Österreich, 50er Jahre, junger Landwirt heiratet Frau aus der Stadt und macht sich daran, sein Land zu bestellen, versäumt dabei den Anschluss an den technischen Fortschritt, verschuldet sich, verliert auch die Liebe zu seiner Frau. Typische Land- und Österreich-Ingredienzen: Der eine Nachbar erschießt sich, der andere erhängt sich, im Nebenzimmer stirbt quälend langsam der Vater, der Pfarrer verweigert den Segen für die Selbstmörder etc. Beschreibungen angelehnt an Stifter, und obwohl das alles nach Bernhard klingt, vom Ton her ganz anders, viel empfindsamer. Interessant, aber auch irgendwie kalt, ausgestellt.Ein Blog über das Stöbern im Grenzland zwischen U und E. Ausflüge ins Landesinnere inklusive.
Wednesday, August 20, 2014
Reinhard Kaiser-Mühlecker - Der lange Gang über die Stationen
Österreich, 50er Jahre, junger Landwirt heiratet Frau aus der Stadt und macht sich daran, sein Land zu bestellen, versäumt dabei den Anschluss an den technischen Fortschritt, verschuldet sich, verliert auch die Liebe zu seiner Frau. Typische Land- und Österreich-Ingredienzen: Der eine Nachbar erschießt sich, der andere erhängt sich, im Nebenzimmer stirbt quälend langsam der Vater, der Pfarrer verweigert den Segen für die Selbstmörder etc. Beschreibungen angelehnt an Stifter, und obwohl das alles nach Bernhard klingt, vom Ton her ganz anders, viel empfindsamer. Interessant, aber auch irgendwie kalt, ausgestellt.Friday, August 08, 2014
Wolfgang Herrndorf - Arbeit und Struktur
Einzigartig, ein Dokument. Wollte erst die Lesung nicht hören, um die empfundene Autorenstimme nicht zu verlieren. Aber nach einer Weile Diehl identisch damit.John Burnside - In hellen Sommernächten
Burnside ist einer der Autoren, von dem ich jedes Buch lese. Alles geschieht unglaublich langsam, alles scheint Landschaft, ohne dass er die eigentlich beschreibt. Geheimnisvolles wandert beim Lesen ständig mit, aber nur so im Augenwinkel, nie tritt es richtig hervor. Alles ist voller Geschichten, aber auch die legt er nur irgendwo in diesem wahrhaft romantischen Ort seines Erzählens aus, ohne sie durchzuexerzieren. Ich kenne keinen großartigeren Rauner unter den Romanciers von heute.Sunday, August 03, 2014
Helmut Krausser - Eros
Helmut Kraussers Eros habe ich vor einigen Jahren schon mal angefangen. Bin damals dann aber nur so ungefähr bis Seite zehn gekommen. Dachte mir vor Kurzem: Komm, Krausser hast du doch früher ganz gerne gelesen, einer der vielleicht etwas zu sagen hat und so weiter. Also habe ich das Buch wieder aus dem Regal gesucht und angefangen und es war grauenhaft. Warum sollte man ein Buch lesen über lauter unsympathische, großmäulige, eitle, hysterische, geschwätzige, eitle, größenwahnsinnige, einfältige, eitle, komplexbehaftete Typen, lauter Pappkameraden und -kameradinnen, mit denen man nie, nie, nie ein Bier trinken gehen würde? Auch die Sprache ist schlimm (der Musiker Rolf ist gerade "etwas depressiv", Demonstranten werden "verhandschellt"), die Erfindung platt, die Handlung konstruiert, die Ausstaffierung falsch (der Jazz Club im 50er-Jahre-Teil der Handlung soll "Der verkaterte Stiefel" heißen - glaub ich einfach nicht). Mein Widerwille gegen das Buch war am Ende so stark, dass ich es im Zug liegen gelassen habe. Wollte es gar nicht mehr im Haus haben. Friedrich Ani - Gottes Tochter
