Friday, June 26, 2009

Radetzkymarsch - Joseph Roth

Joseph Roth - das ist so ein Autor, dem auf Anhieb meine Sympathie gilt. Er steht schön quer zu allem möglichen: War Jude, Katholik, Monarchist, Top-Journalist und Voll-Alkoholiker.
Radetzkymarsch also. Drei Generationen Kaisertreue - bis zum bitteren Ende. Melancholisch. manchmal ironisch. Tendenz: Die alte Welt war schön und in vor allem schön in Ordnung. Zusammenghalten hat sie der alte Kaiser. Diese Welt geht unter, der Kaiser stirbt. das ist schade, lässt sich aber nicht verhindern. Jetzt gibt es nichts mehr, an das man sich halten kann.

Das besondere an dem Buch ist der Stil. Besser, das heißt: klarer, lebendiger, bildreicher kann man nicht schreiben. Das hat einen ganz besonderen Sound und Rhythmus, den man unter tausenden wiedererkennen würde.

Joseph Roth - immer wieder.

Friday, June 19, 2009

Arthur - Bernard Cornwell

Las in kurzer Zeit die ersten beiden Bände und fühlte mich auf einmal an die Zeit erinnert, als man sich mir einem Karl-May-Buch an einem Regentag ins Bett, in den bequemsten Sessel des Hauses oder unter einen Schrank verzogen hat, um sich wegzubeamen.

Warum diese Bücher so toll sind:
- wegen der sehr sympathischen Erzählerfigur
- weil alle Gestalten ordentlich gegen den Strich gebürstet sind
- weil alles schon ausgewogen ist zwischen Action und Idylle
- weil man dieses England irgendwie kennt und liebt
- weil das ganze unglaublich detailreich präsentiert wird, ohne dass der Autor damit prunken will

Kann das Erscheinen des nächsten Bandes nicht erwarten.

Wednesday, May 20, 2009

Winterkönig - Bernard Cornwell

Ein Abenteuerroman von echtem Schrot und Korn, wie man sagt. Cornwell hat sich in seiner Anfangszeit an Forsters Hornblower orientiert. Die Bücher habe ich auch gelesen, entliehen der Buchloer Stadtbücherei. Roald Dahl soll er übrigens auch als Mentor gedient haben. Abenteuerromane für jedermann, Geschichten, die einen nie enttäuschen.

Las die knapp 700 Seiten fast in einem Rutsch. Besonders sympathisch ist der Erzähler, Derfel, er wirkt etwas naiv und schlicht, treuherzig ist wahrscheinlich das treffende Wort, dem Genre entsprechend, aber durch ihn und seine praktische, unverklärte Sicht auf die Geschehnisse sind alle Figuren und die gesamte Handlung plastisch, glaubhaft, realistisch Und Realismus ist das höchste Gütekriterium für historische Romane. Hier ist Arthur eine durchaus schillernde Figur, Lanzelot ein Arschloch, Merlin ein Zyniker. Bei den Schlachtenschilderungen geht es nicht um Ruhmestaten, sondern um das Handwerk des Tötens, also wie man Schildwälle bildet, warum Pferde nichts gegen sie ausrichten können, Angst und Euphorie der Schlacht usw.

Ein Abenteuerbuch. Ein echtes, ein gutes.

Wednesday, May 13, 2009

Die Lage des Landes/die Abschaffung der Arten

Hi A.,

von dem Buch habe ich gehört und mal bei einem Preisausschreiben mitgemacht, um es zu gewinnen, was leider nicht passiert ist. Habe aber das davor gelesen, "Dirac." Hat mir ganz gut gefallen, naja, 75 Prozent jedenfalls (die 25 Prozent, in denen es um so den alten Mathematiker ging weniger). Also, von dem, was ich über das Buch gehört habe, wäre es jetzt nicht erste Wahl - zu lang, zu abgedreht, zu parabelhaft, da hab ich immer das Gefühl, dass ich nach 10 Seiten weiß, wie es gemacht ist und müsste nicht weiter lesen - wie bei der "Arbeit der Nacht". Man nennt das Manierismus, glaub ich. Aber wahrscheinlich tu ich dem Buch unrecht, ich hab es ja gar nicht gelesen. Und ich werde es ganz bestimmt kaufen, wenn es bei Amazon bei der 5-Euro-Schwelle angelangt ist, allein schon wegen dem Cover (das grün ist, oder?). Viel, viel später werde ich es dann vielleicht auch lesen.


