Saturday, March 07, 2015

Georg Büchner - Woyzeck

Bildergebnis für büchner woyzeck fischer ebook fischerverlagJa, klar, Sozialdrama, Determinismus, gesellschaftliche Verhältnisse sind Schuld etc. Aber es ist die Sprache, die das Stück so gut macht. Und das, was alles nicht da steht, aber trotzdem da ist, weil es die Sprache in absentia heraufbeschwört. Als Story aber kaum zu ertragen. Fetzen, die im Prinzip nachträglich kolportiert. Zusammengeklebt aus einem Scherbenhaufen, nur einen Zerrbild liefernd.

Florian Illies - 1913



 Rilke, Trakl, Werfel, Kokoschka, Stalin, Hitler, Strawinski, Kafka, Thomas Mann und viele mehr, alle parallel gesetzt in diesem einen, ereignisreichen Jahr. So wünscht man sich ein literarisches Sachbuch.

Wednesday, February 25, 2015

Michel Houellebecq - Unterwerfung

Verführerisch gutes Buch. Wie lässig und gekonnt Houellebecq hier einen großen politischen Roman hinwirft und wie ungemein unterhaltend das ganze ist. Sehr überrascht. Die große Stärke des Buches: Es ist kaum Satire darin, es ist durchaus ernst gemeint. Der Eindruck des Satirischen ergibt sich vielmehr aus der realistischen Schilderung des heutigen Decadent.

Saturday, February 21, 2015

D.T. Max - Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte

Schöne Biographie über David Foster Wallace. Weckte wieder Lust auf diesen begnadeten Schriftsteller. Sonderbar, wie heiter und lebhaft DFW wirkt. Bis kurz vor Schluss kann man sich nicht vorstellen, wie das im Selbstmord enden soll. Aber dann geht es durch die Kombination aus Überforderung angesichts der neuen Schreibaufgabe und Umstellung der Antidepressiva rasend schnell.

Tuesday, February 17, 2015

Sascha Arango - Die Wahrheit und andere Lügen

Nette Krimi in Highsmith-Manier, stilistisch sauber, allerdings gehen am Ende die Knalleffekte aus.

Sunday, February 15, 2015

Jan Wagner - Regentonnenvariationen

Sehr schöne und zugängliche Gedichte. Sah den Dichter vor zwei Jahren in Irsee. Tiere, Pflanzen, Gegenstände und Bukolisches. Zum Wiederlesen markiert:  Dachshund, Versuch über Seife ("man wusch sich von kain zu abel"), otter (der nachts so schön mit Tarnkappe durch die Dörfer zieht), die stifter, koi (bei denen im kalten Nass das Alter beginnt), das Titelgedicht, grottenolm (blind wie homer), anna (mit der Hasenscharte und den Butterhänden), versuch über mücken, laken, lazarus, versuch über servietten.

Wolf Haas - Brennerova

Von Wolf Haas muss man ja eigentlich alles lesen.  Hier geht es um schöne Russinnen,  Tätowierungen,  Schamanismus. Aber egal, worum es geht,  man liest Haas immer wegen der Manier. Jeder Satz eine kleine Sprachidee.

Monday, February 09, 2015

Michael Ende - Die unendliche Geschichte

Wiederbegegnung nach über 30 Jahren. Hat kaum etwas von ihrem Zauber eingebüßt. Alles sehr stimmig, in der phantastischen Literatur Maßstäbe setzend. Übrigens das gleiche Gefälle, wie damals erlebt: Bis Bastians Wechsel nach Phantasien sehr fesselnd, dann mitunter mühsam, was an Bastians schwierigerem Charakter liegen mag. Deshalb damals von den Erwachsenen sehr ernsthaft als "schwer" bezeichnet.

Stephen King - Joyland

Liebeskranker Student heuert in Vergnügungspark an, findet Freunde, rettet Menschen, klärt mit Hilfe eines telepathischen Jungen ein altes Verbrechen auf. Ganz hervorragender Roman des Meisters. Die Horroreffekte sind minimal, King schreibt hier einfach eine seiner tollen Coming-of-Age-Geschichten, wie sie nur er kann.

