Friday, January 18, 2013

1. Salman Rushdie - Des Mauren letzter Seufzer

Ermüdet auf Seite 300 aufgegeben. Keinen Sinn für diese Art von Picaro-Exotik. Ähnlich wie bei Grass. Man rühmt diese Autoren immer als Geschichtenerzähler. Aber eigentlich sind sie mehr eine Art Ausmaler von relativ statischen Szenen. Ich will nicht sagen, dass es schlecht ist. Ich finde es aber mühsam. Und übrigens ist das ganze auch relativ arm an Denkanreizen.

Wednesday, December 26, 2012

69. Der Buchhändler von Archangelsk - Georges Simenon

Das sagt der Klappentext: 
"Jonas Milk, 40, ein sanfter und sensibler jüdischer Flüchtling aus Russland, Buchhändler in einer französischen Kleinstadt, liebt Bücher, Briefmarken und seine junge, untreue Frau Gina die eines Tages mit den teuersten Briefmarken spurlos verschwindet. Sie ist nach Bourges gegangen , sagt Milk, wenn er im Bistro gefragt wird, wann seine Frau wiederkommt. Und macht sich dadurch täglich immer verdächtiger. [ ] Dann erfährt er etwas, was ihn auf einen Schlag von jedem Verdacht reinwaschen könnte. Für mich einer der schönsten Simenon-Romane, den ich jedes Jahr mindestens ein Mal wiederlese." Pierre Assouline/Le Monde, Paris

Ein sehr guter, weil völlig geradliniger Roman. Mit ganz wenigen, genau gesetzten Pinselstrichen ist alles da: Atmosphäre, Details, Spannung. 

Die häusliche Geborgenheit z. B.: 

Manchmal spazierten die Mäuse durch die Kammer, wenn Gina und er im Bett lagen; sie kamen bis zum Fußende des Bettes, neugierig, so konnte man meinen, zu sehen, wie die Menschen schlafen, und die menschliche Stimme erschreckte sie nicht mehr.

Der Buchhändler, ein Fremder, fühlt sich an dem kleinen Marktplatz zuhause, eben weil er nicht zu den Straßen gehört, wo "die Leute in ihren Häusern wie in hermetisch verschlossenen Kammern wohnen und wo einer kaum seinen Nachbarn kennt."

Aber nachdem seine Frau verschwunden ist, er sich verdächtig gemacht hat, wird deutlich, dass er für sämtliche Nachbarn trotzallem ein Fremder geblieben ist:

Von einem Tag aus den anderen war er wieder ein Fremder geworden, einer aus einer anderen Sippe, einer anderen Welt, der gekommen war, ihr Brot zu essen und eine ihrer Töchter zu nehmen.
Dabei ist Jonas einer der liebenswertesten, harmlosesten Zeitgenossen:

In Wahrheit lebte er in seinem Innersten ein reiches und vielfältiges Leben - das der ganze Place du Vieux-Marché, des ganzen Viertels, dessen leiseste Pulsschläge er kannte.

Aber all der lokale Pantheismus stößt auf animalische Fremdheit. Daraus resultiert die tiefe Enttäschung, nicht aus der Untreue der Ehefrau. 

Eine einfache, eindringliche Geschichte, erzählt von einem Virtuosen der Klarheit. 



Saturday, December 15, 2012

68. Indigo - Clemens J. Setz

Anfangs sehr gut, aber ab der Hälfte sich in Abstrusitäten verlierend. Schüttet reichlich Zettel aus seiner Sammelkiste. Ein guter Schreiber. Aber dann zerfasert das ganze so, dass einen der Plot irgendwann nicht mehr sonderlich interessiert. Mahlstädter Kind ist besser, da kann man hin und wieder ab-Setz-en.

67. Josef Anton - Salman Rusdie

Geschichte der Fatwa. Bewunderungswürdig. Aber ob er ein angenehmer Zeitgenosse ist? Nicht sher nett, was er über einige seiner Freunde ausplaudert, zum Beispiel über Herold Pinter, der ihm mit gefaxten Gedichten auf die Nerven fiel.
Selbstdarstellung erinnert an Thomas Mann, die ja auch nicht unbedingt sympathisch ist. Aber darum geht es ja nicht. Es geht immer, immer um die Bücher. Oder?

Wednesday, November 28, 2012

65. Meine Gespräche mit Schriftstellern 1970-1974: Originaltonaufnahmen - Ludwig Arnold

Durchwegs interessante Gespräche - echte Gespräche. Interessant zu hören, wie eitel manche der Altautoren wirken. Grass, unheimlich von seinem politischen Tun eingenommen. Enzensberger mit nerviger Weigerung, sich auf nur eines der Themen einzulassen. Sehr erfrischend von der Grün und Böll dagegen. Walser wie man ihn heute noch kennt. Letztere drei authentisch. Erstere eher posierend.

Thursday, November 22, 2012

64. Nicholson Baker - Die Rolltreppe

Radikales Buch über das abenteuerliche Labyrinth der Alltagsdenkens.
Umfassende Beschreibung des Bewusstseins.
Faszinierend und von fast atemberaubender Kunstfertigkeit.

Saturday, November 17, 2012

63. Jan Caeyers - Beethoven. Der einsame Revolutionär

Biografie, aus dem einem ein schroffes, neurotisches Genie anschaut. Man merkt, wie sich Caeyers um die Wahrheit bemüht. Sehr gut die Beschreibungen von Beethovens Musik.

