Sunday, February 09, 2014

Kevin Powers - Die Sonne war der ganze Himmel

Starkes Antikriegsbuch im Irak 2004 spielend. Zwei Privates und ihr Sergeant und der Drahtseilakt des Überlebens zwischen Drill, Tapferkeit, Verzweiflung und Wahnsinn. Stark die Unmittelbarkeit der Darstellung und die Ökonomie, mit der Unfassliches so prägnant dargestellt wird. Unglaubliche Landschaften nebenbei.


James Salter - Alles, was ist

Souveräner Roman über einen Lektor in New York und dessen Ehen und Liebschaften über die Hälfte seines Lebens hinweg. Beschreibung eines mehr oder weniger glücklichen, erfüllten Lebens, etwas, was man selten liest oder wovon kaum gelungen geschrieben wird. Sehr ansprechend die Art, wie Salter auch in alle Nebenfiguren für ein paar Seiten hineinzoomt und damit so etwas wie die Essenz der Existenz auf den Punkt bringt. Dabei ganz und gar szenisch, nie psychologisierend. Nur ganz selten mal angeödet, weil es doch mal zu viel Namen sind und man nicht recht weiß, von wem jetzt die Rede ist. Zeitgeschehen wird en passant berührt, einige Literaturpromis werden gestreift. Sonst nur: lieben, lesen, reisen, in Wohnungen und Häusern wohnen, Parties, Bars und Restaurants. Alles von einem ruhigen, leise melancholischen Fluss, dem man sich nicht entziehen kann. Auf Amazon gibt es eine riesige Fläche von Presse-Anpreisungen des Romans. Vom Meisterwerk ist die Rede. Tatsächlich der Eindruck von großer Souveränität und Könnerschaft. Und die Frage, ob es in Deutschland einen epochalen Erzähler, wie ihn und seines Jahrgangs gibt bzw. gab. Vielleicht Kempowski, dieser jedoch ganz anders.

Thursday, February 06, 2014

Die Brüder Karamasow - Fjodor Dostojewski

Den dritten der fünf Elefanten wieder gelesen. Unvergesslich damals im Winter vor 25 Jahren das erste Mal. Hauste damals selbst in einer Dostojewski-mäßigen Klause. S.H. wollte mich zu einer Kneipentur abholen, aber ich verzichtete, konnte nicht aufhören zu lesen. Einiges ist noch davon da, aber die Intensität stellt sich freilich nicht mehr ein. Überrascht, wie interessant die religiösen Passagen des Starez waren. Lebensbejahung pur. Teilweise auch sehr gequält von Längen und Wiederholungen, dem Seitenschinden des Fortsetzungsautoren. Die Neuübersetzung von Swetlana Geier, die so gerühmte. Der Text kam mir kantiger vor, das schon, ungeschliffener. Manchmal stilistisch überhastet. Vielleicht ist das echter, aber ein wenig hat es auch gestört. Und der Anmerkungsapparat ist eine Enttäuschung. Kaum eine echte Erhellung, häufig fast Paraphrasen des Romantextes oder banales Konversationslexikonwissen. Vieles wird gar nicht richtig erklärt, wie etwa die seltsame Bezeichnung für den Irrsinn, die die Figuren teilweise befällt - "Nadryw." Jetzt noch der Grüne Junge und Schuld und Sühne, dann kann es von vorne los gehen..

Monday, February 03, 2014

Alina Bronski - Scherbenpark

Sehr schöner, anfangs geradezu mitreißender Roman über eine 17-Jährige, deren Stiefvater ihr Mutter samt Freund ermordete und die jetzt ihre 2 Geschwister alleine aufziehen muss. Vor allem ist es die unerschrockene Stimme der jugendlichen Erzählerin, die überzeugt. Hier ist jemand der so munter drauf los erzählen kann, wie John Irving. Und auch dessen Suchtpotenzial entfalten kann.