Tuesday, February 03, 2015

David Foster Wallace - Kleines Mädchen mit komischen Haaren

Story-Sammlung mit einigen sehr guten Stücken: Eine junge Frau bleibt jahrelang Champion einer Quizshow bis sie ausgerechnet gegen ihren autistischen Bruder verliert. Eine mittelmäßige Schauspielerin bei David Letterman, wo wider Erwarten alles gut geht. Die rechte Hand von Lyndon B Johnson,  ein Mann der ihn heimlich liebt. Immer gibt es am Ende ein Abdriften in eine nicht ernst gemeinte metaphysische Spekulation. Richtiger David Foster Wallace in homöopathischen Dosen.

Monday, February 02, 2015

Peter Handke - Versuch über den Pilznarren

Was Peter Handke treibt, ist eigentlich eine Art poetischer Psychologie,  für die er immer neue Formen findet. Hier ist es die Pilzleidenschaft.

Sunday, February 01, 2015

Ulrich Becher - Murmeljagd

Autor und Weltkriegsveteran im Schweizer Exil wähnt sich von den Nazis verfolgt und gerät in eine spukhafte Selbstmordserie. Kämpft gegen Schatten.
Sprachlich teilweise virtuos. Aber in der Länge manchmal doch auch quälend.

Friday, January 16, 2015

Ian McEwan - Kindeswohl

Richterin entscheidet, dass ein begabter junger Zeuge Jehovas gegen seine Religion eine lebensrettende Bluttransfusion erhält; die Beziehung,die daraus entsteht. So elegant und packend lässt sich Zeitgeschehen erzählen. Spannende Geschichten, interessante Hintergründe, schmucklose, "serviceorientierte" Sprache, die der Erzählung nur dienen, an keiner Stelle auffallen will. Von Eva Mattes wunderbar zurücktretend gelesen.

Wednesday, January 14, 2015

Sibylle Berg - Vielen Dank für das Leben

Entwicklungsroman über eine schöne Seele in einer grässlichen Welt. Toto widerfahren von der Geburt bis zum Tod nur Bosheit, Niedertracht, Unglück. Eine Existenz in der Hölle, grandios und niederschmetternd. Da kann man nicht, da will man nicht leben, alles zum Davonlaufen und Verzweifeln. Nicht aber Toto, so hoffnungslos bis zum letzten Atemzug.

Thursday, January 08, 2015

Haruki Murakami - Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki

Ein Mann wird von seiner Jugendclique ausgeschlossen und zerbricht fast daran. Aufarbeitungsroman, klar, wie eine Flasche Mineralwasser.

Tuesday, January 06, 2015

Alain Claude Sulzer - Aus den Fugen

Episodenroman - mehrere Menschen besuchen ein Konzert, der Solist bricht kurz vor Halbzeit einfach ab und alle Lebenskurven bekommen einen Knick. Manches schon irgendwie bekannt. Reiz der Short Cuts: Man muss sich nie zu lange mit einem Charakter befassen, der nur mäßig interessant. Große Überraschungen gibt es keine.

Stefan Spjut - Troll

Mysteriöser Roman über Trolle, die in Schweden kleine Kinder rauben, um ihnen beim Spielen zuzuschauen.

Wednesday, December 31, 2014

Peter Handke, Siegfried Unseld - Der Briefwechsel

Interessante Lebensbeziehung. Immer wieder flammen bitterste Konflikte auf. Die Sorgfalt anderseits. Auch das Mondäne. Und die unglaubliche Produktivität Handkes.

Denis Johnson - Train Dreams

Das Leben eines verwitweten Holzfällers auf hundert Seiten. Atmosphärisch stark, hin und wieder etwas skurril spooky. Zum Wiederlesen.