Ani ist einer, der Mut zum Pathos hat, und das gefällt mir an sich schon mal. Die Bücher wollen einfach nie irgendwie cool daher kommen. Von Ani gibt es nichts Glattes, Durchgestyltes, Kaltes. Bei ihm brennt es immer irgendwie. Das liegt an den Typen, die er da beschreibt. Geht schwer in die Richtung Hans Fallada. Man merkt einfach auf jeder Seite, dass es dem Mann weniger darum zu tun ist, nur so schöne Literatur zu machen, sondern diesen Typen irgendwie Gehör zu verschaffen. Als wäre es wichtig, dass die Welt/der Leser wissen, dass es die gibt. Die Mittel, die er dafür verwendet, passen dazu. Klar, dass sich da zwei treffen und zufällig das gleiche Hölderlin-Gedicht auswendig kennen - so was von geschenkt. Vertrieben werden die Bücher als Krimis. Mögen sie ja auch irgendwie sein, aber auch das: so was von geschenkt. Wednesday, July 16, 2014
Stefan Zweig - Drei Meister. Balzac Dickens Dostojewski
Die Schriftsteller-Essays waren für mich sicher einmal ein Türöffner in die Literatur. Hier der über Balzac, Dickens und Dostojewski. Heute tu ich mir etwas schwer mit dem Pathos. Die ganze Zeit dieser hohe Ton, der einem ganz schön was reindrücken will. Aber brilliante Bilder und Beschreibungen unter dem ganzen Überzuckerwerk.Volker Weidermann - 1936. Sommer der Freundschaft
Sehr schönes Exemplar herrlich wegschmöckerbarer Literar-Sachbücher. 1900-1945 ist in Sachen literarisches Leben eine unglaublich bewegte, reiche Zeit.Hans Fallada - Jeder stirbt für sich allein
Sehr starker Roman im Kleinbürgermilieu zur Nazi-Zeit spielend. Das Ehepaar Quangel leistet mit bescheidenen Mitteln Widerstand gegen das Regime, hat erst Glück, wird dann verhaftet, gefoltert, hingerichtet. Großartige Sterbeszene von atemberaubender Lakonie.Thursday, July 10, 2014
Joseph Roth - Beichte eines Mörders
Joseph Roth, animiert dazu durch Volker Weidermanns großartiges Buch Ostende. Flott erzählte Geschichte eines unehelichen Fürstensohns, der anerkannt werden will, aber nicht wird. Er wird Geheimpolizist, bringt Leute ins Unglück, kämpft immer wieder gegen einen seinen privilegierten Doppelgänger an, das alles im Hotel-, Halbwelt-, Emigrantenmilieu. Viele Roth-Motive: Schnaps, Entwurzelung, Alte Welt. Aber auch unausgegoren, ein eigentlicher Schwerpunkt fehlend. Irgendwie haben wir das alles einer seltsamen Nebenfigur zu verdanken, der nach dem Erzverführer Satanas modelliert ist. Aber da eigentlich nicht wirklich etwas passiert, kann der auch nicht so schlimm sein. Eigentlich tauchen nur am Rande mal wirkliche Menschen auf, ein Gruppe politisch Verfolgter, die fast nachlässig vernichtet wird. Das könnte der eigentliche Sinn des ganzen sein, nämlich darzustellen, dass zu dieser Zeit hinter der Szenerie des Schmierentheaters wirkliche Menschen wirklich vernichtet wurden, andauernd und ganz nebenbei.Wednesday, July 02, 2014
Colum McCann - Der Himmel unter der Stadt
Roman über die Tunnelwelt unter New York, über Menschen, die sie gebaut haben und andere, die heute in ihnen leben. Starkes Thema, sehr stark dieser Walker, der allen Widerständen zum Trotz eine Weiße heiratet. Roman darüber, dass auch im Einfachen der Keim für interessante, ja leidenschaftliche Lebensläufe steckt.Sunday, June 22, 2014
Marcel Proust - In Swans Welt
Proust also endlich. "Las" den gesamten ersten Band als Lesung von Peter Matic beim Sport. Großartige sprachliche Erkundungen. Die Odette-Affäre hingegen relativ konventionell. Hinreißende Passagen über Musik und Kunst. Freue mich auf den nächsten Band.Monday, June 16, 2014
Angelika Klüssendorf - April