Also mein Tipp: "Die Lage des Landes" von Richard Ford. Vier Tage im Leben eines in die Jahre kommenden Immobilienmaklers in New Jersey. Rund 700 Seiten. Klingt das nicht wahnsinnig aufregend? Ich würde das Genre als "funkelnden Banalismus" bezeichnen. Es ist eines dieser Bücher, dass uns den Alltag durch einen Sprachglitter neu erfahren lässt. Mal erhellend, mal langweilig, im ganzen bereichernd. Ist übrigens ein Sequel, davor gab es den "Sportreporter" und "Unabhängigkeitstag". Um "Die Lage des Landes" zu lesen muss man die aber nicht kennen.


Ja, meine Frau ist gut angekommen. Die Busfahrt muss überraschend komfortabel gewesen sein, das doppelstöckig.


Bin gespannt auf deinen nächsten Tipp.


Grüße nach Berlin!

JL

-----Original Message-----
From: A.
Sent: Mittwoch, 13. Mai 2009 18:05
To: JL
Subject: Buchtipp des Monats



Hallo JL,

um meinem Plan, regelmäßig mit dir Buchtipps auszutauschen doch noch nachzukommen: Mir ist doch noch ein gutes Buch eingefallen, dass ich in letzter Zeit gelesen habe und weiterempfehlen kann:

Dietmar Dath: Die Abschaffung der Arten

"Das Zeitalter, das wir kennen, ist längst eingeschlafen. Wo einmal Europa war, gibt es nur noch drei labyrinthische Städte, die eher gewachsen sind, als daß sie erbaut wurden. Die Welt gehört den Tieren. Fische streiten über Sodomie, Theologinnen mit Habichtsköpfen suchen in Archiven nach Zeugnissen der Menschheit, und Cyrus Golden, der Löwe, lenkt den Staat der drei Städte. Als ein übermächtiger Gegner die neue Gesellschaft bedroht, schickt er den Wolf Dimitri als Diplomaten aus, im einstigen Nordamerika einen Verbündeten zu suchen. Die Nachtfahrt über den Ozean und in die tiefen Stollen der Naturgeschichte lehrt den Wolf Riskantes über Krieg, Kunst und Politik und führt ihn bis an den Rand seiner Welt, wo er erkennt, »warum den Menschen passiert ist, was ihnen passiert ist«. Der Roman Die Abschaffung der Arten steht in der Tradition großer spekulativer Literatur über Niedergang und Wiedergeburt der Zivilisation von Thomas Morus, Voltaire und Mary Shelley über H. G. Wells und Jules Verne bis hin zu Stephen King und William Gibson. Wenn Charles Darwin Krieg der Welten geschrieben hätte, vielleicht wäre ein Buch wie dieses dabei herausgekommen: ein abenteuerliches Liebeslied, eine epische Meditation über die Evolutionstheorie und der waghalsige Versuch, Fossilien von Geschöpfen freizulegen, die noch gar nicht gelebt haben." (siehe: http://www.amazon.de/Die-Abschaffung-Arten-Dietmar-Dath/dp/3518420216)


Das Buch erstreckt sich über mehrere 100 Jahre, hat Höhen und Tiefen, ist aber im ganzen sehr spannend und anders.

So, nun bin ich auf deinen Tipp des Monats gespannt :-)

Ich hoffe, deine Frau ist problemfrei mit dem Schulbus nach Berlin gekommen?


Grüße,

A

Tuesday, April 21, 2009

Ein liebender Mann - Martin Walser

Als Hörbuch gelesen - glarklar und kräftig - vom Autoren selbst. Die beliebte Goethe-Sentimentalität, in deren Spuren alternde Dichter gerne ein wenig herumstochern. Thomas Mann wollte ja auch.