Saturday, December 27, 2014

Franz Kafka - Das Schloss

Ein Landvermesser kämpft gegen eine anonyme und komplexe Macht um Existenz und gesellschaftlichen Status. Zweite oder dritte Lektüre. Vieles lag anders in der Erinnerung, zum Beispiel das Warten in der Kutsche. Außerdem mit dem 19. und 20. Kapitel die ganze Story sehr friedalastig, fast wird es zu ihrem Roman.

Friday, December 26, 2014

Marisha Pessl - Die Amerikanische Nacht

Die magisch-begabte Tochter eines morbiden Filmemachers begeht Selbstmord und streut davor noch einen Strauß Rätsel aus, die ein investigativer Journalist lösen will. Plottgetriebener Schmöcker, spannend und luftig wie Popcorn. Schön die großformatige Fischer-Paperback-Ausgabe übrigens.

Saturday, December 20, 2014

Monday, December 01, 2014

Nathanael West - Miss Lonelyheart


Bonustrack auf der SWR-Bestenliste. Miniroman über einen brutalen und feigen Kummerkastenredakteur. Formal aus heutiger Sicht eher unspannend. Alles in allem unsympathische Lektüre.

Sunday, November 30, 2014

Fritz Rudolf Fries - Der Weg nach Oobliadooh

Völlig überraschend beim Abarbeiten der SWR-Bestenliste vom November 2012 auf diese wahre Perle gestoßen. Wirklich eines der besten Bücher seit langem. Erinnert sogar an Nabokov, namentlich an Die Gabe. Zwei junge Männer der DDR in den Fünfzigern, der eine Schriftsteller, der andere Musiker, bzw. wollen sie das sein, ehe sie sich in eine bürgerliche Existenz zu fügen (scheinen). Tragen beide den ironisch-melancholischen Blick auf die Welt, wie Nabokovs junge Künstler. Dabei sehr lustig. Sprachlich ganz modern, an Joyce geschult, aber alles irgendwie leicht und tänzelnd. Kaum zu glauben, dass dieses Buch vor 50 Jahre in der DDR geschrieben worden ist. Große Entdeckung.

Monday, November 24, 2014

Jean-Philippe Toussaint - Die Dringlichkeit und die Geduld


Sehr schöner kleiner Essay-Band über das Schreiben, Schriftsteller-Werden, Einflüsse etc. Die Initiationen ähneln sich häufig. Dostojewski nennt fast jeder, so auch hier. Verbrechen und Strafe hat ihn mehr oder weniger zum Schreiben gebracht. Viele nette Zitate auch, etwa der Gedanke von Baudelaire, ein Buch sei ein Traum von Stein. Und die Zusammenballung des Schreibmovens in die beiden Begriffe Dringlichkeit (Rimbaud, Faulkner, Dostojewski) und Geduld (Flaubert). Etwas kurz ist es, in knapp zwei Stunden hat man das schmale Bändchen durch.

Sunday, November 23, 2014

Ulrich Bien - Fokus Pokus

Immer mal wieder so ein Gehirnbüchlein, dueses hier ist gut, kurz und prägnant,  z. B.: "Machen Sie den Test: Mit einem Buch können Sie herausfinden, ob und wie lange Sie sich konzentrieren können.  Greifen Sie sich eine Literarischgattung Ihrer Wahl und fangen Sie einfach an zu lesen - und zwar so lange, wie Sie können.
Oder: "Bevor Sie etwas lernen oder sich etwas merken wollen,  sollten Sie sich die wichtigste Frage überhaupt stellen:Warum ist dies oder das so oder so? Suchen Sie nach dem Sinn hinter den Informationen, forschen Sie nach Gründen,  wie und warum etwas entstanden ist. Nicht weil Sie sich mehr Arbeit beim Lernen und Merken machen sollen,  sondern weil das Gehirn unschlagbar beim Lernen von Zusammenhängen ist."

