Gute Biographie. Etwas mehr über Roths Schreibprozess wäre noch ganz nett gewesen. Angesichts der verschiedenen Geisteshaltungen, die JR durchlaufen hat, wie unsinnig ihn auf eine davon zu fixieren, wie es in der Schule, Uni, Kritik gemacht wird. JR, der Monarchist, der Katholik, früher der Sozi etc. Erklärt weniger als null.Ein Blog über das Stöbern im Grenzland zwischen U und E. Ausflüge ins Landesinnere inklusive.
Thursday, October 30, 2014
Wilhelm von Sternburg - Joseph Roth
Gute Biographie. Etwas mehr über Roths Schreibprozess wäre noch ganz nett gewesen. Angesichts der verschiedenen Geisteshaltungen, die JR durchlaufen hat, wie unsinnig ihn auf eine davon zu fixieren, wie es in der Schule, Uni, Kritik gemacht wird. JR, der Monarchist, der Katholik, früher der Sozi etc. Erklärt weniger als null.Thursday, October 16, 2014
Patrick Modiano - Das Café der verlorenen Jugend
Doch etwas enttäuscht gewesen. Ließ sich gut an, Melancholie, Künstler in Cafés, eine geheimnisvolle Frau etc. Aber aus dem wird leider nicht viel. Sehr genervt von dem ganzen Stadtplanmäßigem. Dieser Platz, jene Straße, diese Haltestation, ja mein Gott, muss man die denn alle kennen? Gefühl, ausgeschlossen zu sein deswegen, als wäre das nicht an mich adressiert.
Ein paar nette Zitate allerdings auf dem Wegrand, z.B.:
Leider selbst keinen Fixpunkt in diesem Romänchen gefunden.
Ein paar nette Zitate allerdings auf dem Wegrand, z.B.:
"Natürlich verstand ich das. In diesem Leben, das uns manchmal vorkommt, wie eine große Brachfläche ohne Wegweiser, inmitten all dieser Fluchtlinien und verlorenen Horizonte, würde man gerne Bezugspunkte finden, eine Art von Kataster anlegen, um nicht länger das Gefühl zu haben, dass man sich ziellos treiben lässt. Also knüpft man Beziehungen, versucht, ungewisse Zufallsbekanntschaften zu festigen."
Leider selbst keinen Fixpunkt in diesem Romänchen gefunden.
Tuesday, October 14, 2014
Richard Powers - Orfeu
Monday, October 13, 2014
Rüdiger Görner - Georg Trakl
Nostalgielektüre, Vorwand, Trakl-Gedichte alle mal wieder zu lesen. Görner leitet kundig durch. Zu den Gedichten lässt sich nicht viel neues sagen. Görner liefert aber viel Atmosphärisches aus Begleitquellen. Interessant, dass er zu den Elis-Gedichten nicht auf Hoffmann hinweist, zumal sich der Hinweis ja auch bei Fühmann findet, den er erwähnt.
Judith Hermann - Aller Liebe Anfang
Wollte ich eigentlich nicht lesen. Aber nachdem es so viele Untergürtellinienschläge seitens der Kritik gab dann doch aus blanker Solidarität zu Judith Hermanns Aller Liebe Anfang gegriffen und in einem Zug durchgelesen. Vielen scheint entgangen, dass es hier um nichts weniger als so etwas wie die große Irritation über die Engführung des Lebens ab Mitte 30 geht. Und das ganze sauberst auserzählt, ohne dass aus in irgendeinem Spalt so etwas wie Konzept oder Küchenpsychologie zieht. Fast schon fontanemäßig realistisch, immer mit einem ganz leichten Schimmer Halblicht auf den Dingen. Das ist gute Literatur!
Thursday, October 02, 2014
Thomas Bernhard - Der Atem
Interessant, wie das immer wieder funktioniert, auch wenn man schon viele Jahre Thomas Bernhard gelesen hat.