Fortsetzung von Das Mädchen. In einem Zug, starker Ton, starke Figur, starker Stoff. Und überhaupt muss man einen Roman mögen, in welchem sich die Protagonistin, die sich vollständig selbst erfinden muss, eine misshandelte Halbwaise in den 70ern und 80ern der DDR, April nennt, nach dem Song der frühen Deep Purple. Bin gespannt, ob das jetzt weitergeht, Gesellenjahre einer Schriftstellerin oder so. Würde es auf jeden Fall lesen.Austin Wright - Tony & Susan
Spannender Roman über eine Frau, die nach vielen, vielen Jahren Post von ihrem Exmann bekommt: das Manuskript eines spannenden Psychothrillers, in dem sie viel aus ihrem eigenen Leben wiedererkennt. Schöne Passagen über das Weltbild und Erleben des existentiellen Lesers. Exemplar des Krimi plus-Genres. Krimi plus Literaturessay.Sunday, June 08, 2014
Katja Petrowskaja - Vielleicht Esther
Versuch durch literarische Erinnerungsarbeit die Familie aus dem Vergessen zu zu holen. Schürfen und Graben, wie Archeologie, mit zum Teil ergreifenden Ergebnissen. Höhepunkt das Kapitel über Babij Jar, eine Schlucht bei Kiew, in der Tausende von Juden getötet wurden. Historische Reportagen, sprachlich-kreativ durchdrungene Details, sich immer wieder zu überraschender Prosalyrik entwickelnd. Saturday, June 07, 2014
C.S. Forester - Horatio Hornblower. Fähnrich Hornblower
Wiederbegegnung mit einem alten Stadtbüchereibekannten. Der junge Hornblower macht sich auf, seine ersten Abenteuer zu bestehen. Mehr ein Reihe unanhängiger, pointierter Seestücke, denn ein Roman. Allerdings sehr viel Seemannslatein. Irgendwo war zu lesen, die Hornblower-Serie sei ein exzellenter Manager-Ratgeber. Vielleicht. Las sich recht flott. Saturday, May 31, 2014
K. M. Weiland - Outlining Your Novel
Netter Ratgeber über die Vorteile eines Outlines. Seltsamerweise scheint es dafür kein deutsches Wort zu geben. Entwurf ist zu viel. Konzept zu ideell. Skizze was eigenes. Abriss? Schema (Goethe)? Lernte aus dem Büchlein ein paar Kleinigkeiten, wie etwa, dass man psychologische Charaktertypologien ganz gut als Checklisten für Romanfiguren nutzen kann oder dass es Listen gibt, nach denen man Settings modellieren kann.Thursday, May 29, 2014
Bernard Cornwell - Die Herren des Nordens
Solider Cornwell, der die unterhaltsamsten historischen Romane schreibt. Im dritten Teil kämpft Uthred um sein Stammland im Norden, wird versklavt, nimmt es mit wilden Hunden und fanatischen Priestern auf. Am Ende macht sich Cornwell dann husch husch aus dem Roman, um die Sache im nächsten weiterzutreiben. Und weiterzutreiben.Saturday, May 24, 2014
Donald Ray Pollock - Das Handwerk des Teufels
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Klüpfel Kobr - Herzblut
Mein zweiter Klufti. Angenehm überrascht. Nicht ohne Facetten. Allerdings auch Kochrezepte und so Schmarrn...Paul Auster - Winter Journal
Memoiren in Du- Perspektive. O du mein Körper, der du Schnupfen hattest und Wunden und immer gebrechlicher wirst. Manchmal ein wenig eitel, oder?Elisabeth Strout - Mit Blick aufs Meer
Schönes Buch, eigentlich eine Reihe von Kurzgeschichten. Häufig tritt eine allseits unbeliebte Mathematiklehrerin auf, die aber manches in den traurigen Leben der anderen in dieser Kleinstadt richtet. Und: Maine wieder. Literarische Jugendlandschaft aller Stephen King literarisierten. Hier natürlich viel mehr Alice Munroe.Sunday, May 11, 2014
Mason Currey - Musenküsse. Die täglichen Rituale berühmter Künstler