Saturday, November 22, 2014

Peter Henisch - Vom Wunsch, Indianer zu werden


Witzig: Kafka meets Karl May auf fiktiver Amerikafahrt. Nicht zu lang. Auf den mir bis dato ganz unbekannten Autoren beim Googeln nach Joseph Roth gestoßen. Irgendein Video, in dem er Roth als sein Vorbild erklärt.

Thursday, November 20, 2014

E.T.A. Hoffmann - Lebensansichten des Kater Murr

Hatte das seltsamer Weise noch gar nicht gelesen und war mit Hoffmann schon so gut wie durch. Murr ist aber eine Perle, in keinem anderen Werk scheint Hoffmann freier, lustiger, ideenreicher. Schon die ganze Anlage ist "genialisch", also die Doppelseiten aus Kater-Memoiren und Künstlerbiographie. Berührt von der romantischen Behandlung des Außenseitermotivs. Das hat man damals so als Student blanko als Vorlage des Lebensentwurfs genommen.

Tuesday, November 11, 2014

Robert Seethaler - Ein ganzes Leben


Lebensgeschichte eines Alpenbewohners: Schläge in der Kindheit, Arbeit auf dem Feld, am Berg, Eheglück, pulverisiert durch eine Lawine, Krieg, Gefangenschaft, Arbeit, Einsamkeit, Natur, Erinnerungen, Tod auf hundert Seiten. Eine Art längeres Unverhofftes Wiedersehen, sehr dicht und trotz der Fülle fast durchgehend szenisch. Hinterließ starken Eindruck.

Monday, November 10, 2014

Lutz Seiler - Kruso

Schöner Roman über die Freundschaft zweier Spüler in einer Wirtschaft auf der Flüchtlingsinsel Hiddensee kurz vor der Wende. Sprache und Atmosphäre stark, doch hat der letzte Zug etwas gefehlt. Gerade im letzten Drittel erwartet man von jedem Kapitel, dass es das letzte ist, daher franst die Geschichte etwas aus, was schade ist. Ähnlich wie bei manchen ersten und letzten Beethovensinfonien, die solange auf den Schluss hinarbeiten, dass er, wenn er denn wirklich kommt, enttäuscht.

Saturday, November 01, 2014

Joseph Roth - Die Flucht ohne Ende

Ein weiterer Joseph Roth, einer der besten. Geschichte eines Weltkriegsverschollenem, der verschiedene Anläufe unternimmt, ins Leben zurückzukehren. Roths Stil manchmal an die Luzidität Heines erinnernd.

Thursday, October 30, 2014

Don Winslow - Kings of Cool

Musste bei der Lektüre oft an Wolf Haas denken: Haas hat im Interview gesagt,  es ginge ihm eigentlich nur um die Sprache bei seinen Brennern. Plot und so eher uninteressant. So auch hier. Jeder Satz ist gewissermaßen soundgestaltet. Für fast jedes der Mini-Kapitel erfindet Winslow ein eigenes Gestaltungsprinzip, um diesen coolen Sound herzustellen.

Taije Silasi - Diese Dinge geschehen nicht einfach so

Buddenbrooks, globalisiert, afrikanisch. Das Problematische fehlender, ungewisser Wurzeln.  Etwas viel Geweine und Besonderheitsdünkel. Alles in allem aber sehr lohnend, da welthaltig, wie kaum ein Buch. Stil auch sehr gut.

Wilhelm von Sternburg - Joseph Roth

Gute Biographie. Etwas mehr über Roths Schreibprozess wäre noch ganz nett gewesen. Angesichts der verschiedenen Geisteshaltungen, die JR durchlaufen hat, wie unsinnig ihn auf eine davon zu fixieren, wie es in der Schule, Uni, Kritik gemacht wird. JR, der Monarchist, der Katholik, früher der Sozi etc. Erklärt weniger als null.

Thursday, October 16, 2014

Patrick Modiano - Das Café der verlorenen Jugend

Doch etwas enttäuscht gewesen. Ließ sich gut an, Melancholie, Künstler in Cafés, eine geheimnisvolle Frau etc. Aber aus dem wird leider nicht viel. Sehr genervt von dem ganzen Stadtplanmäßigem. Dieser Platz, jene Straße, diese Haltestation, ja mein Gott, muss man die denn alle kennen? Gefühl, ausgeschlossen zu sein deswegen, als wäre das nicht an mich adressiert.

