Ein Klassiker der amerikanischen Moderne: Eine Kleinstadt im Süden der USA, kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs. Zwei Taubstumme leben zusammen, bestreiten als Freunde gemeinsam ihren Alltag. Der eine von ihnen tickt langsam etwas aus und landet in einer Psychiatrie. Der andere - Mr Singer - hält ihm die Treue, besucht den Freund im Urlaub, macht ihm tolle Geschenke (z.B. Filmprojektor). Doch der andere wird krank stirbt, woraufhin Mr Singer sich erschießt.
Das ist der Rahmen. Dazwischen spielen sich die Geschichten von vier weiteren Personen ab: einem 13-jährigen Mädchen mit einer genialen Begabung für Musik; einem farbigen Doktor mit dem Ziel, sein Volk vom "großen Ziel" zu überzeugen; ein Revolutionär und Alkoholiker, der sich für einen Wissenden hält und die Menschen zum Streik aufrufen möchte; einem Cafébesitzer, dessen Frau stirbt und der sich heimlich nach Kindern sehnt. Sie alle eint, dass sie mit ihrem Gesprächsbedarf in Mr Singer einen geeignetes Gegenüber sehen. Zu ihm kommen sie, um ihre Herzen zu öffnen, ohne dass er sie wirklich verstehen würde und ohne dass sie sich um seine Bedürfnisse im geringsten kümmern würden.
Sehr schön, wie diese Geschichten parallel entwickelt werden und wie viel Raum da für anrührende, dramatische Ereignisse bleibt. Auch sehr schön sind die vielen Nebenfiguren wie das Dienstmädchen Portia, die ihre Familie zusammenhält, oder der kleine Bruder Bubber, der versehentlich ein Nachbarskind anschießt etc.
Ein Blog über das Stöbern im Grenzland zwischen U und E. Ausflüge ins Landesinnere inklusive.
Wednesday, August 21, 2019
Andreas Maier - Die Universität
Fortsetzung des autobiografischen Experiments, hier auch mit halb-lyrischen Formen experimentierend, so etwa bei der Autofahrt zum Campus. Irgendwann wird es eine dreibändige Gesamtausgabe der 13 Romane geben.
Peter Handke - Die Wiederholung
Handke lesen ist immer eine Art Meditation. Auch hier. Kein anderer Schriftsteller hat einen so persönlichen Blick auf die Welt, eine so eigene Sprache. Bewusstseinserweiternd.
Colson Whitehead - Die Nickel-Boys,
Gewohnt starker Roman von Whitehead, der poetisch wird in der Schlusswendung.
Hilmar Klute - Was dann nachher so schön fliegt
Guter 80er Roman, bei dem ganz Nabokov-mäßig ein Lyriker aus der Provinz nach Berlin kommt und aus dieser schönen Perspektive von weit oben auf die Stadt schaut.
Andreas Maier - Der Ort
Spannendes Experiment des autobiographischen Schreibens. Arbeitet manchmal mit extremer Zeitdehnung.
George Simenon - Die Marie vom Hafen
Guter Simenon, im Mittelteil etwas auf der Stelle tretend. Aber immer wieder sehr schön, diese "normalen" Romane, die sich in einem einfachen Setting mit Leuten aus dem ort entfalten.
Saturday, July 13, 2019
Graham Moore - Der Mann, der Sherlock Holmes tötete
Krimi über ein Geheimnis Arthur Conan Doyles: Während der weltberühmte Schriftsteller im viktorianischen London auf den Spuren seines großen Helden erstmals selbst einen Mordfall aufklärt, wird in der Gegenwart der größte Sherlock Holmes-Experte ermordet, nachdem er dessen verschollenes Tagebuch gefunden haben will. Amüsantes Spiel mit Regeln des Kriminalromans. Zwei Geschichten, die sich spiegeln. Historische Realität und erfundene Gegenwart, Sherlock Holmes, Arthur Conan Doyle, die Detektive und Aficionados der Gegenwart, alles spiegelt sich in diesem Detektive Story-Kabinett.
