Wednesday, September 19, 2012

52. Orringer, Julie - Die unsichtbare Brücke


Der junge Andras Levi besteigt den Zug nach Paris, will Architekt werden - und verliebt sich die neun Jahre ältere Claire Morgenstern, eine Ballettlehrerin die ein Geheimnis aus der Vergangenheit mit sich trägt. Es ist der Beginn einer großen, immer wieder Prüfungen unterworfenen Liebe. Auch Tibor und Matyas, Andras' Brüder, versuchen in dieser bedrohten Zeit ihr Glück zu finden. Als der Krieg die Brüder Levi in Budapest zusammenführt, ist das keine Heimkehr, sondern der Beginn einer Odyssee mit ungewissem Ende: Ein Kampf ums Überleben beginnt - gegen Hunger, Verfolgung und einen Schatten aus Claires früherem Leben, der trotz aller Bemühungen unüberwindbar zu sein scheint.

Breitwandliteratur. Bewegend. Manchmal anschmachtend. 

Wednesday, September 12, 2012

51. Die Flüsse von London

Schmarrn, der hin und wieder lachen lässt.

50. William Trevor - Turgeniews Schatten

Schönes, völlig unaufgeregtes Buch über einige normale Menschen auf dem irischen Land: Sie entscheidet sich für den Falschen, die Hochzeitsnacht floppt, seine bösen Schwestern reden sie in den Wahnsinn. Der, den sie eigentlich hätte nehmen sollen, bringt ihr noch schnell bei, wie schön alles hätte werden können, ehe er stirbt.

Solche Bücher sucht man in Deutschland vergebens.

Monday, August 20, 2012

49. Der Übergang - Justin Cronin

Endzeitepos, Mischung aus The Stand und True Blood: Militär will mit Supervirus Super Fighter züchten. Experiment missglückt, die 12 Versuchspersonen führen fortan ein Dasein als Super Vampire und entvölkern die Welt. Nur Amy, ebenfalls Teilnehmerin des Experiments, kann sie aufhalten. Ihr zur Seite steht ein A-Team aus Überlebenden...

Sehr biblisch alles natürlich, Amy oder Peter teilen sich die Jesus-Rolle.

Packend, dicht, elementar.

Monday, August 13, 2012

48. Gerbrand Bakker - Der Umweg


Aus der Zusammenfassung bei Suhrkamp:

An klaren Tagen kann man in der Ferne das Meer sehen, und auf den verwunschenen Wegen rings um das alte walisische Farmhaus ist lange niemand mehr gewandert. Es ist ein schöner Flecken Erde, den Agnes sich als Versteck ausgesucht hat. Die Gedanken an das, was sie von Amsterdam vertrieben hat – ihr ahnungsloser Mann, der junge Student, vor allem aber die verstörende Angst vor dem Kommenden –, lassen sich so leichter im Zaum halten. Nur manchmal wird ihr alles zuviel: daß der Fuchs sich eine Gans nach der andern holt oder daß der grobe Nachbarsfarmer schon morgens um neun in Socken vor ihr sitzt.
Da nistet sich eines Tages der junge Bradwen bei ihr ein. Ähnlich wie Agnes gibt er kaum etwas über seine Vergangenheit preis. Und Agnes, die nicht mit dem Rauchen aufhört, weil sie sich dafür zu krank fühlt, stellt fest: Vorsicht und Zurückhaltung sind nur etwas für die Gesunden.
Ein sehr schönes Buch, das ganz auf Atmosphäre setzt. Was braucht es dazu? Landschaft, ein Gedicht und eine Krankheit zum Tode. 


Wednesday, August 01, 2012

47. Wohin denn mit mir - Sigrid Damm

Sehr schönes Italienbuch. Die Damm hat eine ganz eigene Stimme. Die Mischung aus literarischem Essay - Die Bachmann, Che Guevara und immer wieder Goethe -, Autobiografie und Reisebilder immer anregend.

46. Die Serapionsbrüder - Hörspiel

Hoffmann. Immer irgendwie ergreifend, auch wenn vieles an dem pousierlichem Märchengedöns nervt.

45. Das Lied von Eis und Feuer - Teil 3

Souverän gut.