Aber es ist dann doch immer typischer Walser. Gedankenprosa, die ganz aus der Figurensprache entsteht, die immer unverwechselbar Walser ist. Man bewundert es teils, man würde es gerne lieben, aber etwas lässt einen doch immer kalt. Weil es halt auch immer Manier ist.

Sehr schön dann aber das Luftholen des über 70-Jährigen (Walser), als er die Marienbader Elegie dann vorträgt.

Monday, April 06, 2009

Coriolan

Gehe sie jetzt alle durch, die Shakespeare-Sachen.

Nun, von diesem wird nicht viel hängen bleiben. Charisma ohne Intelligenz. Militärs unbrauchbar für demokratische Herrschaft. Kampfmaschine ohne Seeleninstrumentarium für das Soziale.

Der Historiker

Die interessanteste Bearbeitung des Dracula-Stoffes bislang. Ganz dicht an den historischen Quellen, ein Buch für alle, die das Unheimliche lieben, wie auch dessen Nachstöbern in Büchern. Dass der Plot am Ende ziemlich zusammengewurschtelt ist, soll Nebensache bleiben. Ein Spannungsroman ist es auch kaum. Intelligente Unterhaltung für Bibliomane.

Von der Schönheit - Zadie Smith

Eine Variation auf einen Roman von Forster. Howard's End, den ich nur in der schönen Verfilmung kenne. Sehr schön zu sehen, wie der Transfer eines so klassischen Gesellschaftsromans in die Gegenwart funktionieren kann. Das Großbürgermilieau ist in die elitären Unikreise übertragen, das testamentarisch vermachte Cottage ist ein Gemälde. Ich will auf jeden Fall mehr von ihr lesen.

Thursday, March 26, 2009

Ein Wintermärchen

Der Shakespeare-Blues einmal mehr. Er kommt regelmäßig und lässt wieder nach, wenn ich ein, zwei Stücke gelesen habe. Das Wintermärchen also, aus den schönen und früher so emsig gelesenen Fried-Bänden. Eigentlich wollte ich ja hier die Handke-Übersetzung lesen, und ich weiß gar nicht warum ichs nicht getan habe, schließlich habe ich sie mir extra zugelegt. Dazu auch den Bloom zu Rate gezogen, ein Buch, dass in seiner Konzeption so ungemein ansprechend ist, wie in der Ausführung enttäuschend. Ich habe schon viel darin gelesen, aber ein Aha-Erlebnis hat es mir bislang nicht gerade vermitteln können. Kein Vergleich zur Hamlet-Auslegung von Schwanitz. Hätte er doch nur alle Stücke so kommentiert.

Das Wintermärchen also. Also, ok, es scheint ein besonderer Kniff von Shakespeare zu sein, plötzliche Obsessionen von Hauptdarstellern nicht mehr rational zu motivieren. So der Fall hier bei Leontes, dessen Eifersucht völlig überzogen scheint, ebenso, wie es keinen vernünftigen Grund gibt, warum Jago dem Othello so übel mitspielt. Mir fehlt da manchmal was. Wenn in einem Krimi stehen würde: Und plötzlich beschlich ihn rasende Eifersucht und er brachte alle um, ohne dass da vorher der Ton wenigstens versteckt angespielt wurde, dann kauft das der Leser in der Regel nicht. Andereseits ist zu viel Erklärung auch immer flach. Schließlich haben die Affekte oft irrationalen Ursprung.

Nun, wie auch immer. Das kenn ich jetzt auch.

Wednesday, March 18, 2009

Leyla - von Feridu Zaimoglu

Leyla ist ein geradezu klassischer Bildungsroman: Leyla, jüngste Tochter eines despotischen Vaters in einem anatolischen Dorf, wächst auf, lernt, tuschelt mit Freundinnen, lernt ihren Körper kennen und erschrickt dabei mehrfach, wird geschlagen, leidet unter ihrem Vater, leidet noch mehr unter ihrem Vater, liebt ihre Mutter ("eine dieser herausragenden Mutterfiguren"), zieht nach Istanbul, heiratet, wird ihren Vater los, muss wieder zurück, bekommt ein Kind, wird ihren Vater endgültig los, geht nach Deutschland...