Sehr schönes Buch über den Alltag von Kreativen, ihre Routinen, guten und schlechten Gewohnheiten, ihre Arbeitswut, Besessenheit etc. Was ist es nur, das uns so neugierig darauf macht, um wieviel Uhr Hemingway seinen Bleistift in die Hand genommen hat, wie viele Meilen Dickens nach getaner Arbeit marschiert ist oder wie viele Zeilen Thomas Mann als zulässiges Tagespensum akzeptabel fand? Man hofft insgeheim immer, hier eine Erfolgsformel ableiten zu können. Irgendwas gibt es zwischen Wecker, Morgenkaffee und Abendzigarre, das man vielleicht irgendwie entziffern müsste, dann wüsste man auf einmal, wie es geht und Ruhm und Ehre winken. Tolles Buch dafür.Roberto Bolano - Das Dritte Reich
Der dritte oder vierte Bolano: Junges Paar im Urlaub in Spanien. Er ist ein Champ in Wargames, also Kriegsspielen auf dem Spielbrett, eine wie mir scheint recht nerdige Sache. Sie lernen ein anderes Paar und einige zwielichtige Einheimische kennen. Mit einem, dem "Verbrannten", beginnt er eine Partie "Drittes Reich" zu spielen. In dem Maße, wie er dabei ins Hintertreffen gerät, verdichtet sich die Atmosphäre von Bösartigkeit und Gewaltbereitschaft. Typische Bolano-Themen wieder. Faszination am Bösen, die bei ihm irgendwie mit dem Deutschen verknüpft ist; Bessenheit, Atmosphäre von Tod und Gewalt, eigentümliche Stilarmut.Monday, April 28, 2014
Justin Cronin - Die Zwölf
Zweiter Teil dieses dicht geknüpften Endzeitteppichs. Anfangs Schwierigkeiten, hinein zu finden. Viele Personen, mindestens drei verschiedene Zeitebenen, außerdem viel Basiswissen aus Der Übergang nötig. Dann, im dritten Teil, ist man plötzlich drinnen. Und wie immer bei derartigen epischen Projekten am Ende die bekannte Es-Desillusionierung: Monster, wenn sie denn endlich ihren Auftritt haben, sind infantil. Auch als Fiktion sind sie nur kümmerliche Marionetten im Vergleich zu den Wesen, die sie in ihrer Abwesenheit im Leser entstehen lassen.Tuesday, April 22, 2014
Geraldine Brooks - Das Pesttuch
Louise Erdrich - Das Haus des Windes
Daniel Kehlmann - K
Drei Brüder wie im Märchen, aber keiner macht sein Glück. Der erste ist ein Pfarrer, der vom Glauben abfällt, der zweite ein Börsenmakler, der sich verspekuliert, der dritte ein Kunstfälscher, der ermordet wird. Alles von dieser humorigen Klarheit, die hierzulande nur Kehlmann beherrscht. Petra Morsbach - Gottesdiener
Lebensbeschreibung eines Priesters in der Provinz. Realistisch, wie eine Reportage, aber mehr. Glaubensfragen und -zweifel von einem an der vermeintlichen Quelle, Sehnsüchte, Leiden, Fehler etc. Alles fast durchgehend interessant. Ein viel genauerer und reicherer Blick auf den Berufsstand des Pfarrers, als der allgemeine. Saturday, April 05, 2014
Petra Morsbach - Warum Fräulein Laura freundlich war
Seltsam, so eine bekannte Epikern ausgerechnet durch einen Essay kennenzulernen. Hörte das BR-Feature und war sofort angetan, vor allem die poetologischen Überlegungen fand ich spannend. Und hier ist das einmal sorgfältig im Detail ausgearbeitet: Ein sorgfältiger, kritischer Blick einer hohen Handwerkerin auf das Handwerk anderer. Teilweise atemberaubend interessant.Alina Bronsky - Die schärfsten Rezepte der tartarischen Küche
Eine sexy Großmuttertyrannin quält ihre Familie. Witzig, tragisch, schön. Warum muss ich bei Alina Bronsky immer an John Irving denken? Schätze, das liegt an den Figuren, sie sind ähnlich liebenswert.Tuesday, March 25, 2014
Sasa Stanisic - Vor dem Fest