Thursday, July 19, 2012

44. W G Seebald - Austerlitz

Das 90-Min-Hörspiel. Seltsame Idee.

43. Das Haus - Andreas Maier

Buch über das Haus der Kindheit. Interessante Idee, aber letztendlich nicht genug Substanz. Nur selten beginnt der Text zu schwingen.

Friday, July 13, 2012

42. Die Lügen des Vaters - John Burnside

Wie alles von Burnside extrem lesenswert: Authentische Geschichte über eine Vater-Sohn-Hassliebe. Alkoholismus, Drogen, Gewalt. Angst vor dem Tod und Lügen in ein anderes Leben. Erschütternd.

Monday, July 09, 2012

41. Sibylle Lewitscharoff - Blumenberg

Buch über den Philosophen Blumenberg, dem eines Tages ein Löwe erscheint, um ihm metaphysischen Trost zu spenden.

Monday, July 02, 2012

40. Alles umsonst - Walter Kempowski

Was für ein Erzähler, welche Fülle an Details, wie ausgewogen das alles.

Für einen Kempowski eine Bibliothek Grass.

Saturday, June 30, 2012

39. Was davor geschah - Martin Mosebach

Sehr schöner Roman über eine Handvoll Menschen, die ihre Geschicke nicht im Griff haben. Alles wie bei Doderer.

Saturday, June 23, 2012

38. Das Lied des Achilles - Madeline Miller

Historischer Queer-Roman. Achilles und Patroklos, das Liebespaar. Kennenlernen, glückliche Adoleszenz. Dann das bekannte Geschehen vor Troja, alles atemberaubend schön.

Monday, June 18, 2012

37. Tage der Toten - Don Winslow

Elegisches Werk über drei Jahrzehnte Drogenkrieg. Definitiv was für HBO. Hauptsächlich auf einer langen Zugfahrt nach Göttingen und zurück.

Sunday, June 10, 2012

36. Jennifer Egan - News from the Goon Squod

Sehr gutes Buch, Storyreigen über mehrere Jahrzehnte mit vielen Personen und formalen Experimenten. Erstaunlich.

35. T.C. Boyle - Wenn das Schlachten vorbei ist

Mal wieder ein Boyle. Wie immer sehr sozialkritisch. Diesmal Artenschutz etc. Mäßig interessant.

Tuesday, April 17, 2012

30. Michael Buselmeier - Wunsiedel

Ein kurzes Buch, das einem sehr lang vorkommt.
Schoppe, ein alternder Schriftsteller, stattet Wunsiedel einen Erinnerungsbesuch ab, wo er vor über 40 Jahren als Jungschauspieler für die Festspiele engagiert war. Erinnerungen an Theater, damalige Freundin, Mutter, Jean Paul etc.
Eigentlich hat Buselmeier nicht viel zu all diesen Themen zu sagen. Mit Mühe wurde da ein Text so aufgeblasen, dass man gerade noch so das Etikett Roman draufkleben konnte.
Manchmal versucht sich der Autor in Bernhardscher Suada, was hier aber, weil so ohne Ironie, eher ein übles Licht auf den Helden wirft.
Ein unsympathische Typ, dieser Schoppe, es wundert einen nicht, dass ihn keiner leiden kann und von der Freundin verlassen wird.

Monday, April 16, 2012

29. Fred Vargas - Die Nacht des Zorns

Fred Vargas eben. Solide, klare, bekömmliche Krimikunst mit lauter Figuren, die natürlich viel zu gut, böse oder originell sind, um sie in der wirklichen Welt anzutreffen.

Nur leider wieder der alte Krimimechanismus, nachdem der Täter wider mal so überraschend ist, dass er überhaupt nicht überraschend ist, weil er von Anfang an der beste Überraschungskandidat ist. Aber gerade bei Vargas ist das egal. Weil einem eh fast egal ist, wer der Täter ist.

Friday, April 13, 2012

28. Madame Hemingway - Paula McLain

Sehr schöner Biografieroman über die Pariser Hemingways, über die man ja eigentlich alles zu wissen glaubt. Aber man hängt trotzdem oder vielleicht gerade deswegen an den Lippen der Erzählerin. Eindrucksvolles Frauenportrait in der tollsten Zeit ever.