  • Die naive Erzählweise ist frisch, klar und immer angenehm. Die Detailfreude mag mancher "orientalisch" nennen, ist aber schlicht die Substanz des Buches.
  • Der Prolog und der letzte Satz bringen eine ganz andere, metaphorische Ebene, ohne direkten Bezug zu der Geschichte. Das mag manchen verwirren. Ich mag solche blinden Flecken.
  • Der Vater ist ein schrecklicher Tyran. Aber nicht nur das. Und wegen solcher Wendungen ist das Buch gut.

Omertá - Mario Puzo

Das klingt alles sehr stark nach Märchen. Es war einmal ein alter Pate der Mafia, der sterben musste. Er ließ die drei mächtigsten Obermafiosi zu sich kommen und vertraute einem von ihnen seinen einzigen Sohn an. Dieser Obermafiosi aber hatte schon drei Kinder, von denen er nicht wollte, dass sie mit den Übeln in Berührung kämen, die ihn reich und alt gemacht haben. Also bestimmte er den ihn anvertrauten Sohn des alten Paten zu seinem Nachfolger. Dann brach der Krieg aus...

Es hat Spaß gemacht. Vor allem beherrscht Puzo etwas, das mittlerweile gar nicht mehr in Mode ist, und zwar das Erzählen in Halbszenen und weiten Bögen. 

Ein Mafia-Märchen eben. Spannend ja, aber auch ein wenig wie ein Wein, der so berühmt ist, dass er gut sein muss, der sich aber dann als ziemlich luftig erweist. Der Pate lächelt mit einem schlechten Kassengebiss.

(Bücher mit Weinen vergleichen - auch so ein Klischee.)

Friday, March 13, 2009

Ghost - von Robert Harris

Gerhard Schröder war kein CIA-Agent. Das ist ziemlich sicher. Wäre er CIA-Agent gewesen, dann wären im Irak-Krieg deutsche Schiffe im persischen Golf aufgetaucht und hätten Raketen auf Bagdad abgefeuert, hätten deutsche Leoparden und Tiger schlecht ausgerüstete Irakis durch die Wüste gejagt und BNDler leicht terrorismusverdächtige Mitbürger gewasserbrettert bis zum Herzstillstand.

Bei Tony Blair dürfen sich die Briten nicht so sicher sein. Bush's Dog nannte man ihn auch hämisch wegen seiner übertriebenen Bündnistreue gegenüber den Amerikanern. Viel hat er dabei nicht heraus holen können für sich und die Briten. Er selbst musste vorzeitig sein Amt an den Nagel hängen, U-Bahnen wurden in die Luft gesprengt, die Schlangen an den Sicherheitsschranken in den Flughäfen wurden immer länger. Nicht einmal Öl-Aufträge gab es für englischen Firmen.

Warum das ganze also dann? Hatte der Mann vielleicht ganz andere Prioritäten?

Die Frage stellt sich Robert Harris in seinem mit dem International Thriller Award ausgezeichneten Roman Ghost. Ghost, das ist ein Ghostwriter, der sein Geld bislang hauptsächlich mit den Autobiografien von Stars aus Show Biz und Sport verdient hat. Jetzt trägt ihm sein Agent eine ganz heiße Sache an: Die Memoiren Adam Langs, des ehemaligen britischen Premier-Ministers. Die Sache soll ihm nicht nur ziemlich viel Geld bringen, sie hat auch jede Menge Haken: Deadline ist in einem Monat und das verfügbare Material seines Vorgängers ist grottenschlecht; außerdem hat jener unter nicht ganz wasserdichten Umständen vor kurzem das Zeitliche gesegnet. Zudem fällt die Arbeitszeit just in die Phase, als die Juristen Adam Lang vor das Kriegsverbrecher -Tribunal in Den Haag bringen wollen, weil er angeblich die unrechtmäßige Verhaftung von Terrorverdächtigen durch die CIA angeordnet haben soll.