Thursday, January 30, 2014

Kontinent der Bücher

Große Enttäuschung. Die Qualität der Aufsätze ist durchwachsen ("der Tod Ines Roddes" im Doktor Faustus? Wie bitte?), die Auswahl der kanonisierten Werke zweifelhaft, die Briten und Russen sind seltsam unterpräsentiert (wo sind Amis und Barnes, Sorokin und Pelewin?). Bei den Interviews, die die Dekaden synkopieren, beschlich mich das Gefühl, es handle sich immer um das selbe Gespräch, das nie richtig anfängt. Nach der Lektüre habe ich gar keine Idee davon, was denn jetzt die europäische Literatur nach 45 ausmacht. Und das schlimmste: Das Interview mit der Lewitscharoff konnte aus  rechtlichen Gründen nicht ins E-Book aufgenommen werden. Stattdessen gibt es nur einen Hyperlink. Danke für nichts.

Ian McEwan - Honig

Buch über Spione. Unbedarfte Geheimagentin heuert Literaten an zwecks Propagandasteuerung. Sie verlieben sich. Eifersüchtiger Kollege zerstört das Glück. Das ganze präsentiert als literarischer Taschenspielertrick. Grundsolide. Aber immer erwartet man von McEwan ein bisschen was größeres. Hörversion von Eva Mattes sehr schön gelesen.

Wednesday, January 29, 2014

Marjana Gaponenko - Wer ist Martha?

Bezaubernder kleiner Roman über einen steinalten und todkranken Ornithologen, Gelehrten, Einsamen. Er fährt zum Sterben nach Wien, wo er schöne Jugendtage erlebt hatte, mit Torte und der Entdeckung der Musik im Musikverein. Melancholische Gespräche über die letzten Dinge mit mehr oder weniger von ihm imaginierten Gestalten, Psychagogen, Seelenbegleiter. Besonders schön ein Kapitel über die Musik, das Nachdenken über die Rolle der Tiere auf unserer Welt und der erfrischende, eigene Ton.

Tuesday, January 28, 2014

Wilhelm Genazino - Die Liebesblödigkeit

Judith oder Sandra, der 52-jährige Apokalyptiker kann sich nicht entscheiden. Das ist die Folie, auf der Genazino seine Wahrnehmungsstreifzüge durch den Alltag diesmal unternimmt. Er trifft einige schrullige Typen wie den Postfeind und den Ekel-Professor, fürchtet sich vor den eigenen Krampfadern und der Farbe seines Urins und gerät in wachsende Panik angesichts der näher rückenden "Enderektion." Bei Genazino ist es völlig egal, was er für eine Story nutzt, es geht bei der Lektüre immer wieder um die kleinen Schönheiten und Wunder des Alltags. Auch hier wieder gelungen.

Monday, January 27, 2014

Rainald Goetz - Johann Holtrop

Kein Meisterwerk, wie vielfach beschrieben. Johann Holtrop, Top-Manager, ist kurzzeitig groß angesagt in der Welt der Kirchs & Co, fällt dann tief, ins Bodenlose. Historisch, Schröder-Administration, Wirtschaftskrise, Dotcom-Blase etc, pp. Einiges stimmt an der Schilderung dieser Welt nicht, die Gestalten werden mehr behauptet, als in ihrem Denken und Fühlen wirklich begreifbar gemacht. Lauter Entscheidungsmenschen, Menschen der Tat angeblich. Aber nie bekommt man etwas von diesen Entscheidungen und Taten mit, weiß nichts von deren Entstehung. Da hätte man mehr Licht drauf halten können, das ist alles schon immer fertig und erledigt. Psychologie, Enthüllung, Recherche, Realismus - das ist alles nicht das was Goetz ausmacht. Goetz ist vor allem eines: Ausdruck. Der ist aber an diesem Stoff etwas verschwendet, wie ich finde. Übrigens fühlte ich mich manchmal an Heinrich Mann erinnert: Der Ausdruckswille, die Verve, bei relativer Unbekümmertheit, ja Gleichgültigkeit gegenüber der Stimmigkeit. Habe es widerstrebend, doch nicht völlig ungern gelesen.