Tuesday, April 03, 2012

27. Geister - John Banville

Rätselhaftes Buch mit Schönheiten. Gleicht einer Versuchsanordnung. Die poetische Belebung eines Gemäldes, das nicht existiert, allenfalls existieren könnte. Verwoben mit dem Fragment des Lebenslaufs eines Mörders.
Aber doch wenig Lust, dem Enigmatischen genauer nachzuspüren.

Saturday, March 24, 2012

26. Mittelreich - Josef Bierbichler

Roman im Stile einer Heimatchronik. Drei Generationen Seewirtschaft am Ammersee. Viele Seppels und Franzls und Maries.

Kräftig, aber doch mit einigen Schwächen: Anachronismen, Umständlichkeiten, Bemühtheiten.

Eigentümlich quälende Lektüre.

Friday, March 16, 2012

25. Judith Schalansky - Der Hals der Giraffe

Sehr gute Geschichte über eine Biologie-Lehrerin und Geschichtsdarwinistin an einem eingehenden Gymnasium irgendwo im tiefen Osten der Republik.
Eigentümlich anrührend zu erleben, wie die Heldin mit ihren Anschauungen (Recht des Stärkeren, nur die Starken überleben) scheitert, ohne so recht zu begreifen, warum. Judith Schalansky hat sich dafür die Sprache der Naturwissenschaft ganz für den inneren Monolog nutzbar gemacht. Gelungen das, weil auch sehr rhythmisch und an Koeppen erinnernd.
Nur halb gelungen ist die Zeichnung der Lehrerkollegen - der unverbesserliche Leninist, der phrasendreschende neue Direktor aus dem Westen, die verweichlichte Kollegin, die sich mit den Schülern duzt. Zwar plastisch, aber manchmal durch das Überzogene die dichte Fiktion störend. So zum Beispiel die Rede des Direktors oder das Ausweinen der Kollegin an der Schulter der harten Heldin.
Sehr gekonnt der Schluss, das plötzliche Infragestellen des gesamten Weltbildes. Wie eine brechende Fensterscheibe.

Monday, March 12, 2012

24. Christian Kracht - Imperium

Stilistisches Bravourstück, das mich aber kalt gelassen hat.

23. David Vann - Im Schatten des Vaters

Ziemlich düstere, teils überraschende Selbstmordgeschichte.

Existentialistisch ausweglos wie Die Straße oder Die Wand.

Thursday, March 08, 2012

22. Gegen die Welt - Ian Brandt

Sehr dickes Buch, Coming of Age in der norddeutschen Provinz in den 80ern.
Streckenweise doch recht lang.
Avantgardistischer Einbezug des Druckbilds in die Darstellung. Halbherzig.
Erwartungen nicht ganz erfüllt.

21. Das Attentat - Stephen King

Der nächste Tausendseiter des Meisters. Ähnlich erfreulich wie die Arena. Jetzt lässt er die langweiligen Monster und Geister beiseite und widmet sich den großen Themen, die ja an sich schon genug Horror bergen.

Eigenartiges Phänomen festgestellt: Seine Sprache hinkt der Handlung eigenartigerweise häufig etwas hinterher. Eigentümlich schwerfällig bewegen sich die Figuren durch die Kulissen. Vielleicht weil doch zu viel erzählt wird.

Egal, es ist immer wieder gut. Und wird besser. Mal schauen, was als nächstes kommt.

Sunday, February 26, 2012

20. Heinrich von Kleist - Michael Kohlhaas

Starke Novelle. Der Kleist-Stil höchst interessant. Das überschnelle zum Punkt kommen, die Synthax dabei (über)spannend wie einen Bogen. Dabei sehr szenisch u. bildhaft.

Saturday, February 18, 2012

19. Erika Mann - Das letzte Jahr

Thomas Manns letztes Jahr aus Sicht seiner töchterlichen Privatsekretärin. Noch mal prall gefüllt mit Ehrungen, Werken, Reden etc. Dann Thrombose und schnelles Ableben. Natürlich alles sehr Zauberberg-mäßig verbrämt.