Schlecht für ihn, aber gut für die Publicity, daher halbiert der Verlag kurzerhand die eh schon halsbrecherische Abgabefrist. Doch diese Sorge gerät für den Ghost langsam in den Hintergrund. Denn er beginnt mit seinen eigenen Recherchen und entdeckt peu á peu allerhand, was den früheren Premier in immer düstereres Zwielicht taucht. Was hat den munteren Cambridgianer, der bis dato nichts mit Politik am Hut hatte, anno dazumal in die Partei getrieben? Wie konnte er so rasant an allen anderen vorbeiziehen, ohne eine eigene Lobby in der Partei zu haben? Warum verzapft er Märchen, was seine frühere Motivation angeht? Und wie ist sein treuer Mitarbeiter, der eigentlich mit der Abfassung der Memoiren betraut war, wirklich gestorben? Was ist dran, an den Vorwürfen der Verstrickungen mit CIA-Machenschaften?Auf einmal stinkt alles nur noch so nach Intrige, Verschwörung und dunklen Geheimdienstmachenschaften.

Dass das Buch macht ziemlich viel Spaß, liegt zum einen daran, dass es natürlich sehr spannend ist. Aber auch daran, dass es so nah an der jüngsten Geschichte angesiedelt ist. Man hat alles noch frisch vor Augen – die gemeinsamen Pressekonferenzen, leidenschaftliche Beteuerungen windschiefer Überzeugungen, die schwindelerregende Erosion der Glaubwürdigkeit.

Und dann kommt bei Harris noch etwas hinzu, das man in amerikanischen Thrillern dieses Kalibers eher selten findet: Humor. Ich will jetzt nicht reflexartig das Attribut „britisch“ davor setzen. Jedenfalls habe ich bei der Lektüre mehrmals laut gelacht. Was will man mehr?

("Was will man mehr?" - die Frage ist auch so sein Rezensionenreflex)

Wednesday, March 04, 2009

Monster von Jonathan Kellermann


Erstand das Taschenbuch vor einiger Zeit auf dem Flohmarkt für 50 Cent. Seitdem hat es im Regal eine Weile laang Staub angesammelt. Letzten Freitag war es dann so weit und es wurde einer unergründlichen Laune folgend ausgewählt. So ist das mit dem Büchernarren. Er rafft zusammen, was geht. Man verspottet ihn oder hat bestenfalls Mitleid. "Das kannst du niemals alles lesen", sagen die Leute. Aber sie kommen alle dran, die Bücher, früher oder später. Nach einem unergründlichen Schema geraten sie unter die Augen des Lesers, werden geprüft, für gut befunden und verschlungen, oder endgültig beiseite geräumt.

Monster wurde verschlungen. Ein Mord an einer Psychologin, die in der Anstalt aller Anstalten ihren Dienst verrichetet. Die Spur führt zurück zu einem ungaublich grausigen Mehfachmord, für den das Monster verantwortlich gemacht wurde, das zuletzt Lieblingspatient der Psychologin war. Doch der konnte es nicht gewesen sein. Nach und nach entwirren Alex Delaware und Milo Irgendwas die Hintergründe...

Sehr gut sind natürlich die ganzen Gruselgestalten, die den Roman durchwandeln. Sehr schön auch das Porträt der Psychologin, deren Leben so völlig leer geräumt ist von buchstäblich allem, was man gemeinhin Seele nennt. Vor allem die überaus nüchterne Darstellungsart nimmt sehr für das Buch ein. Das ganze kommt einem vor, wie ein Aktenbericht. Man merkt auf jeder Seite, dass Kellermann vom Fach ist und r was die psychologischen Details betrifft keinen Mumpitz vom Stapel lässt.

Fazit: Psychologischer Roman in Reinkultur. Fein.