Agota Kristof - Das große Heft
Heftige Geschichte über die Verwilderung von Zwillingen während eines namenlosen Krieges. Grenzüberschreitungen dauernd. Gut und Böse keine Kategorie mehr. Gnadenlose Stärke dieses seltsamen Doppelcharakters. Einer der stärksten Schlusssätze, den ich je gelesen habe. Minutenlange Gänsehaut.
Hilary Mantel - Falken
Zum zweiten Mal. Man denkt anders, während man dieses Buch liest. Eine große Geschichte, alles atemlos dicht umgesetzt, ganz ohne Historienzierrat. Die Ausstaffierung funktioniert auf rein geistiger Ebene. Unglaublich. Was wird wohl der der dritte Teil bringen? Cromwells Ende, wie mag das durch diesen Bewusststeinsstrom ziehen?
Saturday, September 27, 2014
Lisa Kränzler - Lichtfang
Kurzer Roman über ein altes Motiv. Zwei Außenseiter, 18-Jährige, lieben sich, quälen sich. Eigentlicher Held ist die Sprache, Kränzler schreibt fast keinen Satz ohne Gestaltungswillen bzw -idee. Manchmal wie Shakespeare.
Monday, September 22, 2014
Karl Ove Knausgård - Sterben

Nach vielen Vorschusslorbeeren wie immer erst mal beiseite gelassen. So ist das mit den guten Büchern, ihre Zeit kommt irgendwann. Es kann durchaus sein, dass es einige Anläufe braucht, aber die wirklich guten werden dann auch gelesen.
Knausgårds Buch ist genau genommen gar kein Roman, sondern ein Stück radikaler Autobiographie. Erzählt das Verhältnis zu dem Vater Knausgårds, welche Distanz, Kälte, Angst etc. mit der Figur des Vaters verbunden waren, und wie sich das bis in zu dessen Sterben gehalten hat. Erst nach dem Tod kommt tatsächlich etwas auf, Nähe kann man es nicht nennen, Verständnis auch nicht, am ehesten vielleicht allgemein Bewusstsein für die Problematik von dessen Existenz.
Die Handlung ist nebensächlich, lässt sich auch gar nicht so leicht zusammenfassen. Im ersten von zwei Teilen erzählt Knausgård von seiner Kindheit, die er in der Nähe dieses Vaters verbringt, sein Aufwachsen mit Mädchen, Musik, Träumen, Fußball, erstem Rausch und so weiter. Trotz des schwierigen Verhältnisses zum Vater, scheint der Erzähler in dieser Jugend glücklich, euphorisiert von den Möglichkeiten des Lebens.
Der Vater ist immer als knorriger Schatten präsent, verliert aber bald etwas von seiner Gefährlichkeit, eine irrationale, fast unheimliche Veränderungen vollzieht sich an ihm. Durch den bürgerlichen und strengen Familienmann bricht eine andere, tiefere Identität durch, er verlässt die Frau, kleidet sich seltsamer, beginnt zu trinken. Einmal kommt Knausgård nach Hause, unangemeldet, und trifft seinen Vater an, wie er ein sentimentales Lied mit voller Lautstärke hört und dabei in Tränen aufgelöst mitsingt ist. Er schleicht sich davon, nichts wäre schlimmer, als von seinem Vater dabei ertappt zu werden, wie er ihn ertappt.
Dann der zweite Teil, Knausgård erfährt vom Tod des Vaters, fährt mit seinem Bruder in das Haus der Großmutter und erlebt, wie sich die Existenz seines Vaters in den letzten Jahren in eine wahre Hölle verwandelt hat. Als schwerer Trinker hatte er sich bei seiner Mutter verbarrikadiert und ein furchtbar einsames Messileben geführt.
Es ist das ein oder andere Mal in Rezensionen davon geschrieben worden, dass das Buch formlos sei. Aber das stimmt nicht. Die Form ergibt sich aus dem Vorher-Nachher dieser beiden Teile. Es ist wie ein Bild mit sehr vielen Details, das erst in einem hellen, klaren, kalten Licht gezeigt wird, dann aber aus in einem dunklen, bedrohlichen, dabei ebenfalls sehr kalten.