Friday, February 17, 2012

18. Clemens J. Setz - Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes

Nachdem ich die erste Geschichte fast nicht heruntergebracht hätte das Buch in 2 Tagen verschlungen. Alles sehr dramatische Geschichten, im Grunde kleine Kammer- und Kabinettstückchen. Manchmal lachen müssen. Im Grunde ein großer Schabernack.

Wednesday, February 15, 2012

17. Hiobs Brüder - Rebecca Gable

Tolle Story, nach langsamen Anlauf in vier Tagen durchgeritten. Alles sehr feinsinnig. Beste Ritterunterhaltung.

Saturday, February 11, 2012

16. Das Mädchen - Angelika Klüssendorf

Sehr fesselndes, verstörendes Buch. Sozialdrama im Sozialismus, was es ja nicht geben sollte. Eine Art Anton Reiser der DDR der 60er Jahre, also ein negativer Entwicklungsroman, in dem die Heldin von einem Kreis der Hölle in den nächsten kommt.

Unglaublich viel Gewalt und Elend. Erschütterung über das im übelsten Sinne verschlagene (im Sinne von zerschlagen) kindlich-poetische Gemüt.

15. The Sense of an Ending - Julian Barnes

Das hochgelobte Booker-Preis-Buch von Julian Barnes also.

Das Konzept des Romans besteht darin, dass der Held Toni Webster im Alter darauf gestoßen wird, mitverantwortlich für den Selbstmord eines Freundes in der Jugend gewesen zu sein.

Natürlich lädt das Konzept zu vielen altersweisen Reflexionen über den Fluss der Zeit und den Trug der Erinnerung ein. Manchmal etwas zu viel. Aber hätte man das gekürzt, dann wäre schwerlich ein Roman übrig geblieben.

Trotzdem angerührt über das Motiv des Wendepunkts am Ende des Lebens.

Tuesday, February 07, 2012

14. Der Fliegenpalast - Walter Kappacher

Stilles Buch über die Empfindlichkeiten der Inspiration. Immer hofft Hoffmannsthal auf die richtige Arbeitsstimmung, doch überall greift er ins Leere, wie es in der FAZ-Rezension heißt.

Klar, das Handke das gefällt.

Saturday, February 04, 2012

13. Ein Hungerkünstler - Franz Kafka


Neben Ein Hungerkünstler auch Erstes Leid, Eine kleine Frau und Josefine, die Sängerin oder das Volk der Mäuse. Die kleine Frau fällt dabei etwas ab.

Der Schluss von Josefine:
Vielleicht werden wir also gar nicht sehr viel entbehren, Josefine aber, erlöst von der irdischen Plage, die aber ihrer Meinung nach Auserwählten bereitet ist, wird fröhlich sich verlieren in der zahllosen Menge der Helden unseres Volkes, und bald, da wir keine Geschichte treiben, in gesteigerter Erlösung vergessen sein wie alle ihre Brüder.
Auffällig in den Erzählungen die oft farblose und ungelenke Verwaltungssprache. Eigentlich wenig bildhaft, eine Art Grau-in-Grau-Textur. Das ist aber nur die Folie, der Hintergrund, vor dem plötzliche Bewegungen, krasse Bilder nur um so stärker hervortreten.

Friday, February 03, 2012

12. Du stirbst nicht - Kathrin Schmidt

Starkes Konzept: 42-jährige Autorin kommt nach Schlaganfall in der Klinik zu sich. Muss sich nach und nach ihr Leben wieder zusammensetzen. Vieles weiß sie nicht mehr, muss ihre Sprache neu lernen. Auch die Gefühle sind auf Null zurückgesetzt.

Liebt sie ihren Mann? Wollte sie sich wegen einer Affäre mit einer Transsexuellen trennen? Hatten sie sich schon getrennt? Nach und nach lösen sich die Gleichungen.

Der Schluss sehr stark: Wie Helene über das Schreiben wieder zu sich selbst findet, sich ihrer selbst wieder vergewissert. Das sind so Sätze aus dem Germanistik-Seminar. Hier aber sehr, sehr konkret.

Gänsehautschluss, buchstäblich in den letzten Sätzen.