Tuesday, March 03, 2009

Frau am Bahnsteig

Am Bahnsteig zur U1 steht manchmal diese Frau und liest Zeitung. Die Passanten machen einen Bogen um sie. Um sie herum hat sie eine Menge prall gefüllter, teilweise zerschlissener Plastiktüten versammelt, aus denen Papier und Stofffetzen hervorsprießen. Ihr schwarzes Haar ist völlig verfiltzt. Sie scheint kein Alter zu haben.
Ihre Haltung: Sie steht nicht in, sondern auf ihren Schuhen. Die Strümpfe sind fleckig und haben Löcher. Die Beine sind dünn wie Stelzen, die Fersen berühren einander, so dass ihre Beine wie ein Bein wirken.
Wie ein Kranich steht sie unbeweglich zwischen den sich bewegenden und von Gedanken bewegten Menschen und liest Zeitung.

Thursday, February 26, 2009

Hunter von John Dunning


Wieder ein Kriminalroman über verlorene Bücher, Bücherjäger, geheime, aus den Seiten der Historie gelöschte Geschichten. Manchmal ein wenig zu harmlos, zu korrekt.
Schön, dass der Unsympath der ersten Seiten nicht der Bösewicht ist. Schön auch die eingerückte Episode vom Vortag des Amerikanischen Bürgerkriegs, auch wenn sie wirklich etwas abstrus motiviert ist. Nettes Kulissenkino überhaupt.

Daher ein Nachsehen mit:
  • der erdrückenden Überzahl starker, guter, hübscher und alternder Frauen
  • einem unnützen Ausfall gegen Raucher
Hat zwar nicht die Klasse des Dumas Club, aber die Story ist stark und trägt einen sehr flott über die 400 Seiten.

Tuesday, February 24, 2009

Variation auf ein Thema von Baudelaire

Es ist einer dieser düsteren Tage. Die Sonne schafft es nicht durch die Wolken. Die Stadt ist eingesponnen in einen Kokon aus Nebel. Du bahnst dir den Weg durch die Armeen in Zivil. Die Truppenbewegungen durchschaust du nicht. Keiner tut das. Du lässt dich treiben. Vor dem Laden, der vor kurzem noch ein anderer war, bleibst du stehen. Du denkst du hast Hunger (hast du aber nicht). Aber jetzt hast du den Rhythmus verloren und stehst wie ein Phantombild in der Menge. Und dann siehst du den roten Farbfleck inmitten der grauen Armee. Ein roter Fleck in einem Schwarzweißfilm. Ein Flogolet ertönt auf der wurmstichigen Zarge deiner Seele. Und dann ist sie weg. Und dann bist auch du weg, wieder anheim gegeben dem Brackwasser dieses Tages.

Monday, February 23, 2009

Herbstlicht von Hermann Lenz

So ziemlich das Gegenteil von Spannungsliteratur. Aber das darf auch mal sein. Nach Peter Handke müsste man dieses Buch wahrscheinlich ganz langsam in sich hinein rezitieren. Ich weiß nicht, ob das alles so viel Gehalt hat, mir kommt's manchmal etwas dürr vor.

Im Prinzip ist es eine Auflistung von Personen, die mal alle auf ihn herab geschaut haben, als er noch ein literarisches Nichts war, und denen er es jetzt doch gezeigt hat, weil er den Büchnerpreis bekommen hat.

Es hat was. Allerdings ist dieses Etwas auch sehr bieder. Aber warum nicht.

Friday, February 20, 2009

Abgefahren: Driver von James Sallis

Der Krimi des Jahres 2007. Ein Profi-Fahrer für Stunts und mittelschwere Überfälle gerät wegen eines dumm gelaufenen Jobs auf die Abschussliste der Mafia. Allerdings beißt die sich dann die Zähne an Driver aus.

Der kurze Roman ist in einer Art "Rondo-Schnitt" erzählt: Ganze Szenen wiederholen sich fast wortwörtlich, biografische Rückblicke werden scharf in den Gang der rasanten Handlung geschnitten. Das ergibt einen sehr schönen, melancholischen Sound.

Obwohl das Buch extrem kurz ist - man kann es locker an einem Abend lesen - blättert sich da doch ein Leben als Ganzes auf. Sehr gelungen. Höhepunkt ist das Gespräch zwischen Driver und dem verbleibenden Obermafiosi, das mit wenigen Zeilen einige hundert Zeilen Sartre in den Schatten stellt. Driver als jemand, der sich völlig autonom selbst erfindet. Er ist Fahrer - nicht mehr und nicht weniger - als Person völlig im Einklang mit seiner Funktion. Das dieser Einklang nicht gestört wird, ist auch die Bedingung für jeden Job, den er annimmt. Erst als das nicht mehr stimmt, laufen die Dinge aus dem Ruder.