Helmut Krasser - Die letzten schönen Tage
Roman über Dreiecksverhältnis zwischen einem verrückten Werbetexter, einer Chorsängerin und einem Fotografen. Sie liebt den Werbetexter, hat aber eine Affäre mit dem Fotografen. Als der Werbetexter verrückt wird, pflegt sie ihn erst, als der Werbetexter aber immer verrückter wird, geht sie mit dem Fotografen. Banale Geschichte, die man aber trotzdem gerne liest, weil Krausser seinen Helden immer so was Protziges, Überbordendes gibt und dabei die Sprache ausreizt und oft auch überreizt, sich darüber aber nicht schert. Immer so ein Nietzscheanischer Kulturelitarismus zu spüren, was die Sache immerhin selten langweilig macht.
Friday, July 05, 2019
Steffen Popp - 118 Gedichte
Schöne Anlage, teilweise recht sperrige Textkästen aus Begriffsassoziationen.
Labels:
Gedichte,
Gegenwartsliteratur,
Gegenwartslyrik,
Lyrik
Friday, June 28, 2019
Tilmann Lahme - Die Briefe der Manns
Sehr schön in dieser so gut vorgelesenen Fassung, wie die Stimmen der Manns ein ganz eigenes, sehr kreatives Diktum eint.
Rohinton Mistry - Das Gleichgewicht der Welt
Anrührender Gesellschaftsroman aus dem Indien der 70er Jahre. Gegen Unterdrückung, Gewalt, Willkür und Grausamkeit eines nur scheinbar demokratischen Staates hilft ganz unten nur noch ganz pure Menschlichkeit. Eine Variation auf das Willkür-Instrument verhängter Ausnahmezustand.
George R.R. Martin - Die Herren von Winterfell
Zweitlesung. Ein phantastisches Epos über Macht und Politik - mit unzähligen Subthemen wie Formen der Vitalität, Fauna und Flora, Formen von Ethnien etc.
George R.R. Martin - Armageddon Rock
Sehr sympathisches, nostalgisches Unterfangen. Eine Kultband der großen Aufbruchsgeneration feiert geisterhaftes Comeback, spektakulär und diskurslastig.
Ferdinand von Schirach - Kaffee und Zigaretten
Sehr schöne Skizzen und Vignetten. Hätte man ewig weiter lesen können.
Walter Moers - Das Labyrinth der träumenden Bücher
Bei all dem gewaltigen Charme der Bücher von Walter Moers, das Labyrinth kommt leider nie so richtig vom Fleck. Ein Buch über ein Buch, das es hätte werden sollen.
Jennifer Clement - Gun Love
Hypnotische Geschichte über Familie, Gemeinschaft und Gewalt. Aus der Perspektive eines scharfäugigen Teenagers erzählt, enthüllt es Amerikas Liebesaffäre mit Schusswaffen und ihre schmerzhaften Folgen.
Oskar Maria Graf - Wir sind Gefangene
Graf schildert seine Erlebnisse in den Jahren von 1905 bis zum Ende des Ersten Weltkrieges und der Münchner Räterepublik. Ein Dokument, nackt, schonungslos, direkt und auch für heutige Zeiten unglaublich brisant.
César Aira - Was habe ich gelacht
Sehr schöner, kurzer Roman aus einer anderen Welt. Im Begleitschreiben heißt es treffend:
Aira eröffnet in dieser überraschend intimen Erzählung, die mal Autofiktion, mal wilde Fabel ist, einen Raum zwischen Witz und Gelächter, jenen Spalt, der oft zwischen dem eigenen Bewusstsein und der Gegenwart des Moments klafft: Darin finden wir Träume, Erinnerungen, einen Ozean der Wehmut - und schließlich auch das Lachen. Eigensinnig und doppelbödig zeigt sich der argentinische Ausnahmeautor hier in seiner ganzen weltliterarischen Größe.
Milan Kundera - Das Fest der Bedeutungslosigkeit
Mal wieder ein Kundera - sehr klar, allerdings nicht ganz so fesselnd, wie die früheren Sachen.
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