11. Schreiben dicht am Leben - Hanns-Josef Ortheil

Nette Studie über eine literarisch-kreative Leidenschaft, die sich mehr und mehr auszubreiten scheint. Idee: bewusster Leben durch fortwährendes Sammeln und Filtern der Außen- und Innenreize.

Schöne Lektüretipps auch. Der Übungsteil etwas überflüssig, oder? Obwohl.

Saturday, January 28, 2012

10. Betrachtung - Franz Kafka


"Ich würde ganz gern - warum denn nicht - einen Ausflug mit einer Gesellschaft von lauter Niemand machen."
Kafkas dunkelschöne, verrätselte Kammerstückchen.

Eine Schnur mit lauter Perlen:

Kinder auf der Landstraße
Entlarvung eines Bauernfängers
Der plötzliche Spaziergang
Entschlüsse
Der Ausflug ins Gebirge
Das Unglück des Junggesellen
Der Kaufmann
Zerstreutes Hinausschaun
Der Nachhauseweg
Die Vorüberlaufenden
Der Fahrgast
Kleider
Die Abweisung
Zum Nachdenken für Herrenreiter
Das Gassenfenster
Wunsch, Indianer zu werden
Die Bäume
Unglücklichsein

Teilweise sehr cineastisch. Alltagsszenen. Gespräche, zu denen der Leser häufig keinen Schlüssel hat. Unversehens öffnen sich Türen, kommen Gespenster ins Zimmer, eröffnen Aufzüge eine göttliche Totale auf das Treiben der Welt.

Unglaubliche Stücke eigentlich.

Verfügbare Bilder von Herz/Seele/Geist u.a.

Er hat ein Herz, wie ein Schiffsmotor.
Er hat eine Seele, wie ein Rübenacker.

Er hat das Herz eines nassen Aschenbechers.
Ein Kopf, wie ein Trampolin.

Gemüt eines Hinterhofantiquariats.
Er ist ein Schnauzbart von einer Seele.

"Sie hat a Goschen wie eine Frisörschere."
Das Herz einer zahmen Bärin.

Friday, January 27, 2012

9. Die Herrlichkeit des Lebens - Michael Kumpfmüller

Lovestory Franz Kafkas und Dora Diamants. Kennenlernen am Strand in Müritz, gemeinsame Wohnungen in Berlin. Glück. Krankheit. Sanatorien. Langsames Sterben in Wien.

Kein leichtes Thema, von Michael Kumpfmüller sehr schön umgesetzt. Ein Buch über die Liebe, wie man es heute selten liest. (Gar nicht mehr).

Die Sprache ganz reduziert. Das sanfte Changieren der Perspektiven, das Kammerspielhafte. Immer sind es ja nur zwei, drei Menschen in einem engen Zimmer.

Herrlichkeit des Lebens. Wie schön es ist, sich vorzustellen, es sei so gewesen.

Tuesday, January 24, 2012

8. Ruhm - Daniel Kehlmann

Roman in neun Geschichten. Gleiches Konzept wie bei Krausser. Winesburg, Ohio eben.

Kehlmann ungleich eleganter und souveräner. Auch der sprichwörtliche doppelte Boden filigraner gestaltet.

Einer der ersten Erzähler hierzulande wohl.

Friday, January 20, 2012

7. Einsamkeit und Sex und Mitleid - Helmut Krausser

Habe einige Jahre einen Bogen um Krausser-Bücher gemacht. Manierismen, Geprotze und Comic-Sprache schwer erträglich.

Dieses jetzt wegen Interesse am Short-Cuts-Prinzip vorgenommen.

Das muss man ihm lassen: Seine Personen-Namen, seine Sprache, seine Klischees mögen unendlich nervend sein. Aber mit seinen Erfindungen versteht er es, einen hineinzuziehen. Und das wiegt vieles auf.

Dennoch: immer das Gefühl großer Künstlichkeit wie bei allen seiner fiktionalen Werke.

Thanatos ausgenommen.

6. Meine Gespräche mit Schriftstellern 1974-1977 - Heinz Ludwig Arnold

Vieles vom Lesen schon bekannt, aber trotzdem sehr anregend. Schön das Ungeschnittene, Rohe: Grass und Frisch zünden sich fortlaufend Pfeifen an, Dürrenmatts Zunge wird deutlich schwerer, je länger das Gespräch dauert, Flugzeuge starten etc.

