Ein Blog über das Stöbern im Grenzland zwischen U und E. Ausflüge ins Landesinnere inklusive.
Sunday, October 21, 2018
Gerhart Hauptmann - Bahnwärter Thiel
Gute Geschichte über einen Unglücksfall gekoppelt mit einem Doppelmord etc. Klarheit, feierliche Natur, Beschreibungen - wirkt auch heute noch. Pleschinski hat Hauptmann ja ausgegraben. Ein ganzer Werk-Kontinent, den man heute vermutlich höher schätzen würde, hätte sich Hauptmann nicht so arg bei den Nazis vertan.
Salman Rushdie - Golden House
Golden House ist Rushdies Überschreibung von Der Pate. Mafia-Familie aus Bombay kommt nach New York, drei Söhne, eine Russin bezirzt den Alten, alles erzählt von einem "I am a camera"-Videoproduzenten, der in dem Buch unglaubhaft viele Rollen einnimmt. So ist er Vater des vierten Sohnes des Clans, Vertrauter aller Brüder und des Alten selbst sowie Deckhengst der dritten Frau, einer russischen Baba Jaga.
Wie oft bei den Rushdie-Büchern ist man anfangs begeistert, aber nach etwa der Hälfte schwindet das Interesse. Warum ist das so? Ich jedenfalls falle regelmäßig ab. Ich mag das Virtuose der Sprache und das Spiel (so magisch-realistisch ist das ja eigentlich gar nicht) und den wimmelnden Reichtum an Kulturbezügen, habe aber den Eindruck, dass sich in den Büchern nichts wirklich bewegt. Die Bilder scheinen eigentümlich ausgestellt.
Was die politischen Bezüge - Joker Trump, Catwoman Clinton - betrifft, die hätte es gar nicht gebraucht, wirken gekünstelt und aufgesetzt, Nero Golden und sein neoliberales Weltbild reichen aus, um das Buch in die aktuelle politische Diskussion einzureihen.
Übrigens wieder hervorragend gelesen von Simon Jäger.
Friday, October 12, 2018
Claire-Louise Bennett - Teich
Kleiner Roman über die Einsamkeit, das Leben mit sich selbst. Kochen, Gartenarbeit, Hausparty, Nachbarn, Kühe, Weiden, Erinnerungen, Wäsche, E-Mails, irgendwo hinter den jähen Sprüngen durch den kleinen Haushalt einer Frau steht eine Tragödie, wandert ein Monster.
Tuesday, October 09, 2018
Alex Capus - Königskinder
Schöner kleiner Roman. Ein Paar wird im Auto eingeschneit. Eine Melkhütte auf dem Feld wird Ausgangspunkt für eine Geschichte um Ludwig den XVI, die der Mann zusammenspinnt, um beiden die Zeit zu vertreiben. Sehr gekonnt, sehr unterhaltsam, kleines Juwel.
Michael Ondaatje - Kriegslicht
Roman, der vor allem durch seinen Ton überzeugt. Nur wenn es in Richtung Plot geht, wird es etwas unklar. Die Fäden verschwinden nicht richtig im Geflecht, was man auch nicht unbedingt bräuchte, wäre die Ambition nicht angedeutet.
Wednesday, October 03, 2018
Tariq Ali - Im Schatten des Granatapfelbaums
Etwas plakative Geschichte einer moslimischen Familie in Andalusien, zu Zeiten des Endes der Reconquista. Etwas schwarz-weiß gemalt. Am Ende erhebt sogar noch Cortez, der Killer, sein blutiges Haupt.
Saturday, September 29, 2018
Gianna Molinari - Hier ist noch alles möglich
Erzählung, Märchen. Eine dieser versponnenen Texte, die es so nur in der deutschsprachigen Literatur zu geben scheint. Weiß nicht, wie ich das finden soll. Das sind so typische Konstellationen mit drei, vier Figuren, die in einem „interessanten“, neo-romantischen Setting mit Möglichkeiten herumspielen. Aber umhauen tun sie einen damit nicht.
