Tuesday, January 28, 2014

Wilhelm Genazino - Die Liebesblödigkeit

Judith oder Sandra, der 52-jährige Apokalyptiker kann sich nicht entscheiden. Das ist die Folie, auf der Genazino seine Wahrnehmungsstreifzüge durch den Alltag diesmal unternimmt. Er trifft einige schrullige Typen wie den Postfeind und den Ekel-Professor, fürchtet sich vor den eigenen Krampfadern und der Farbe seines Urins und gerät in wachsende Panik angesichts der näher rückenden "Enderektion." Bei Genazino ist es völlig egal, was er für eine Story nutzt, es geht bei der Lektüre immer wieder um die kleinen Schönheiten und Wunder des Alltags. Auch hier wieder gelungen.

Monday, January 27, 2014

Rainald Goetz - Johann Holtrop

Kein Meisterwerk, wie vielfach beschrieben. Johann Holtrop, Top-Manager, ist kurzzeitig groß angesagt in der Welt der Kirchs & Co, fällt dann tief, ins Bodenlose. Historisch, Schröder-Administration, Wirtschaftskrise, Dotcom-Blase etc, pp. Einiges stimmt an der Schilderung dieser Welt nicht, die Gestalten werden mehr behauptet, als in ihrem Denken und Fühlen wirklich begreifbar gemacht. Lauter Entscheidungsmenschen, Menschen der Tat angeblich. Aber nie bekommt man etwas von diesen Entscheidungen und Taten mit, weiß nichts von deren Entstehung. Da hätte man mehr Licht drauf halten können, das ist alles schon immer fertig und erledigt. Psychologie, Enthüllung, Recherche, Realismus - das ist alles nicht das was Goetz ausmacht. Goetz ist vor allem eines: Ausdruck. Der ist aber an diesem Stoff etwas verschwendet, wie ich finde. Übrigens fühlte ich mich manchmal an Heinrich Mann erinnert: Der Ausdruckswille, die Verve, bei relativer Unbekümmertheit, ja Gleichgültigkeit gegenüber der Stimmigkeit. Habe es widerstrebend, doch nicht völlig ungern gelesen.

Sunday, January 26, 2014

Thomas Glavinic - Das größere Wunder

Was für ein Trip - las das in 1,5 Tagen durch. Kann mich gar nicht mehr erinnern, einen Roman deutscher Sprache mit einer solch gewaltigen Sogkraft gelesen zu haben. Da stimmt alles: spannende Rahmenerzählung (Mount Everst-Besteigung!) mit ausschweifender Lebensbeschreibung eines Mafia-Zöglings (inklusive großer Liebe, großer Freundschaft, große Schuld, große Geheimnisse und eine kleine Prise Mystery) etc.). Glavinic zeigt, dass das alles hier und heute auch geht. Schwächen? Vielleicht das übertriebene Globegetrottere, das hat etwas Nackte-Kanone-haftes, aber es gehört dazu und macht den unglaublichen Raumzugriff dieses Romans aus. Es ist ein Märchen, Hans im Glück meets Von einem der auszog..., toll erzählt!

Thursday, January 23, 2014

Haruki Murakami - Mister Aufziehvogel

Wie im Rausch gelesen - 765 Seiten in etwas über einer Woche. Gegen diese Art traumsicheren, intuitiven Erzählens können viele andere einpacken. Manchmal kommt man sich vor, wie in einem Independent-Game, einem bizarren Adventure. Es sind ein paar wenige Motive und Personen, mit denen Murakami da jongliert, und fast alles ist geradezu atemberaubend. Dabei alles so klar und einfach: Einem Paar entläuft der Kater, der Mann sucht ihn auf einem unheimlichen Grundstück, lernt ein seltsames Mädchen kennen, dann zwei noch seltsamere Frauen, dann verschwindet seine Ehefrau, dann und wann stößt er auf ein Zeichen, es gibt Tutoren, die ihn durch eine unbekannte Welt führen etc, pp. Ich kenne keinen, bei dem es sich so leicht, so sicher anfühlt.

Friday, January 10, 2014

Wie man den Bachmannpreis gewinnt - Angela Leinen

Gutes Buch über das Lesen und Schreiben und ganz allgemein über den Status Quo der Ästhetik in Sachen deutscher Gegenwartsliteratur, alles aufgehängt an den Beiträgen und Jury-Diskussionen des jährlichen Ingeborg-Bachmann-Preises. Sehr unterhaltsam, alles ist eingängig und witzig erläutert.