Sunday, January 26, 2014

Thomas Glavinic - Das größere Wunder

Was für ein Trip - las das in 1,5 Tagen durch. Kann mich gar nicht mehr erinnern, einen Roman deutscher Sprache mit einer solch gewaltigen Sogkraft gelesen zu haben. Da stimmt alles: spannende Rahmenerzählung (Mount Everst-Besteigung!) mit ausschweifender Lebensbeschreibung eines Mafia-Zöglings (inklusive großer Liebe, großer Freundschaft, große Schuld, große Geheimnisse und eine kleine Prise Mystery) etc.). Glavinic zeigt, dass das alles hier und heute auch geht. Schwächen? Vielleicht das übertriebene Globegetrottere, das hat etwas Nackte-Kanone-haftes, aber es gehört dazu und macht den unglaublichen Raumzugriff dieses Romans aus. Es ist ein Märchen, Hans im Glück meets Von einem der auszog..., toll erzählt!

Thursday, January 23, 2014

Haruki Murakami - Mister Aufziehvogel

Wie im Rausch gelesen - 765 Seiten in etwas über einer Woche. Gegen diese Art traumsicheren, intuitiven Erzählens können viele andere einpacken. Manchmal kommt man sich vor, wie in einem Independent-Game, einem bizarren Adventure. Es sind ein paar wenige Motive und Personen, mit denen Murakami da jongliert, und fast alles ist geradezu atemberaubend. Dabei alles so klar und einfach: Einem Paar entläuft der Kater, der Mann sucht ihn auf einem unheimlichen Grundstück, lernt ein seltsames Mädchen kennen, dann zwei noch seltsamere Frauen, dann verschwindet seine Ehefrau, dann und wann stößt er auf ein Zeichen, es gibt Tutoren, die ihn durch eine unbekannte Welt führen etc, pp. Ich kenne keinen, bei dem es sich so leicht, so sicher anfühlt.

Friday, January 10, 2014

Wie man den Bachmannpreis gewinnt - Angela Leinen

Gutes Buch über das Lesen und Schreiben und ganz allgemein über den Status Quo der Ästhetik in Sachen deutscher Gegenwartsliteratur, alles aufgehängt an den Beiträgen und Jury-Diskussionen des jährlichen Ingeborg-Bachmann-Preises. Sehr unterhaltsam, alles ist eingängig und witzig erläutert.

Tuesday, December 31, 2013

Monika Maron - Ach Glück

Eheroman, sie verlässt ihn, weil sie sich vernachlässigt fühlt, irgendein Russe hat ihr zuvor tief in die Augen geschaut und damit wohl jene Sehnsucht geweckt, die Frauen in schmuddelige Hotelzimmer treibt, unter Züge zieht oder plötzlich nach Mexiko losfliegen lässt, um da jemanden zu besuchen, den man gar nicht kennt. Die Geschichte ist relativ uninteressant, aber der Ton sitzt, die Sprache ist gut, es gibt etwas zu entdecken.

Haruki Murakami - 1Q84

Im dritten Teil von 1Q84 taumeln Aomame und Tengo gleichsam in Zeitlupentempo aufeinander zu. Hatte die seltsamen Bezüge von Band 1 & 2 schon vergessen: Little People, Leader, Mother & Daughter usw. Alles eigentlich ein ziemlicher Schmarrn, wenn man ehrlich ist und ich muss zugeben, dass ich mehr als einmal eingenickt bin. Warum haben die beiden sich nicht gleich am Ende von Band 2 kriegen können? Ein Epilog hätte es da auch getan. Gut immerhin Murakamis klarer, karger Stil. Manchmal kann der geradezu pedantisch werden, etwa wenn er wie in einem Polizeibericht immer die genaue Uhrzeit erwähnt, zu der einer in seinem Zimmer sitzt und nichts tut. Alles sympathisch, und auch irgendwie langsam, fast schon meditativ. Wenn man sich darauf einlässt, steckt das an, man geht anders durch den Tag, aufmerksamer.