Auch wurde Knausgård angekreidet, sich zu sehr in Details zu verlieren. Tatsächlich schildert er scheinbar banale Vorgänge und Hantierungen übergenau. Der Tee wird nicht nur gekocht, sondern das Wasser zum Sieden gebracht, bis es sprudelt, dann Teebeutel eingelegt, bis sich das Wasser verfärbt etc. Und das fast bei allen Vorgängen: Autofahren, Zigaretten drehen, auf den Bus warten, zum Kiosk gehen, dort bezahlen, das Wechselgeld nicht in die Hand gezählt zu bekommen etc. Natürlich ist das nicht ökonomisch, aber das ist sein Stil, es geht bei ihm tatsächlich darum, sich Wirklichkeit zu erschreiben, durchzubrechen zum Authentischen, das in unserem Alltag ständig von einem Firnis auf Gedanken, Vorannahmen, Geistigem überlagert wird. Das ist fast eine Art Programm.
Am krassesten ist dieser Überlagerung vielleicht beim Thema Tod und Sterben. Allerdings erweist sich der Tod immer als mächtiger, als die Hülle, in der wir unsere Welt decken, die wir vermutlich brauchen, um überleben zu können. Erst mit dem Sterben reißt die Leinwand.
Sunday, September 14, 2014
Tomas Espedal - Gehen
Schönstes Buch über das Gehen und die Freiheit überhaupt bislang. Wie das Gehen und das Schreiben zusammenhängen, wie sich das eine aus dem anderen ergibt.Nach der Lektüre - oder schon während der Lektüre - will man seine Schuhe schnüren und losgehen und gar nicht mehr auftauchen im Büro, im Eigenheim, im Sportverein, in allem, was einem davon abhält, ein wildes und poetisches Leben zu führen, wie Espedal und alle seinen literarischen Vor-Geher Hölderlin, Rousseau, Nietzsche, Whitman, Bernhard, Rimbaud, Satie und wie sie alles heißen. Natürlich verherrlicht Espedal seinen Gegenstand - das Gehen, das Wandern -, verschweigt aber nicht die Schattenseiten: die plötzliche Einsamkeit, die Verzweiflung, die Gefahren, die kaputten Füße, die Haltlosigkeit des Daseins als Landstreicher. Und es gibt stellen darin, bei denen man lauthals auflachen muss, etwa, wenn die Wanderer irgendwo in Griechenland von einem Pferd verfolgt werden und dieses nicht mehr losbekommen oder als sie sich in der Türkei im Freien campierend die Angst wegtrinken müssen und schließlich erkennen, dass sie sich dabei in genau die Art Gesindel verwandelt haben, vor dem sie sich selbst gerade so fürchten.
Wirklich ein großartiges Buch, vor allem für alle Geher und Wanderer unter den Buchfreunden. Und wenn das einen noch nicht davon überzeugt, dann lohnt vielleicht ein Blick auf diesen Schriftsteller, in sein Gesicht, das sich selbst in eine Landschaft zu verwandeln scheint, und in seine Lebensumstände.
Dan Simmons - Sommer der Nacht
Roman über eine Gruppe von Kindern im ländlichen Ohio der 60er Jahre, die alleine gegen das Böse kämpfen. Teilweise betörend, nur dass einen die Gruselmotive immer wieder aus der schönen Illusion aufstören. Wie ES von Stephen King.Thomas Hettche - Die Pfaueninsel
Buchpreiskandidat. Historischer Botanikroman. Eine Zwergin auf einer Kuriositäteninsel zur Zeit der letzten Preußenkönige. Geschliffen und viel Fleißarbeit.