Der Schluss lässt auf eine Serie hoffen. Fast klingt da eine Art verquerer Märchenton an. Hier ist etwas, was man von diesen amerikanischen hard boileds gar nicht kennt: Romantische Ironie.

Thursday, February 19, 2009

Rabbit , eine Rückkehr


Man sollte eigentlich immer ein Updike-Buch lesen. Nichts schärft den Blick auf den Alltag so sehr, wie diese Prosa.

Rabbits Rückkehr also. Nun ja, aus dem Grab steht er nicht auf. Aber seine Tochter steht plötzlich vor der Tür seiner Witwe und bringt einiges durcheinander. Eigentliche Hauptperson ist aber Nelson, mittlerweile über 40. Der kann leider seinem Vater als literarische Figur nicht ganz das Wasser reichen, daher ist der Roman wohl auch relativ dünn. Eine Art Reprise.

Was sehr interessant und gut ist:
  • wie immer die Details bei Updike und der Stil. Die Kunst, feine Seelenregungen aufzuspüren und ins Bild zu bringen
  • der Zeitbezug - das Ganze spielt am Vorabend der Milleniumsfeier, man entdeckt vieles wieder, wie etwa die Angst vor Y2K oder die Suche nach einem geeigneten Ort für die Feier
  • dass nichts geschieht und doch unglaublich viel
  • dass alles nach Rabbit schäbiger, deprimierender geworden ist

weniger überzeugend:
  • manche Ausbrüche der Figuren. Stiefvater Ronnie beleidigt die Rabbit-Tochter so hundsgemein, dass danach eigentlich alle menschlichen Brücken zw. ihr und den Hanssons völlig hinüber sein müssten. Sind sie aber nicht.
  • zu viel Straßen-Topografie

Aber: Updike bleibt Updike. Schade, schade, dass es jetzt definitiv nicht mehr weitergehen kann mit den Rabbits.

Tuesday, February 17, 2009

Der Fledermausmann


Warum aus der Masse gerade dieses Buch von einem Jo Nesbø? Es hätte jedes andere sein können. Eigentlich hatte es sogar schlechtere Chancen, weil wir nicht sonderlich an Australien interessiert sind.

Also, wie war es? Zuerst haben wir von Nesbø gehört in der Krimicouch anlässlich seines neuen Romans Der Schneemann. Dann standen wir im Hugendubel vor dem Krimiregal und blätterten in einigen Büchern. Das Cover eher mäßig, das Ganze uns eigentlich zu lange und zu fern (Australien, Ureinwohner, Norweger). Gekauft haben wir es dann aber ganz schnell am Bahnhof, wahrscheinlich, weil uns das Motiv mit der Fledermaus interessierte (das dann etwas lieblos behandelt wird, aber es gibt Entschädigung.) 

Wir haben dann erst das Poe-Buch fertig, dann das 400-Seiten Buch in zwei Tagen gelesen. Und es hat Spaß gemacht: Der Held ist gut gezeichnet (wie man so sagt), er hat eine echte, gravierende Schwäche (er ist Alkoholiker, kein trockener), es gibt eine recht passable Liebesgeschichte, die alles andere als gut ausgeht, es gibt starke Nebenfiguren usw. 

Aber was mir besonders gut gefallen hat: Der Mann interessiert sich für andere Leute. So lernt er zum Beispiel einen Alkoholiker im Hyde Park kennen, mit dem er sich am Ende anfreundet und irgendwie helfen sie sich gegenseitig durch pure Menschlichkeit. Außerdem steckt in dem Finale ein solches Maß an Verzweiflung und Trostlosigkeit, dass man ganz wie der Held einfach nicht die Augen aufmachen kann. Und nicht zuletzt sind da die eingeflochtenen Mythen und deren Mitschwingen in der Romanhandlung.