Ein paar nette Zitate allerdings auf dem Wegrand, z.B.:

"Natürlich verstand ich das. In diesem Leben, das uns manchmal vorkommt, wie eine große Brachfläche ohne Wegweiser, inmitten all dieser Fluchtlinien und verlorenen Horizonte, würde man gerne Bezugspunkte finden, eine Art von Kataster anlegen, um nicht länger das Gefühl zu haben, dass man sich ziellos treiben lässt. Also knüpft man Beziehungen, versucht, ungewisse Zufallsbekanntschaften zu festigen."

Leider selbst keinen Fixpunkt in diesem Romänchen gefunden.

Tuesday, October 14, 2014

Richard Powers - Orfeu

Moderner Komponist als vermeintlicher Bioterrorist. Schönster Musikerroman seit Dr F.

Monday, October 13, 2014

Rüdiger Görner - Georg Trakl

Nostalgielektüre, Vorwand, Trakl-Gedichte alle mal wieder zu lesen. Görner leitet kundig durch. Zu den Gedichten lässt sich nicht viel neues sagen. Görner liefert aber viel Atmosphärisches aus Begleitquellen. Interessant, dass er zu den Elis-Gedichten nicht auf Hoffmann hinweist, zumal sich der Hinweis ja auch bei Fühmann findet, den er erwähnt.

Judith Hermann - Aller Liebe Anfang

Wollte ich eigentlich nicht lesen. Aber nachdem es so viele Untergürtellinienschläge seitens der Kritik gab dann doch aus blanker Solidarität zu Judith Hermanns Aller Liebe Anfang gegriffen und in einem Zug durchgelesen. Vielen scheint entgangen, dass es hier um nichts weniger als so etwas wie die große Irritation über die Engführung des Lebens ab Mitte 30 geht. Und das ganze sauberst auserzählt, ohne dass aus in irgendeinem Spalt so etwas wie Konzept oder Küchenpsychologie zieht. Fast schon fontanemäßig realistisch, immer mit einem ganz leichten Schimmer Halblicht auf den Dingen. Das ist gute Literatur!

Thursday, October 02, 2014

Thomas Bernhard - Der Atem

Interessant, wie das immer wieder funktioniert, auch wenn man schon viele Jahre Thomas Bernhard gelesen hat.

Agota Kristof - Das große Heft

Heftige Geschichte über die Verwilderung von Zwillingen während eines namenlosen Krieges. Grenzüberschreitungen dauernd. Gut und Böse keine Kategorie mehr. Gnadenlose Stärke dieses seltsamen Doppelcharakters. Einer der stärksten Schlusssätze, den ich je gelesen habe. Minutenlange Gänsehaut.

Hilary Mantel - Falken

Zum zweiten Mal. Man denkt anders, während man dieses Buch liest. Eine große Geschichte, alles atemlos dicht umgesetzt, ganz ohne Historienzierrat. Die Ausstaffierung funktioniert auf rein geistiger Ebene. Unglaublich. Was wird wohl der der dritte Teil bringen? Cromwells Ende, wie mag das durch diesen Bewusststeinsstrom ziehen?

Saturday, September 27, 2014

Lisa Kränzler - Lichtfang

Kurzer Roman über ein altes Motiv.  Zwei Außenseiter, 18-Jährige, lieben sich, quälen sich. Eigentlicher Held ist die Sprache,  Kränzler schreibt fast keinen Satz ohne Gestaltungswillen bzw -idee. Manchmal wie Shakespeare.

Monday, September 22, 2014

Karl Ove Knausgård - Sterben


Nach vielen Vorschusslorbeeren wie immer erst mal beiseite gelassen. So ist das mit den guten Büchern, ihre Zeit kommt irgendwann. Es kann durchaus sein, dass es einige Anläufe braucht, aber die wirklich guten werden dann auch gelesen.

