythmus des Gehens durch Stadt und Geschichte - all das genau mein Blues.

Friday, September 09, 2011

Murakami 1Q84

Mein erster langer Murakami. Eine der besseren Lektüren dieses Jahr bis jetzt. Sehr fesselndes Buch.

Murakami hat eine ganz eigene Art die Sache anzugehen. Sehr handwerklich, sehr klar und auf ein Ziel gerichtet.

Ein Mann und eine Frau sind durch ein Ereignis in der Kindheit miteinander verbunden. Seither haben sie sich nicht mehr gesehen. Im Roman steuern sie aufeinander zu.

Was meine Bewunderung erregt, ist die Klarheit und geradezu klassische Komposition des Buches. Diesem Aufbau schein alles untergeordnet zu sein, auch der Stil. Dieser drängt sich nirgends auf, ja, es wirkt geradezu, als legte sich Murakami hier ganz bewusst äußerste Zurückhaltung auf. Ich glaube, dass das Absicht ist und dass sich hinter dieser Zurückhaltung ein großes künstlerisches Können verbirgt.

Erstmals aus dem Japanischen
Murakamis Bücher sind bislang immer aus dem Englischen übersetzt worden. Das hatte mich immer misstrauisch gemacht. Dies ist wohl das erste, das direkt aus dem Japanischen übertragen wurde. Ich denke, dass man Murakami so besser gerecht wird.

1Q84 scheint erst der Auftakt zu einer mehrbändigen Sache zu sein. Werde dran bleiben.


Monday, August 22, 2011