Unterhaltsamer als mancher Roman. Dabei eigentlich selten besonderer Tiefgang des Gesprächs. Viel Politik und "Engagement", was an der Zeit liegt.

Einiges neu zu entdecken. Dürrenmatts Richter & Henker wieder hervorgeholt.

Wednesday, January 18, 2012

5. Der Richter und sein Henker - Friedrich Dürrenmatt

Einer Anregung der Arnoldschen Schriftstellergespräche folgend. Glaube, das Buch schon mal gelesen zu haben. Aber vielleicht war es auch ein anderer Dürrenmatt-Krimi.

Zwei großartige Szenen: Die Beerdigung mit dem Regen, der alles verstummen lässt. Und der lange Weg des Henkers durch die Landschaft zur Exekution.

Manchmal etwas getragen, manchmal ist parabelhafte chargierend.

Tuesday, January 17, 2012

4. Sunset - Klaus Modick

Kann mich kaum erinnern, wann ich das letzte Mal einen so dichten, ergreifenden, poetischen Roman gelesen habe. Vielleicht bei Updike?

Sunset - das ist eine Art imaginierter Schwanengesang des Lion Feuchtwanger. Modick schildert den Tag im Leben des alternden Romanciers, an dem ihn die Nachricht vom Tode Brechts ereilt, seinem vielleicht einzigen wahren Freund. Erzählt werden die Reflexionen und Erinnerungen, die das in Feuchtwanger auslöst.

Und so entfaltet sich auf den knapp 200 Seiten ein alterweises Tableu von ungewöhnlicher, ja beglückender thematischer Weite:

Exil, Politik, die Exilgesellschaft in Kalifornien
Schreiben/Literatur als Lebensform
Freundschaft
Religion
Überlebensstrategien
uvm

Dabei entsteht ein Porträt Feuchtwangers, das den Leser durch seine Liebenswürdigkeit völlig für den kleinen, bescheidenen, ungeschickten Mann einnimmt.

Monday, January 16, 2012

3. Art Direction

Halbinspirierender Titel über den Job des Art Directors. Sachbuch aus der Stadtbücherei. Weckt jedenfalls die Augenlust!

Thursday, January 12, 2012

2. Charles Dickens: der Unnachahmliche. Von Hans-Dieter Gelfert

Zur Einstimmung ins Dickens-Jahr.

Brauchbarer Überblick, viele Jahreszahlen, viele Honoraraufrechnungen. Spoiler und Interpretationen zu jedem Hauptwerk, viele Illustrationen sowie eine kleine Theorie zu Dickens' Ästhetik: Es gibt drei zentrale Motive, Erbschaften, die See und das Gefängnis. Die Erbschaften stehen für die Fremdsteuerung der Charaktere, das Meer für die haltlosen, noch ungefestigten Personen; in Gefängnissen, echten und metaphorischen, stecken emotional verhärtete Typen. Dazwischen gibt es tugendhafte und blasse Mittler, die die Veränderungen herbeiführen.

Einiges enttäuscht:
  • Im Vorwort verspricht man Aufklärung darüber, warum Dickens ein Kafka-Vorgänger sei. Davon ist aber kaum die Rede.
  • Viel über Honorare ohne dass man erfährt, was das Geld damals ungefähr wert war.
  • Preisungen von Dickens Sprachkunst - keine Beweise dafür. Hätte der Leser auch auf Englisch gerne genommen.
  • Von einem deutschen Biografen hätte man sich mehr zur Dickens-Rezeption hierzulande gewünscht.

Eine kleine Rowohlt-Biografie hätte den selben Zweck erfüllt. 29,90 Euro für ein gerade 300-Seiten-Buch ohne nennenswerten Serviceanteil ist jedenfalls zu viel.

Tuesday, January 10, 2012

1. Too Much Happiness - Alice Munro

Zugegeben, Überhang aus dem Vorjahr.

Lauter gute Stories. Und es stimmt, was die Kritik immer über Munro schreibt: Es sind lauter kleine Romanskizzen. Also keine klassischen Kurzgeschichten, die nur einen knappen Lebensausschnitt beleuchten. Es geht in kühnen, meist ein Leben umfassenden Sprüngen dahin.