Tuesday, December 31, 2013

Monika Maron - Ach Glück

Eheroman, sie verlässt ihn, weil sie sich vernachlässigt fühlt, irgendein Russe hat ihr zuvor tief in die Augen geschaut und damit wohl jene Sehnsucht geweckt, die Frauen in schmuddelige Hotelzimmer treibt, unter Züge zieht oder plötzlich nach Mexiko losfliegen lässt, um da jemanden zu besuchen, den man gar nicht kennt. Die Geschichte ist relativ uninteressant, aber der Ton sitzt, die Sprache ist gut, es gibt etwas zu entdecken.

Haruki Murakami - 1Q84

Im dritten Teil von 1Q84 taumeln Aomame und Tengo gleichsam in Zeitlupentempo aufeinander zu. Hatte die seltsamen Bezüge von Band 1 & 2 schon vergessen: Little People, Leader, Mother & Daughter usw. Alles eigentlich ein ziemlicher Schmarrn, wenn man ehrlich ist und ich muss zugeben, dass ich mehr als einmal eingenickt bin. Warum haben die beiden sich nicht gleich am Ende von Band 2 kriegen können? Ein Epilog hätte es da auch getan. Gut immerhin Murakamis klarer, karger Stil. Manchmal kann der geradezu pedantisch werden, etwa wenn er wie in einem Polizeibericht immer die genaue Uhrzeit erwähnt, zu der einer in seinem Zimmer sitzt und nichts tut. Alles sympathisch, und auch irgendwie langsam, fast schon meditativ. Wenn man sich darauf einlässt, steckt das an, man geht anders durch den Tag, aufmerksamer.

Sunday, December 29, 2013

Stephen King - Doctor Sleep

Dan Torrance ist erwachsen, das Shining ist stark in ihm, er hilft Todkranken beim Sterben, wird dank der AA trocken, lernt Ebra kennen, in der das Shining noch stärker ist und auf die es die Rentner-Zombies vom "Wahren Knoten" abgesehen haben. Skuriler umständlicher Endkampf, wie er für King typisch ist. Ansonsten wieder interessante Figuren, seine große Stärke. Und wie immer lässt der Meister sich Zeit, ehe es los geht, aber das ist in Ordnung, schließlich liest man ihn nicht wegen der Monster. Außerdem: Im Vergleich zu den Ziegelsteinen Attentat und Dome ist Doctor Sleep geradezu schlank. Lesung von David Nathan auch sehr gut - und ohne die dilettantischen Schnittpausen wie beim Todesmarsch.

Bernard Cornell - Der weiße Reiter

Markiges Mittelalterpanorama im gewohnten Cornwell-Stil: ohne sentimentalen Schnörkel, Genauigkeit im Waffengang, Schildwälle, Geländeschauen, Kundschafterei, Gottesgerichte, Zweikämpfe, raue Liebschaften, etwas Magie, etc. pp. Ein Ende nicht absehbar, man sieht sich im nächsten Band.

Wolfgang Herrndorf - Arbeit und Struktur

Krebstagebuch, Lektion in Sachen "Sterben lernen" von einem souveränen Geist - lässt einen mehr als einmal laut auflachen, trotzallem.

Monday, December 09, 2013

Marion Poschmann - Die Sonnenposition

Zugegeben: Etwas enttäuscht.  Sprachlich sicher sehr fein, geradezu ziseliert. Aber die Beschreibung hängt dann oft einfach nur so herum, wie Gestrüpp, das zu durchlaufen doch sehr ermüdet. Die Handlung ist so "na und?", die Charaktere nerven, vor allem dieser eitle Odilio, den wir wohl bewundern sollen, es wird etwas getoniokrögert, aber auch nur halbherzig. Alles in allem ziemlich langweilig.

Sunday, December 08, 2013

Thomas C Fost - How to read literature like a professor

Interessante und sehr nützliche Hinweise, wie man die Tiefenschichten von literarischen Werken ausloten kann. Akademisches sehr eingängig rübergebracht.  Für Studenten sehr zu empfehlen.

Thursday, December 05, 2013

Mariaschwarz - Heinrich Steinfest

Jährlich mindestens einen Steinfest, sonst fehlt etwas, im Lesejahr. Mariaschwarz ist einer dieser typischen
barocken Story-Späße, in die Heinrich Steinfest seine hinreißenden Figuren stellt und Musil-geschulten Aphorismen und Mini-Essays flechtet.