Knausgårds Buch ist genau genommen gar kein Roman, sondern ein Stück radikaler Autobiographie. Erzählt das Verhältnis zu dem Vater Knausgårds, welche Distanz, Kälte, Angst etc. mit der Figur des Vaters verbunden waren, und wie sich das bis in zu dessen Sterben gehalten hat. Erst nach dem Tod kommt tatsächlich etwas auf, Nähe kann man es nicht nennen, Verständnis auch nicht, am ehesten vielleicht allgemein Bewusstsein für die Problematik von dessen Existenz.

Die Handlung ist nebensächlich, lässt sich auch gar nicht so leicht zusammenfassen. Im ersten von zwei Teilen erzählt Knausgård von seiner Kindheit, die er in der Nähe dieses Vaters verbringt, sein Aufwachsen mit Mädchen, Musik, Träumen, Fußball, erstem Rausch und so weiter. Trotz des schwierigen Verhältnisses zum Vater, scheint der Erzähler in dieser Jugend glücklich, euphorisiert von den Möglichkeiten des Lebens.

Der Vater ist immer als knorriger Schatten präsent, verliert aber bald etwas von seiner Gefährlichkeit, eine irrationale, fast unheimliche Veränderungen vollzieht sich an ihm. Durch den bürgerlichen und strengen Familienmann bricht eine andere, tiefere Identität durch, er verlässt die Frau, kleidet sich seltsamer, beginnt zu trinken. Einmal kommt Knausgård nach Hause, unangemeldet, und trifft seinen Vater an, wie er ein sentimentales Lied mit voller Lautstärke hört und dabei in Tränen aufgelöst mitsingt ist. Er schleicht sich davon, nichts wäre schlimmer, als von seinem Vater dabei ertappt zu werden, wie er ihn ertappt.

Dann der zweite Teil, Knausgård erfährt vom Tod des Vaters, fährt mit seinem Bruder in das Haus der Großmutter und erlebt, wie sich die Existenz seines Vaters in den letzten Jahren in eine wahre Hölle verwandelt hat. Als schwerer Trinker hatte er sich bei seiner Mutter verbarrikadiert und ein furchtbar einsames Messileben geführt.

Es ist das ein oder andere Mal in Rezensionen davon geschrieben worden, dass das Buch formlos sei. Aber das stimmt nicht. Die Form ergibt sich aus dem Vorher-Nachher dieser beiden Teile. Es ist wie ein Bild mit sehr vielen Details, das erst in einem hellen, klaren, kalten Licht gezeigt wird, dann aber aus in einem dunklen, bedrohlichen, dabei ebenfalls sehr kalten.

Auch wurde Knausgård angekreidet, sich zu sehr in Details zu verlieren. Tatsächlich schildert er scheinbar banale Vorgänge und Hantierungen übergenau. Der Tee wird nicht nur gekocht, sondern das Wasser zum Sieden gebracht, bis es sprudelt, dann Teebeutel eingelegt, bis sich das Wasser verfärbt etc. Und das fast bei allen Vorgängen: Autofahren, Zigaretten drehen, auf den Bus warten, zum Kiosk gehen, dort bezahlen, das Wechselgeld nicht in die Hand gezählt zu bekommen etc. Natürlich ist das nicht ökonomisch, aber das ist sein Stil, es geht bei ihm tatsächlich darum, sich Wirklichkeit zu erschreiben, durchzubrechen zum Authentischen, das in unserem Alltag ständig von einem Firnis auf Gedanken, Vorannahmen, Geistigem überlagert wird. Das ist fast eine Art Programm.

Am krassesten ist dieser Überlagerung vielleicht beim Thema Tod und Sterben. Allerdings erweist sich der Tod immer als mächtiger, als die Hülle, in der wir unsere Welt decken, die wir vermutlich brauchen, um überleben zu können. Erst mit dem Sterben reißt die Leinwand.