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historischer Roman
Thursday, August 28, 2014
Max Frisch - Aus dem Berliner Journal
Etwas karge Aufzeichnungen, aber der typische Max-Frisch-Sound, dem man vor zwanzig Jahren so verfallen war, ist sofort wieder da. Fast scheint er der einzige "gegenwärtige" Klassiker, den man immer mal wieder liest, so wie Kafka oder Thomas Mann. Bei Grass oder Böll kann man sich das weniger vorstellen. Dennoch sind das Nachrichten und Einblicke von eigentümlicher Vergangenheit, man liest sie als literarhistorische Zeugnisse aus einer fernen Epoche, ferner fast als die Kafkas und schon vergilbt. Frisch beschreibt da viel DDR, also ein Land, dass es seit einem viertel Jahrhundert nicht mehr gibt. Die porträtierten Autorenhelden sind fast alle bereits von der Vergessenheit angekränkelt - Andersch, Wolf, Grass, Johnson, Biermann, Kunert. Am eindringlichsten noch die Beschreibung der Schreibkrise, in der er sich zu befinden scheint und wogegen die Aufzeichnungen anschreiben. Irgendwo bringt er das ins Bild eines Hafenwächters, dessen eigentlichen Aufgaben obsolet geworden sind und der sich jetzt die Zeit vertreibt, indem das Ein- und Ausfahren der Schiffe notiert. Nett übrigens die Idee der Hörbuch-Macher, die Abschnitte durch das Klicken einer Schreibmaschinentype zu synkopieren.Saturday, August 23, 2014
Werner Kappacher - Selina oder das andere Leben
Lehrer aus Salzburg, in der Mitte seines Lebens, erhält die Gelegenheit, ein Sabbatjahr in einem toskanischen Landhaus zu verbringen. Einzige Bedingung ist, dass er es herrichtet. Die Erzählung beginnt dann als eine Art Robinsonade, erzählt wird, wie er sich einrichtet, das Überlebenswichtige heranschafft, das Haus zugänglich und bewohnbar macht, die Fledermäuse, Ameisen und Schlangen fernhält etc. Mit den Einwohnern steht er in freundschaftlichen Kontakt, ein Mal schläft er sogar mit einer von ihnen. Außerdem gibt es da noch die philosophische Freundschaft mit dem Hausbesitzer, einem alten Deutschen und Gelehrten, der aber schon sterbenskrank ist. Der Stil ist klassisch-schlicht, ohne modisch-lakonisch zu werden, manchmal streift er das Elegische. Seltsam nur, dass der Erzähler nicht dazu gelangt, das eigentliche Versprechen des Romans einzulösen, nämlich die Liebe zu Selina, der Nichte und Erbin des Hausbesitzers. Als sie das Geschehen betritt, klingt der Roman ganz schnell aus, ohne dass sich das titelgebende Thema in irgendeiner Form entfaltet hat. Vermutlich ist es Absicht, denn tatsächlich vermisst man sie nicht bzw. spürt ihre Anwesenheit von Anfang an und diese uneingelöste Verheißung, von der man gar nicht richtig erzählen kann, gibt allem noch eine schöne Hintergrundmelodie. Hat sich insgesamt sehr gelohnt.Wednesday, August 20, 2014
W. G. Sebald - Die Ringe des Saturn
Reisebeschreibung einer Wanderung durch Suffolk mit assoziativen Abschweifungen zu allen möglichen Themen wie die Seidenspinnerei, Bäume, Chateaubriand, chinesische Dynastien, die Naturgeschichte des Herings, Conrad, Sklavenwirtschaft, die Macht versunkener Städte, Zucker, geheime Vernichtungswaffen und vieles mehr. Verblüffend: Schon mit dem ersten Satz stellt sich der unverwechselbare Sebald-Ton ein und trägt einen in sanften, schön geschwungenen Wellen durch diese dunkelschöne Landschaften.Colson Whitehead - Apex
Werbetexter - eigentlich Berater für Namensgebungen - soll Kleinstadt bei Umbenennung beraten. Zur Auswahl stehen drei Namen, die je unterschiedliche Epochen der Stadt widerspiegeln. Die Interessensvertreter buhlen um seine Fürsprache. Parallel dazu wird in Rückblicken die Geschichte des Beraters erzählt, sein Aufstieg und seine Krise. Das Thema Bedeutung der Namen wird witzig, melancholisch und sehr geistreich bis in die Verästelungen dieser schlanken Erzählung durchgeführt.