Tolles Buch über ein Dorf in der Provinz. Klar, es ist Uckermark, könnte in vielen aber auch Allgäu sein. Ein Reigen von Personen und Geschichten a la Winesburg, Ohio, nur menschlicher, mit Humor und großer Lebensneugier. Seit langem mal wieder ein Buch, das ich noch mal lesen will, weil ich den Eindruck habe, noch vieles nicht entdeckt zu haben. Und Nirvana kommt auch wieder vor. Mirko Bonné - Nie mehr Nacht
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Tuesday, March 18, 2014
Lisa Kränzler - Nachhinein
Lange vermieden, dann wie eine Pflichtübung angegangen. Im Lauf der Lektüre mehr und mehr überzeugt, etwas Besonderes vor mir zu haben. Geschichte einer Kinder- und Jugendfreundschaft zwischen Mädchen aus Gutbürgerhaus und Prollfamilie. Freundschaft ist ja irgendwie das Hauptmotiv der Literatur überhaupt. Die große Kunst des Romans besteht in seiner Perspektive. Scheinbar steht die Entwicklung der Behüteten im Vordergrund, doch von ihr unbemerkt spielt sich der wahre Schrecken des Romans ab. Kränzlers Sprache dabei radikal, reich an Erfindung, kompromisslos kühn. Eine Autorin, die sich nicht scheut, über Schmerzgrenzen zu gehen. Echte Literatur.Sunday, March 16, 2014
Peter Härtling - Tage mit Echo
Härtling noch einmal. Noch einmal - weil Tage mit Echo auch daher kommt, wie ein Abschiedsbuch. Schon das Konzept mutet fragmentarisch an. Zwei Erzählungen, die erste über einen Vorleser, der nur noch aus letzten Werken lesen will und die Jahrestage und den Stechlin in voller Länge an den jeweiligen Handlungsorten vorträgt und dabei u.a. seltsame Wiedergänger aus den Romanen kennenlernt. Diese Erzählung bricht Härtling dann aber plötzlich ab, verweist noch auf die Liste an letzten Werken, die der Vorleser auf seiner Tournee zum besten gegeben haben soll und wendet sich dann einer ganz anderen Erzählung zu, und zwar einer typisch Härtling'schen Lebensbeschreibung des Zeichners und Malers Carl Philipp Fohr, die sehr schön ist und in der man vieles wiederfindet, was man seit seinem Hölderlin so an Härtling liebt.
Friedrich Ani - M.
Süden, der melancholische Detektiv, sucht einen Taxifahrer/Neonazi/verdeckten Ermittler. Die wirklichen Verbrechen geschehen oder werden aufgeklärt erst im Zuge dieser initiierenden Ermittlung. Das ist das Süden-Konzept: Ein Mensch verschwindet aus der Welt, durch den atmosphärischen Riss, der durch diese "Vermissung" entsteht, dringen alte Schuld, Traumata, neue Abscheulichkeiten. Und am Ende findet Süden den Fehlenden, stellt das zerbrechliche Gleichgewicht, die Welt auf der Kippe, wieder her. Für den Augenblick. Stark an den Ani-Büchern sind Personen und Atmosphäre. Kenne kaum Bücher, bei denen so viel echte Welt durchkommt, was sich vor allem der Sprache verdankt, die Ani zugunsten der Authentizität einfach mal stehen lässt.
Joe R. Lansdale - Ein feiner, dunkler Riss
Man sollte überhaupt nur solche Bücher lesen. Dagegen sind so viele (gute) Bücher blass. Ein Junge im Süden der USA, es sind die 50er Jahre, der "feine dunkle Riss" geht durch das Volk, trennt Schwarze und Weiße. Über diesen Riss hinweg schließt der Junge gegen alle Ressentiments Freundschaften mit den Menschen auf der anderen Seite. Darunter ein alter, trinkender Filmvorführer, Detektiv in einem früheren Leben, mit dem er ein schreckliches Verbrechen aufklärt. Starke Atmosphäre, dabei sehr spannend. Huckelberry Finn meets Mocking Bird meets SIEBEN. Man sollte alles von Lansdale lesen!