Die Handlung zu rekapitulieren bringt nicht viel, sie spielt hauptsächlich in einem österreichischen Bergkaff mit unergründlich tiefem See, mafia-durchsetzter Leichtindustrie und einer Handvoll verkrachter Existenzen. Erst geht es um ein entführtes Mädchen, dann um die Vollständigkeit eines Kunststoffspielfigurensatzes. Zunächst trägt ein ehemaliger Finanzmann und leicht wahnhafter Alleintrinker das Geschehen, der in Hiltroff auf die Lösung seines Lebensrätsels wartet. Ab der Hälfte des Romans übernimmt ein anderer Held - Lukastik, inzestuöse Ermittlermaschine - die Führung durch das Plot-Dickicht und verfängt sich hoffnungslos.

Steinfest ist immer eine Lektüre Wert: Die Sprachbilder sind witzig und erhellend, erinnern fast an die Prosa von Heinrich Heine. Die Figuren sind interessanter, als die im richtigen Leben, die Reflexionen meistens überraschend, mit dem Absurden kokettierend. Alle Jahre gerne wieder.


Friday, November 29, 2013

Alwin - Friedrich de la Motte Fouque

Romantischer Roman mit Affären, Rittern, Sängern, Predigern, Eremiten etc. Stellen von betörender Schönheit, dann wieder blasse Lieder und geradezu Tom-und-Jerry-haftes Getümmel von lächerlicher Gespreiztheit. Die Sprache teils kräftig, teils grotesk anarchisch.

Wednesday, November 27, 2013

Stephen King - Todesmarsch

Eines seiner besten: Düstere Zukunftsvision, Amerika unter einer Militärdiktatur, 100 Jungen machen sich auf den jährlichen "langen Lauf". Einzige Regel: Wer stehen bleibt wird erschossen. Ganz groß ist King immer dann, wenn er jugendliche Protagonisten wählt und deren Freundschaften beschreibt. Das große Thema dieses Buches ist das Sterben und er hat es brillant und furchteinflößend durchexerziert.
(Passenderweise als Hörbuch beim Laufen gelesen).


Thursday, November 21, 2013

Selma Lagerlöf - Gösta Berling



Der Empfehlung aus Rolf Vollmanns Wundertruhe Die wunderbaren Falschmünzer einmal mehr gefolgt. Es ist schon erstaunlich, was sich dem Leser da für Kostbarkeiten immer wieder offenbaren (und schön ist es auch, dass sie alle jetzt über das Internet gleich zur Hand sind). Rolf Vollmanns Romanverführer und die Erfindung des E-Books, was für ein Segen für den besessenen Leser, der hungrig nach immer neuen Lesewelten strebt.

Gösta Berling von der Literaturnobelpreisträgerin Selma Lagelöf ist ein Roman in 36 Einzelepisoden, die mehr oder weniger miteinander verknüpft sind. Gösta ist ein Pfarrer, der aufgrund seiner Trunksucht geschasst wird und als Bettler durch die Gegend zieht. Eine Gutsbesitzerin - die Majorin - nimmt ihn in ihren Kavaliersflügel auf - ein Teil ihres Gutes, auf dem bereits eine Reihe weiterer schräger Gestalten Obdach gefunden hat und die Gegend mit Streichen und Feten beleben. Verführt durch einen Teufelspakt verbannen die Kavaliere zu Beginn des Romans die Majorin und übernehmen selbst die Herrschaft über die Gegend. Es beginnt das Jahr der Kavaliere, in dessen Verlauf Land und Leute zwar viel feiern, moralisch und wirtschaftlich ziemlich auf den Hund kommen.

Der Roman ist aus einer Vielzahl von Episoden zusammengesetzt. Die meisten von ihnen können auch ganz für sich stehen. Zusammengehalten werden die Geschichten durch den Schauplatz und das wiederkehrende Personal. Neben Gösta Berling sind da vor allem seine Liebschaften Marianne Sinclaire und die Gräfin Elisabeth sowie der Teufelsbündler Sintram und viele andere.

Kraftvoll erzählt


Was den Roman so überaus lesenswert macht, sind neben der großartigen Naturschilderung und den Reichtum an Details aus Leben und Sitten der Menschen im Värmland und der hohe Unterhaltungswert der Geschichten. Fast immer geht es um Verführungen und Verfehlungen und die rettende Kraft der Liebe. Jede einzelne Geschichte erzählt eine innere Umkehr, einen persönlichen Wendepunkt. Alles ist mit unglaublichen psychologischen Feinsinn geschildert.

Zwar ist der feierliche Grundton und die religiöse Grundstimmung anfangs etwas gewöhnungsbedürftig. Aber das legt sich spätestens nach der Vertreibung der Majorin, wenn der Episoden-Rhythmus in die Gänge kommt. Dann teilt sich dem Leser auch der durchaus begeisternde Impetus des Werkes mit: "Ach Gösta, ein Mann muss alles, was das Leben bietet, mit mutigem Herzen und lächelnden Lippen ertragen."