Nur die letzte Geschichte über diese Mathematikerin habe ich mir dann verkniffen. Da ist dieses Munro-Feeling nicht recht aufgekommen.

Saturday, December 31, 2011

Ortheil - Die geheimen Stunden der Nacht

Netter Roman über das Verlags-Milieu. Ortheil ist ein sehr sauberer, "klassischer" Stilist. Das Thema: Wer wird der Nachfolger des Super-Verlegers? Entscheidung wie bei Isaak: Welcher der Söhne kocht das beste Linsengericht bzw. macht das beste Europa-Projekt.

Gut: Sprache, Stimmungen
Naja: Der Plot. Wenn es nur eine atemberaubende Frau im Roman gibt, ist es nicht sehr überraschend, dass die neue Geliebte des Sohnes die alte seines Vaters ist. Schön allerdings, dass er der Nachfolger wird. Man erwartet bei so einem Buch natürlich, dass der Held am Ende leer ausgeht.

Sunday, December 25, 2011

Flashback - Dan Simmons

Scifi-Thriller von Dan Simmons. Flashback ist die Droge, durch die in der Zukunft die Japaner die Amerikaner einschläfern, um die Weltherrschaft an sich zu reißen. Genau.

Wie kann ein Autor, der so brillante Bücher wie Drood und Terror geschrieben hat, so einen Mist abliefern: Die westliche Welt ist hin, das arabische Kalifat breitet sich unaufhaltsam aus. Europa und Amerika sind an ihren teuren Sozialsystemen verhungert. Israel wurde von den Iranern pulverisiert. Nur die Japaner haben noch genug Mumm im Leib, um die Welt mit mittelalterlichen Mitteln zusammenzuhalten. Und vieles mehr. Los ging der ganze Mist mit der Wahl Obamas.

Ohne Worte.

Wednesday, December 14, 2011

Charles Dickens - David Copperfield

Eines der Basisbücher der Literatur. Dickens hat es ganz, das Erzähler-Gen. Wie kaum ein anderer lässt er die Bilder leuchten.

Übrigens erinnert der Stil stark an Thomas Mann. Leitmotivik, Ironie, Bürgertum.

Die souveräne Leserin - Alan Bennett

Charmantes Kabinettstück aus der Rubrik Literatur-Literatur: Lesen befreit und weitet die Weltsicht. Lesen ist aber noch nicht Handeln. Erst Schreiben ist Tun.

Tuesday, November 29, 2011

Thursday, November 24, 2011

G. K. Chesterton - Über Charles Dickens

Zur Einstimmung für die Dickens-Lektüre, die ich mir schon lange vorgenommen habe.

Erstaunt, wieviel Chesterton über Dickens zu schreiben weiß. Angeregt von der dialektischen, an der klassischen Rhetorik geschulten Denkart.

Saturday, November 19, 2011

Heinrich Steinfest - Gewitter über Pluto

Hin und wieder einen Heinrich Steinfest. Wie einen guten Wein, der den Leser dann, im Ohrensessel sitzend, mit seinem Gewicht überrascht. Musil auf Krimi. So auch Gewitter über Pluto.

Zehn Gründe, warum man Steinfest lesen sollte:

  1. Spiellust. Stell dir zwei, drei Abstrusitäten vor und lass sie im Roman dann aufeinander los.
  2. Gedankenranken. Es lohnt sich tatsächlich, über so gut wie alles nachzudenken. Und sich davon überraschen zu lassen.
  3. Weil man sieht, was aus Musil hätte werden können.
  4. Weil man Lust auf so was wie Musil bekommt.
  5. Weil man dieser Lust nicht nachgeben muss. Besser liest man einen anderen Heinrich Steinfest.
  6. Weil er aus der Alltagswelt einen Abenteuerspielplatz zu machen versteht.
  7. Wegen des Interieurs. Immer gibt es Herrenabende bei Gespräch und Getränk.
  8. Der Metaphernwut. Der Manie, an alles noch ein Bildchen zu hängen.
  9. Des Trotzes gegen politische Korrektheit. Dabei weiter weg von Chauvinismus, als der Pluto vom Stuttgarter Hauptbahnhof.
  10. Wegen des unaufgeregt Phantastischen.