Wednesday, March 05, 2014
Olga Martynova - Mörikes Schlüsselbein
Friday, February 28, 2014
Wolfgang Haas - Die Verteidigung der Missionarsstellung
Brillianter Roman und unterhaltsames Spiel mit der Form. Episoden aus dem Leben eines Halbindianers, der sich Rinderwahnsinn, Hühnergrippe und Schweinepest parallel zu Liebesinfekten einfängt. Haas spielt mit dem Stoff nicht nur auf der Handlungsebene, sondern auch in den Mikrokosmen von Sprache und Typografie. Zum Beispiel fährt einmal ein Paar im Aufzug, wobei Haas das Abwärts im Schriftbild wiedergibt, indem er den entsprechenden Absatz über mehrere Seiten wie in einem Daumenkino nach unten wandern lässt. Kenne keinen einfallsreicheren Autoren.
Jonathan Lethem - Chronic City
Roman über New York. Eine Clique von Nerds kifft sich durch die Nachmittage, jagt virtuellen Schätzen in einer Second-Life-Variante nach, fürchtet sich vor einem zerstörrerischen Immobilientiger und verliert ganz tragisch alle Illusionen. Stilistisch brilliant, streckenweise sehr lustig. Einer der wirklich tollen US-Erzähler der Generation nach Updike, Roth und Co.
Thursday, February 27, 2014
Robert Harris - Intrige
Neil MacGregor - Shakespeares ruhelose Welt
Schönes Buch über typische Shakespeare-Themen - Folter, Thronfolge, Zeit -, erzählt anhand von Objekten wie Becher, Koffer, Münzen etc. Allerdings als E-Book nicht so geeignet, da farbenprächtig bebildert. Bestes Kapitel am Schluss über das Objekt Shakespeare als Buch und die zeitlosen Marginalien berühmter Leute wie Ranicki oder Mandela darin.
Wednesday, February 19, 2014
Jean Echenoz - Laufen
Kleine, sehr charmante Biografie über Emil Zatopek. Seine Läuferkarriere, seine Trainingsmethode, seine Erfolge, politische Restriktionen, seine Popularität, nachdem ihn das Regime verstoßen hat. Sehr klarer Stil, toll, wie hier ein lebenslanger Bogen gespannt wird - auf nicht mehr als 140 Seiten.
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Christopher McDougall - Born to Run
Ein Lebensbuch: Laufe natürlich. Laufe auf den vorderen Ballen. Laufe lange und lächle dabei. Laufe Zickzack. Lächle die Schmerzen weg. Lass dich nicht von den Marketingtricks von Nike und Co täuschen. Esse wie ein armer Mensch. Habe Spaß am Laufen. Laufe wie Emil Zatopek. Laufe barfuß. Laufe und gesunde!
Max Frisch - Mein Name sei Gantenbein
Gegenwartsklassiker, von dem im übrigen nicht sehr guten ZEIT-Führer dazu animiert. Es liest sich relativ leicht, keine Ahnung, warum das mal als schwierig galt. Eine gewisse Intellektuellen-Eitelkeit weht einen daraus an - gemeinsam mit viel Pfeifenrauch und Whiskydunst. Habe auch den Verdacht, dass die Gantenbein-Idee gar nicht recherchiert ist. Hat Frisch hier Blinde gefragt, wie die Umgebung auf sie reagiert? Viele der skizzierten Szenarien scheinen mir bloße Gedankenexperimente, Schachtischkonversation. Was mir heute aber noch immer gefällt, ist das Skizzenhafte. Noch mal werde ich es aber vermutlich nicht lesen.
Tuesday, February 11, 2014
Anne Weber - Tal der Herrlichkeit
Sehr schöner Roman über eine utopische Liebesgeschichte: Schöne Frau (reich) erblickt einen etwas heruntergekommenen Mann und küsst ihn spontan auf den Mund. Er sucht sie, kriegt sie, wilde Bettszenen, dann alles hin. Und er sucht sie dann noch einmal, aber in einem ganz, ganz wüsten Land. Erinnert da dann etwas an Kasack, die Stadt hinter dem Strom etc. Das ist alles sehr gut. Stark auch die große Klargheit des Romans. Nur den Klappentext muss man verstecken, sonst heißt es fremdschämen, wenn einen jemand mit dem Buch ertappt.