Friday, November 16, 2012

62. John Updike - Die Tränen meines Vaters

Der letzte Updike. Eigentlich nur zwei, drei Basisgeschichten in Variationen: Kindheit in der pensylvanianischen Provinz zwischen mächtiger Mutter und schwächlichem Vater; Klassentreffen mit Wiedersehen alter Angehimmelter; Reisen ins primitive, nicht-amerikanische Ausland. Häufig langweilig, aber immer durchsetzt mit Updike-Geschmeide.

61. Peter H. Gogolin - Calvinos Hotel

Über Volltext auf diesen interessanten Autoren gestoßen. Roman über das Rätsel einer Herkunft, inklusive Bosnienkrieg, Inzest und Hitlers V1. Auch ein Italienroman. Mit Vergnügen und Interesse gelesen. Manchmal wirkt das Arrangement etwas beliebig, episodenhaft (Drückerin in Stuttgart, Touristin in Venedig, Skeletthändler aus Russland). Stört aber nicht, im Gegenteil, gewährt Erholung von der etwas bedrückenden Familienstory.

60. Jim Thompson - Jetzt und auf Erden

Achtung, kein Krimi! Sondern: ein autobiografischer Roman über die großen Schwierigkeiten, kreativen Schaffens in Armut und Enge einer Unterschichtsfamilie.

Sehr nackt und offen und in seiner Authentizität anrührend. Wie karg das Leben war. Wie wenig die Leute hatten. Wie schwer es war, die Dinge zu ändern.

Ich habe gelesen, dass Thompson später dank Hollywood von seinem Schreiben gut hat leben können, aber dabei recht ausgenommen wurde. Er soll sich dann am Ende buchstäblich selbst ausgehungert haben.

Sunday, October 21, 2012

58. Ulf Erdmann Ziegler - Nichts Weisses

Interessanter Roman, weil hier eine Profession in den Mittelpunkt gerückt: Eine Typografin auf der Suche nach der perfekten Schrift. Dazu ihr kreatives Umfeld, die Eltern aus der Werbebranche etc.

57. Jenny Erpenbeck - Aller Tage Abend

Epochenpanorama verspielter Machart: Ein junges katholisch-jüdisches Paar in Galizien verliert die einzige Tochter. Der Mann verlässt sie, sie bleibt allein, prostituiert sich etc. Dann ein Intermezzo: Was wäre, wenn das Kind gerettet worden wäre. Wie anders wäre alles gekommen? Das Paar geht nach Wien, Weltkrieg, Inflation, Liebeskummer, das Mädchen, jetzt junge Frau bringt sich um. Aber was wäre, wenn alles anders gekommen wäre... Und so weiter über vier Generationen bis in die Gegenwart. Guter Roman, von klassischer Klarheit.

Monday, October 15, 2012

56. Der Russe ist einer, der Birken liebt - Olga Grjasnowa

Sehr guter Roman über eine junge, Frau in Berlin, die aus einer jüdischen Familie aus Aserbaidschan stammt und sich nach dem plötzlichen Tod ihres Freundes auf die Suche nach ihren Wurzeln macht, dabei aber völlig orientierungslos bleibt. Gelungen, der Ton und wie die Grjasnowa den Stoff beherzt anpackt und durchzieht und in jedem Kapitel mit Überraschungen und kleine Schönheiten aufwartet.

Wednesday, October 10, 2012

55. Henryk Sienkiewicz - Quo Vadis?

Fetziges, rasantes Stück katholischer Propaganda. Sehr unterhaltsam.

Friday, October 05, 2012

54. Heinrich Sudermann - Der Katzensteg

Teils kraftmeierischer, teils pathetischer Roman einer tabuisierten Liebe im Ostpreußischem zur Zeit der Befreiungskriege. Trotz Patina sehr packend.

Wednesday, September 19, 2012

53. Nina Bußmann - Große Ferien

Lehrer hängt seinen Beruf an den Nagel. Irgendwas scheint vorgefallen mit einem frühreifen Schüler. Jetzt jätet der Mann Unkraut und reflektiert über seine Laufbahn, seine Eltern, seinen Bruder, sein verpasstes Leben allgemein.

Erinnert vom Duktus an Thomas Bernhard. Sehr schön durchgehalten die Perspektive. Anrührend. Streckenweise bewusst unbequem.



52. Orringer, Julie - Die unsichtbare Brücke


Der junge Andras Levi besteigt den Zug nach Paris, will Architekt werden - und verliebt sich die neun Jahre ältere Claire Morgenstern, eine Ballettlehrerin die ein Geheimnis aus der Vergangenheit mit sich trägt. Es ist der Beginn einer großen, immer wieder Prüfungen unterworfenen Liebe. Auch Tibor und Matyas, Andras' Brüder, versuchen in dieser bedrohten Zeit ihr Glück zu finden. Als der Krieg die Brüder Levi in Budapest zusammenführt, ist das keine Heimkehr, sondern der Beginn einer Odyssee mit ungewissem Ende: Ein Kampf ums Überleben beginnt - gegen Hunger, Verfolgung und einen Schatten aus Claires früherem Leben, der trotz aller Bemühungen unüberwindbar zu sein scheint.

Breitwandliteratur. Bewegend. Manchmal anschmachtend. 

Wednesday, September 12, 2012

51. Die Flüsse von London

Schmarrn, der hin und wieder lachen lässt.

50. William Trevor - Turgeniews Schatten

Schönes, völlig unaufgeregtes Buch über einige normale Menschen auf dem irischen Land: Sie entscheidet sich für den Falschen, die Hochzeitsnacht floppt, seine bösen Schwestern reden sie in den Wahnsinn. Der, den sie eigentlich hätte nehmen sollen, bringt ihr noch schnell bei, wie schön alles hätte werden können, ehe er stirbt.

Solche Bücher sucht man in Deutschland vergebens.