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Kurzroman
Reinhard Kaiser-Mühlecker - Der lange Gang über die Stationen
Österreich, 50er Jahre, junger Landwirt heiratet Frau aus der Stadt und macht sich daran, sein Land zu bestellen, versäumt dabei den Anschluss an den technischen Fortschritt, verschuldet sich, verliert auch die Liebe zu seiner Frau. Typische Land- und Österreich-Ingredienzen: Der eine Nachbar erschießt sich, der andere erhängt sich, im Nebenzimmer stirbt quälend langsam der Vater, der Pfarrer verweigert den Segen für die Selbstmörder etc. Beschreibungen angelehnt an Stifter, und obwohl das alles nach Bernhard klingt, vom Ton her ganz anders, viel empfindsamer. Interessant, aber auch irgendwie kalt, ausgestellt.Friday, August 08, 2014
Wolfgang Herrndorf - Arbeit und Struktur
Einzigartig, ein Dokument. Wollte erst die Lesung nicht hören, um die empfundene Autorenstimme nicht zu verlieren. Aber nach einer Weile Diehl identisch damit.John Burnside - In hellen Sommernächten
Burnside ist einer der Autoren, von dem ich jedes Buch lese. Alles geschieht unglaublich langsam, alles scheint Landschaft, ohne dass er die eigentlich beschreibt. Geheimnisvolles wandert beim Lesen ständig mit, aber nur so im Augenwinkel, nie tritt es richtig hervor. Alles ist voller Geschichten, aber auch die legt er nur irgendwo in diesem wahrhaft romantischen Ort seines Erzählens aus, ohne sie durchzuexerzieren. Ich kenne keinen großartigeren Rauner unter den Romanciers von heute.Sunday, August 03, 2014
Helmut Krausser - Eros
Helmut Kraussers Eros habe ich vor einigen Jahren schon mal angefangen. Bin damals dann aber nur so ungefähr bis Seite zehn gekommen. Dachte mir vor Kurzem: Komm, Krausser hast du doch früher ganz gerne gelesen, einer der vielleicht etwas zu sagen hat und so weiter. Also habe ich das Buch wieder aus dem Regal gesucht und angefangen und es war grauenhaft. Warum sollte man ein Buch lesen über lauter unsympathische, großmäulige, eitle, hysterische, geschwätzige, eitle, größenwahnsinnige, einfältige, eitle, komplexbehaftete Typen, lauter Pappkameraden und -kameradinnen, mit denen man nie, nie, nie ein Bier trinken gehen würde? Auch die Sprache ist schlimm (der Musiker Rolf ist gerade "etwas depressiv", Demonstranten werden "verhandschellt"), die Erfindung platt, die Handlung konstruiert, die Ausstaffierung falsch (der Jazz Club im 50er-Jahre-Teil der Handlung soll "Der verkaterte Stiefel" heißen - glaub ich einfach nicht). Mein Widerwille gegen das Buch war am Ende so stark, dass ich es im Zug liegen gelassen habe. Wollte es gar nicht mehr im Haus haben. Friedrich Ani - Gottes Tochter
Ani ist einer, der Mut zum Pathos hat, und das gefällt mir an sich schon mal. Die Bücher wollen einfach nie irgendwie cool daher kommen. Von Ani gibt es nichts Glattes, Durchgestyltes, Kaltes. Bei ihm brennt es immer irgendwie. Das liegt an den Typen, die er da beschreibt. Geht schwer in die Richtung Hans Fallada. Man merkt einfach auf jeder Seite, dass es dem Mann weniger darum zu tun ist, nur so schöne Literatur zu machen, sondern diesen Typen irgendwie Gehör zu verschaffen. Als wäre es wichtig, dass die Welt/der Leser wissen, dass es die gibt. Die Mittel, die er dafür verwendet, passen dazu. Klar, dass sich da zwei treffen und zufällig das gleiche Hölderlin-Gedicht auswendig kennen - so was von geschenkt. Vertrieben werden die Bücher als Krimis. Mögen sie ja auch irgendwie sein, aber auch das: so was von geschenkt. Wednesday, July 16, 2014