Sunday, February 09, 2014
Kevin Powers - Die Sonne war der ganze Himmel
Starkes Antikriegsbuch im Irak 2004 spielend. Zwei Privates und ihr Sergeant und der Drahtseilakt des Überlebens zwischen Drill, Tapferkeit, Verzweiflung und Wahnsinn. Stark die Unmittelbarkeit der Darstellung und die Ökonomie, mit der Unfassliches so prägnant dargestellt wird. Unglaubliche Landschaften nebenbei.James Salter - Alles, was ist
Souveräner Roman über einen Lektor in New York und dessen Ehen und Liebschaften über die Hälfte seines Lebens hinweg. Beschreibung eines mehr oder weniger glücklichen, erfüllten Lebens, etwas, was man selten liest oder wovon kaum gelungen geschrieben wird. Sehr ansprechend die Art, wie Salter auch in alle Nebenfiguren für ein paar Seiten hineinzoomt und damit so etwas wie die Essenz der Existenz auf den Punkt bringt. Dabei ganz und gar szenisch, nie psychologisierend. Nur ganz selten mal angeödet, weil es doch mal zu viel Namen sind und man nicht recht weiß, von wem jetzt die Rede ist. Zeitgeschehen wird en passant berührt, einige Literaturpromis werden gestreift. Sonst nur: lieben, lesen, reisen, in Wohnungen und Häusern wohnen, Parties, Bars und Restaurants. Alles von einem ruhigen, leise melancholischen Fluss, dem man sich nicht entziehen kann. Auf Amazon gibt es eine riesige Fläche von Presse-Anpreisungen des Romans. Vom Meisterwerk ist die Rede. Tatsächlich der Eindruck von großer Souveränität und Könnerschaft. Und die Frage, ob es in Deutschland einen epochalen Erzähler, wie ihn und seines Jahrgangs gibt bzw. gab. Vielleicht Kempowski, dieser jedoch ganz anders.
Thursday, February 06, 2014
Die Brüder Karamasow - Fjodor Dostojewski
Den dritten der fünf Elefanten wieder gelesen. Unvergesslich damals im Winter vor 25 Jahren das erste Mal. Hauste damals selbst in einer Dostojewski-mäßigen Klause. S.H. wollte mich zu einer Kneipentur abholen, aber ich verzichtete, konnte nicht aufhören zu lesen. Einiges ist noch davon da, aber die Intensität stellt sich freilich nicht mehr ein. Überrascht, wie interessant die religiösen Passagen des Starez waren. Lebensbejahung pur. Teilweise auch sehr gequält von Längen und Wiederholungen, dem Seitenschinden des Fortsetzungsautoren. Die Neuübersetzung von Swetlana Geier, die so gerühmte. Der Text kam mir kantiger vor, das schon, ungeschliffener. Manchmal stilistisch überhastet. Vielleicht ist das echter, aber ein wenig hat es auch gestört. Und der Anmerkungsapparat ist eine Enttäuschung. Kaum eine echte Erhellung, häufig fast Paraphrasen des Romantextes oder banales Konversationslexikonwissen. Vieles wird gar nicht richtig erklärt, wie etwa die seltsame Bezeichnung für den Irrsinn, die die Figuren teilweise befällt - "Nadryw." Jetzt noch der Grüne Junge und Schuld und Sühne, dann kann es von vorne los gehen..
Monday, February 03, 2014
Alina Bronski - Scherbenpark
Sehr schöner, anfangs geradezu mitreißender Roman über eine 17-Jährige, deren Stiefvater ihr Mutter samt Freund ermordete und die jetzt ihre 2 Geschwister alleine aufziehen muss. Vor allem ist es die unerschrockene Stimme der jugendlichen Erzählerin, die überzeugt. Hier ist jemand der so munter drauf los erzählen kann, wie John Irving. Und auch dessen Suchtpotenzial entfalten kann.
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