Gösta Berling ist eine echte Entdeckung, gehört sicher zu den stärksten Büchern dieses Lesejahres.

Mut und Freude! Es ist, als seien diese beiden die ersten Pflichten des Lebens.

Tuesday, November 05, 2013

Guy de Maupassant - Stark wie der Tod

Stark wie der Tod, so bezeichnet der berühmte Maler in dem Roman seine Leidenschaft zur Tochter der alternden Geliebten. Und stirbt dann auch, überrollt von einem Omnibus, als er verwirrt durch die Straßen von Paris geht.
Kaum ein Buch dieses Jahr, das sich klarer, flüssiger, leichter gelesen hätte. Und dabei eines der ältesten.


Friday, November 01, 2013

Ilse Helbich - Grenzland Zwischenland




Ganz erstaunliches Buch einer schon sehr alten Autorin, geboren 1923. Es geht um die hautnahe Erfahrung des Alterns sozusagen auf der letzten Meile und die Vorbereitung auf das Sterben, vielleicht schon das Sterben selbst. Das ganze aber sehr kühl, ohne Larmoyanz oder Sentimentalität, einfach die Beschreibung von Vorgängen durch ein reflektierendes, poetisches Bewusstsein. Dabei immer wieder Beschreibungen von anrührender Schönheit. Zum Beispiel sitzt die Erzählerin bei einem Aufenthalt in Davos, ihre Tochter liegt im nahen Sanatorium, wahrscheinlich stirbt sie, in der Totenkapelle und betrachtet das Fresko, auf welchem die Toten, gesehen von den noch Lebenden in eine paradiesleuchtende Leere eingehen. Sie erscheinen überlebensgroß, wenden sich nicht um. Und hier dann das entscheidende Detail:
Die Fußsohlen der Fortgehenden leuchten jedoch schon in einem goldenen Schimmern. 
Grenzland Zwischenland - ErkundungenVon Leuchtspuren dieser Art ist das ganze Buch durchwoben, während es zugleich schonungslos die Mühen der schwindenden Lebenskraft vor Augen führt: Die Augen geben keine vollständigen Bilder mehr, der Körper ist müde, fällt häufig, eckt überall an, Zähne fallen aus, Namen verblassen aus dem Gedächtnis. Bei all dem gibt es aber immer noch einen leisen Antrieb, der sich als die vitalste Ressource dieses Lebens erweist: das Schreiben.

Dem Verfall steht auf der anderen Seite eben diese unglaubliche Hellsichtigkeit gegenüber, die häufig schon etwas jenseitiges hat. Das sind Erfahrungen, die Ilse Helbich buchstäblich aus dem Grenzland Zwischenland birgt und vor uns hinstellt. Über Musikhören sagt sie zum Beispiel an einer Stelle:

Jetzt eine Musik anders hören. Sie anhören, als würde sie in diesem Augenblick geboren, und zwar aus mir. Dabei die Verfassung des sie zur Welt Bringenden deutlich mitfühlen, ohne Sentimentalität und nicht sich einfühlend in einen anderen, sondern selber in der Verfasstheit des die Musik von Augenblick zu Augenblick Gebärenden.
Und gleich danach beschreibt sie diesen Antrieb des Gestaltenden ganz explizit:
Vor dem Anblick einer Landschaft fallen mir oft Bilder ein, als Möglichkeit, wie einer das malen könnte, und jedes dieser Bilder ist ein Versuch, die quälende Unbeschreibbarkeit des Umgebenden, sein Da-sein, sein bloßes, eigenschaftsloses Da-sein durch die eigene bestimmte Sehensweise in den Griff zu bekommen.
Eine sehr starke Erfahrung, dieses Buch.

Tuesday, October 29, 2013

John Williams - Stoner

Berührendes Buch über einen Dulder, klar, schnörkellos, klassisch. Stoner, ein Bauernsohn, fängt sich die Liebe zur Literatur ein, hat zwei Freunde, wird leidenschaftlicher Lehrer, heiratet schlecht, wird Vater, macht sich einen Feind, erlebt die große Liebe als Episode, verzweifelt, rafft sich zusammen, duldet großartig und stirbt.


Thursday, October 17, 2013

Tad Williams - Die dunklen Gassen des Himmels

Ein Engel als Private-Eye zwischen den Fronten des Himmels und der Hölle.


Ermüdend manchmal nur die Kampfszenen, die lesen sich oft wir komplizierte Vorgangsbeschreibungen. Entschädigt durch eine sehr gute Liebesgeschichte und einige urbane Beobachtungen und Stimmungen, die zeigen, was für ein toller Schriftsteller Tad Williams ist.