Stefan Zweig - Drei Meister. Balzac Dickens Dostojewski
Die Schriftsteller-Essays waren für mich sicher einmal ein Türöffner in die Literatur. Hier der über Balzac, Dickens und Dostojewski. Heute tu ich mir etwas schwer mit dem Pathos. Die ganze Zeit dieser hohe Ton, der einem ganz schön was reindrücken will. Aber brilliante Bilder und Beschreibungen unter dem ganzen Überzuckerwerk.Volker Weidermann - 1936. Sommer der Freundschaft
Sehr schönes Exemplar herrlich wegschmöckerbarer Literar-Sachbücher. 1900-1945 ist in Sachen literarisches Leben eine unglaublich bewegte, reiche Zeit.Hans Fallada - Jeder stirbt für sich allein
Sehr starker Roman im Kleinbürgermilieu zur Nazi-Zeit spielend. Das Ehepaar Quangel leistet mit bescheidenen Mitteln Widerstand gegen das Regime, hat erst Glück, wird dann verhaftet, gefoltert, hingerichtet. Großartige Sterbeszene von atemberaubender Lakonie.Thursday, July 10, 2014
Joseph Roth - Beichte eines Mörders
Joseph Roth, animiert dazu durch Volker Weidermanns großartiges Buch Ostende. Flott erzählte Geschichte eines unehelichen Fürstensohns, der anerkannt werden will, aber nicht wird. Er wird Geheimpolizist, bringt Leute ins Unglück, kämpft immer wieder gegen einen seinen privilegierten Doppelgänger an, das alles im Hotel-, Halbwelt-, Emigrantenmilieu. Viele Roth-Motive: Schnaps, Entwurzelung, Alte Welt. Aber auch unausgegoren, ein eigentlicher Schwerpunkt fehlend. Irgendwie haben wir das alles einer seltsamen Nebenfigur zu verdanken, der nach dem Erzverführer Satanas modelliert ist. Aber da eigentlich nicht wirklich etwas passiert, kann der auch nicht so schlimm sein. Eigentlich tauchen nur am Rande mal wirkliche Menschen auf, ein Gruppe politisch Verfolgter, die fast nachlässig vernichtet wird. Das könnte der eigentliche Sinn des ganzen sein, nämlich darzustellen, dass zu dieser Zeit hinter der Szenerie des Schmierentheaters wirkliche Menschen wirklich vernichtet wurden, andauernd und ganz nebenbei.Wednesday, July 02, 2014
Colum McCann - Der Himmel unter der Stadt
Roman über die Tunnelwelt unter New York, über Menschen, die sie gebaut haben und andere, die heute in ihnen leben. Starkes Thema, sehr stark dieser Walker, der allen Widerständen zum Trotz eine Weiße heiratet. Roman darüber, dass auch im Einfachen der Keim für interessante, ja leidenschaftliche Lebensläufe steckt.Sunday, June 22, 2014
Marcel Proust - In Swans Welt
Proust also endlich. "Las" den gesamten ersten Band als Lesung von Peter Matic beim Sport. Großartige sprachliche Erkundungen. Die Odette-Affäre hingegen relativ konventionell. Hinreißende Passagen über Musik und Kunst. Freue mich auf den nächsten Band.Monday, June 16, 2014
Angelika Klüssendorf - April
Fortsetzung von Das Mädchen. In einem Zug, starker Ton, starke Figur, starker Stoff. Und überhaupt muss man einen Roman mögen, in welchem sich die Protagonistin, die sich vollständig selbst erfinden muss, eine misshandelte Halbwaise in den 70ern und 80ern der DDR, April nennt, nach dem Song der frühen Deep Purple. Bin gespannt, ob das jetzt weitergeht, Gesellenjahre einer Schriftstellerin oder so. Würde es auf jeden Fall lesen.Austin Wright - Tony & Susan