Saturday, September 22, 2018
Thomas A, Szlezák - Homer oder Die Geburt der abendländischen Dichtung
Sehr gutes, sehr klares Buch über die Odyssee und die Illies, inklusive brauchbarer Synopsen. Der Vergleich mit Gilgamesch wenig erhellend.
Tuesday, September 18, 2018
Francesca Melandri - Alle, außer mir
Sehr guter Roman, der sehr souverän die Gegenwart und mit ihr die Wurzeln der Flüchtlingsproblematik und des Rechtsrucks in Europa spiegelt.
Virginie Despentes - Das Leben des Vernon Subutex 2
Starker Gesellschaftsroman. Vernon wird zur Heilsfigur. Nur wenn es ums Plotten geht, wackelt das ganze ein wenig.
Klaus Modick - Keyserlings Geheimnis
Thursday, August 30, 2018
Jonas Lüscher - Kraft
Campus-Roman, rechte intellektuelle, neo-liberale Mentalität, teilweise sehr lustig und bös ironisch. Das Ende etwas matt.
Sunday, August 19, 2018
Graham Swift - Ein Festtag
Sehr guter kleiner Roman über einen lebensentscheidenden Moment und die Genese des Schriftsteller-Bewusstseins.
Arno Geiger - Unter der Drachenwand
Roman eines Kriegsheimkehrers, Kommentar von Iris Radisch: „Unter der Drachenwand ist eine geniale Authentizitätsfiktion, aus der der Autor sich anschießend so spurlos wie möglich zurückgezogen hat.“ Sehr treffend. Aber trotz der Stimmenimmitation bricht immer wieder der kraftvolle Erzähler durch, so auf z.B. auf
Seite 51: „ in den alleruntersten Schichten des Schlafes, wo es immer feucht und kalt ist, stieß ich erneut auf den Krieg, auf seine tausendfünfhundert schrecklichen Tage, auf Blutgeruch und wie sich gleichzeitig friedlich das Korn im Wind bewegt, während die Partisanen sich vor der Grube aufreihen und ihnen der Schweiß über das Gesicht rinnt.“
Stoff und Sprache teilweise an Hemingway erinnernd. Aber hier die geglückte Imitation authentischer Stimmen. Wie hat er das wohl gemacht, wie ist er an die Quellen gelangt? Laut Interview im Deutschlandfunk, handelt es sich um einen Zufallsfund: "eine alte Korrespondenz - Kinderbriefe, Elternbriefe, Behördenbriefe - in der es um Kinderlandverschickung nach Schwarzindien am Mondsee ging."
Im gleichen Interview zu den lyrischen Schrägstrichen, das sei ein bisschen wie bei einem Gedicht, es sei mehr als Punkt und weniger als ein Absatz. Er habe ein zusätzliches formales Gestaltungselement gewollt, an das man sich ja nach zwei, drei Seiten (...) gewöhnt habe. Irgendwie auch in dem Wunsch zunächst einmal, dass er so diese ganz konventionelle Romanform wenigstens in einem Detail breche, um zu signalisieren, für ihn sei das mehr als einfach nur ein Roman.
Jedenfalls eines der besten Bücher, die ich in letzter Zeit gelesen habe. Vor allem der Ton macht hier wieder 70 Prozent des Erlebnisses aus

Friday, August 10, 2018
Bernard Cornwell - Narren und Sterbliche
Roman als Container für Elisabethanische Requisiten-Show missbraucht, Hatte meinen Spaß, allerdings der Vorleser nicht der Hit, z.B. wenn er kleine Jungs oder Mädels imitiert.
Stefan Bachmann - Die Seltsamen
Gut gemachter, detailreicher Steampunk-Fantasy-Roman. Aber nicht mehr meine Lektüre. Übersättigt an Fiction.
Inge Jens - Am Schreibtisch
Buch über Thomas Manns Schreibtisch. Wie er er ihn um die halbe Welt mitnahm und immer wieder als Anker benutzte. So lange es ein Werk gab.
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