Sunday, December 29, 2013

Stephen King - Doctor Sleep

Dan Torrance ist erwachsen, das Shining ist stark in ihm, er hilft Todkranken beim Sterben, wird dank der AA trocken, lernt Ebra kennen, in der das Shining noch stärker ist und auf die es die Rentner-Zombies vom "Wahren Knoten" abgesehen haben. Skuriler umständlicher Endkampf, wie er für King typisch ist. Ansonsten wieder interessante Figuren, seine große Stärke. Und wie immer lässt der Meister sich Zeit, ehe es los geht, aber das ist in Ordnung, schließlich liest man ihn nicht wegen der Monster. Außerdem: Im Vergleich zu den Ziegelsteinen Attentat und Dome ist Doctor Sleep geradezu schlank. Lesung von David Nathan auch sehr gut - und ohne die dilettantischen Schnittpausen wie beim Todesmarsch.

Bernard Cornell - Der weiße Reiter

Markiges Mittelalterpanorama im gewohnten Cornwell-Stil: ohne sentimentalen Schnörkel, Genauigkeit im Waffengang, Schildwälle, Geländeschauen, Kundschafterei, Gottesgerichte, Zweikämpfe, raue Liebschaften, etwas Magie, etc. pp. Ein Ende nicht absehbar, man sieht sich im nächsten Band.

Wolfgang Herrndorf - Arbeit und Struktur

Krebstagebuch, Lektion in Sachen "Sterben lernen" von einem souveränen Geist - lässt einen mehr als einmal laut auflachen, trotzallem.

Monday, December 09, 2013

Marion Poschmann - Die Sonnenposition

Zugegeben: Etwas enttäuscht.  Sprachlich sicher sehr fein, geradezu ziseliert. Aber die Beschreibung hängt dann oft einfach nur so herum, wie Gestrüpp, das zu durchlaufen doch sehr ermüdet. Die Handlung ist so "na und?", die Charaktere nerven, vor allem dieser eitle Odilio, den wir wohl bewundern sollen, es wird etwas getoniokrögert, aber auch nur halbherzig. Alles in allem ziemlich langweilig.

Sunday, December 08, 2013

Thomas C Fost - How to read literature like a professor

Interessante und sehr nützliche Hinweise, wie man die Tiefenschichten von literarischen Werken ausloten kann. Akademisches sehr eingängig rübergebracht.  Für Studenten sehr zu empfehlen.

Thursday, December 05, 2013

Mariaschwarz - Heinrich Steinfest

Jährlich mindestens einen Steinfest, sonst fehlt etwas, im Lesejahr. Mariaschwarz ist einer dieser typischen
barocken Story-Späße, in die Heinrich Steinfest seine hinreißenden Figuren stellt und Musil-geschulten Aphorismen und Mini-Essays flechtet.

Die Handlung zu rekapitulieren bringt nicht viel, sie spielt hauptsächlich in einem österreichischen Bergkaff mit unergründlich tiefem See, mafia-durchsetzter Leichtindustrie und einer Handvoll verkrachter Existenzen. Erst geht es um ein entführtes Mädchen, dann um die Vollständigkeit eines Kunststoffspielfigurensatzes. Zunächst trägt ein ehemaliger Finanzmann und leicht wahnhafter Alleintrinker das Geschehen, der in Hiltroff auf die Lösung seines Lebensrätsels wartet. Ab der Hälfte des Romans übernimmt ein anderer Held - Lukastik, inzestuöse Ermittlermaschine - die Führung durch das Plot-Dickicht und verfängt sich hoffnungslos.

Steinfest ist immer eine Lektüre Wert: Die Sprachbilder sind witzig und erhellend, erinnern fast an die Prosa von Heinrich Heine. Die Figuren sind interessanter, als die im richtigen Leben, die Reflexionen meistens überraschend, mit dem Absurden kokettierend. Alle Jahre gerne wieder.