Spannender Roman über eine Frau, die nach vielen, vielen Jahren Post von ihrem Exmann bekommt: das Manuskript eines spannenden Psychothrillers, in dem sie viel aus ihrem eigenen Leben wiedererkennt. Schöne Passagen über das Weltbild und Erleben des existentiellen Lesers. Exemplar des Krimi plus-Genres. Krimi plus Literaturessay.Sunday, June 08, 2014
Katja Petrowskaja - Vielleicht Esther
Versuch durch literarische Erinnerungsarbeit die Familie aus dem Vergessen zu zu holen. Schürfen und Graben, wie Archeologie, mit zum Teil ergreifenden Ergebnissen. Höhepunkt das Kapitel über Babij Jar, eine Schlucht bei Kiew, in der Tausende von Juden getötet wurden. Historische Reportagen, sprachlich-kreativ durchdrungene Details, sich immer wieder zu überraschender Prosalyrik entwickelnd. Saturday, June 07, 2014
C.S. Forester - Horatio Hornblower. Fähnrich Hornblower
Wiederbegegnung mit einem alten Stadtbüchereibekannten. Der junge Hornblower macht sich auf, seine ersten Abenteuer zu bestehen. Mehr ein Reihe unanhängiger, pointierter Seestücke, denn ein Roman. Allerdings sehr viel Seemannslatein. Irgendwo war zu lesen, die Hornblower-Serie sei ein exzellenter Manager-Ratgeber. Vielleicht. Las sich recht flott. Saturday, May 31, 2014
K. M. Weiland - Outlining Your Novel
Netter Ratgeber über die Vorteile eines Outlines. Seltsamerweise scheint es dafür kein deutsches Wort zu geben. Entwurf ist zu viel. Konzept zu ideell. Skizze was eigenes. Abriss? Schema (Goethe)? Lernte aus dem Büchlein ein paar Kleinigkeiten, wie etwa, dass man psychologische Charaktertypologien ganz gut als Checklisten für Romanfiguren nutzen kann oder dass es Listen gibt, nach denen man Settings modellieren kann.Thursday, May 29, 2014
Bernard Cornwell - Die Herren des Nordens
Solider Cornwell, der die unterhaltsamsten historischen Romane schreibt. Im dritten Teil kämpft Uthred um sein Stammland im Norden, wird versklavt, nimmt es mit wilden Hunden und fanatischen Priestern auf. Am Ende macht sich Cornwell dann husch husch aus dem Roman, um die Sache im nächsten weiterzutreiben. Und weiterzutreiben.Saturday, May 24, 2014
Donald Ray Pollock - Das Handwerk des Teufels
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Klüpfel Kobr - Herzblut
Mein zweiter Klufti. Angenehm überrascht. Nicht ohne Facetten. Allerdings auch Kochrezepte und so Schmarrn...Paul Auster - Winter Journal
Memoiren in Du- Perspektive. O du mein Körper, der du Schnupfen hattest und Wunden und immer gebrechlicher wirst. Manchmal ein wenig eitel, oder?Elisabeth Strout - Mit Blick aufs Meer
Schönes Buch, eigentlich eine Reihe von Kurzgeschichten. Häufig tritt eine allseits unbeliebte Mathematiklehrerin auf, die aber manches in den traurigen Leben der anderen in dieser Kleinstadt richtet. Und: Maine wieder. Literarische Jugendlandschaft aller Stephen King literarisierten. Hier natürlich viel mehr Alice Munroe.Sunday, May 11, 2014
Mason Currey - Musenküsse. Die täglichen Rituale berühmter Künstler
Sehr schönes Buch über den Alltag von Kreativen, ihre Routinen, guten und schlechten Gewohnheiten, ihre Arbeitswut, Besessenheit etc. Was ist es nur, das uns so neugierig darauf macht, um wieviel Uhr Hemingway seinen Bleistift in die Hand genommen hat, wie viele Meilen Dickens nach getaner Arbeit marschiert ist oder wie viele Zeilen Thomas Mann als zulässiges Tagespensum akzeptabel fand? Man hofft insgeheim immer, hier eine Erfolgsformel ableiten zu können. Irgendwas gibt es zwischen Wecker, Morgenkaffee und Abendzigarre, das man vielleicht irgendwie entziffern müsste, dann wüsste man auf einmal, wie es geht und Ruhm und Ehre winken. Tolles Buch dafür.Roberto Bolano - Das Dritte Reich
Der dritte oder vierte Bolano: Junges Paar im Urlaub in Spanien. Er ist ein Champ in Wargames, also Kriegsspielen auf dem Spielbrett, eine wie mir scheint recht nerdige Sache. Sie lernen ein anderes Paar und einige zwielichtige Einheimische kennen. Mit einem, dem "Verbrannten", beginnt er eine Partie "Drittes Reich" zu spielen. In dem Maße, wie er dabei ins Hintertreffen gerät, verdichtet sich die Atmosphäre von Bösartigkeit und Gewaltbereitschaft. Typische Bolano-Themen wieder. Faszination am Bösen, die bei ihm irgendwie mit dem Deutschen verknüpft ist; Bessenheit, Atmosphäre von Tod und Gewalt, eigentümliche Stilarmut.Monday, April 28, 2014
Justin Cronin - Die Zwölf
Zweiter Teil dieses dicht geknüpften Endzeitteppichs. Anfangs Schwierigkeiten, hinein zu finden. Viele Personen, mindestens drei verschiedene Zeitebenen, außerdem viel Basiswissen aus Der Übergang nötig. Dann, im dritten Teil, ist man plötzlich drinnen. Und wie immer bei derartigen epischen Projekten am Ende die bekannte Es-Desillusionierung: Monster, wenn sie denn endlich ihren Auftritt haben, sind infantil. Auch als Fiktion sind sie nur kümmerliche Marionetten im Vergleich zu den Wesen, die sie in ihrer Abwesenheit im Leser entstehen lassen.Tuesday, April 22, 2014
Geraldine Brooks - Das Pesttuch
Louise Erdrich - Das Haus des Windes
Daniel Kehlmann - K
Drei Brüder wie im Märchen, aber keiner macht sein Glück. Der erste ist ein Pfarrer, der vom Glauben abfällt, der zweite ein Börsenmakler, der sich verspekuliert, der dritte ein Kunstfälscher, der ermordet wird. Alles von dieser humorigen Klarheit, die hierzulande nur Kehlmann beherrscht. Petra Morsbach - Gottesdiener
Lebensbeschreibung eines Priesters in der Provinz. Realistisch, wie eine Reportage, aber mehr. Glaubensfragen und -zweifel von einem an der vermeintlichen Quelle, Sehnsüchte, Leiden, Fehler etc. Alles fast durchgehend interessant. Ein viel genauerer und reicherer Blick auf den Berufsstand des Pfarrers, als der allgemeine. Saturday, April 05, 2014
Petra Morsbach - Warum Fräulein Laura freundlich war
Seltsam, so eine bekannte Epikern ausgerechnet durch einen Essay kennenzulernen. Hörte das BR-Feature und war sofort angetan, vor allem die poetologischen Überlegungen fand ich spannend. Und hier ist das einmal sorgfältig im Detail ausgearbeitet: Ein sorgfältiger, kritischer Blick einer hohen Handwerkerin auf das Handwerk anderer. Teilweise atemberaubend interessant.Alina Bronsky - Die schärfsten Rezepte der tartarischen Küche
Eine sexy Großmuttertyrannin quält ihre Familie. Witzig, tragisch, schön. Warum muss ich bei Alina Bronsky immer an John Irving denken? Schätze, das liegt an den Figuren, sie sind ähnlich liebenswert.Tuesday, March 25, 2014
Sasa Stanisic - Vor dem Fest
Tolles Buch über ein Dorf in der Provinz. Klar, es ist Uckermark, könnte in vielen aber auch Allgäu sein. Ein Reigen von Personen und Geschichten a la Winesburg, Ohio, nur menschlicher, mit Humor und großer Lebensneugier. Seit langem mal wieder ein Buch, das ich noch mal lesen will, weil ich den Eindruck habe, noch vieles nicht entdeckt zu haben. Und Nirvana kommt auch wieder vor.
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