Poetiken 1: Umberto Eco - Der Friedhof von Prag

Eco-Bücher sind ja immer ein Ereignis.
Jedenfalls, was die öffentliche Aufmerksamkeit betrifft.
Umberto Eco ist der Vertreter eines intellektuellen (?), historischen Romans. So auch der Friedhof von Prag.

Wie unterscheidet sich der intellektuelle (?), historische Roman von einem Bernard Cornwell-Roman? Eco verzichtet auf Elemente, die den eigentlichen Reiz von Abenteuerromanen - und das sind historische Romane ihrem Wesen nach - ausmachen: Spannung, Schildwälle, Heroen, Prinzessinnen und Drachen.

Bei Cornwell & Co gibt es Cinemascope. Bei Eco gibt es Schwarten. Bei Cornwell riecht es nach Eisen, Braten und Blut. Bei Eco nach Staub und Papier. Bei Cornwell gibt es klare Projekte mit Anfang und blutigem Ende. Bei Eco gibt es Ausschweifungen ohne Ende. Bei Cornwell ist die Verschwörung ein Treibmittel unter mehreren. Bei Eco ist alles Verschwörung.

Und bei Eco gibt es etwas, was es bei Cornwell nie gibt: Wüsten der Langeweile und Plotelemente, die nach durchgelaufenen Reisestiefeln des späten 18. Jahrhunderts müffeln.

Ich habe erst ein Eco-Buch mit Vergnügen gelesen und das war sein Gassenhauer Der Name der Rose. Einige habe ich angefangen, aber verworfen. Baudolino habe ich durchgezogen, war dabei aber sehr gequält. Der Friedhof von Prag war da etwas besser. Aber richtig gut war er auch nicht. Warum?

  • wegen Ecos Zitierwut, statt Fabulierlust
  • wegen seiner buchstaubinduzierten Handlungspneumonie
  • wegen der lästigen Modeerscheinung, den Geschichten Kochrezepte - gleichsam als Mehrwert - beizumengen.

Ich würde mal sagen, dass das vorerst der letzte Umberto Eco für mich war. Und komme damit - etwas spät - auf die Linie von Wolfgang Tischer und Jurek Becker. Die Lebenszeit ist zu kurz.

Monday, November 07, 2011

Die 13 1/2 Leben des Käpt'n Blaubär - Walter Moers

Liebenswerte Phantasie über die Abenteuer eines phantastischen Wesens in einet phantastischen Welt. Stark in der Ausgestaltung, sichere Spannungsbögen. Ganz und gar eigene Welt, nichts Vergleichbares. Inbegriff naiver, reiner Kreativität.

Saturday, October 29, 2011

Melinda Nadj Abonji - Tauben fliegen auf

Die Vojvodina [ˈvɔjvɔdina] (kyrillisch Војводина; deutsch auch Wojwodina oder Woiwodina; ungarisch: Vajdaság) ist eine autonome Provinz in der Republik Serbien. Sie macht den Landesteil nördlich der Save und Donau aus, dessen administrative Grenze vom Westen her überwiegend an der Save entlang (am Bezirk Belgrad mit einem Bogen Richtung Norden) und weiter in Richtung Osten zur rumänischen Grenze überwiegend an der Donau entlang verläuft. Die Provinzhauptstadt ist Novi Sad.
Aus der Vojvodina stammen die Schriftsteller:
Alexander Tisma
Otto Tolnai

Und die 1968 geborene Schweizerin Melinda Nadj Abonji. In "Tauben fliegen auf" geht es um das Leben zwischen zwei Welten.

Darum geht es: Es ist ein schokoladenbrauner Chevrolet mit Schweizer Kennzeichen, mit dem sie zur allgemeinen Überraschung ins Dorf einfahren, und die Dorfstraße ist wirklich nicht gemacht für einen solchen Wagen. Sie, das ist die Familie Kocsis, und das Dorf liegt in der Vojvodina im Norden Serbiens, dort, wo die ungarische Minderheit lebt, zu der auch diese Familie gehört.
Oder, richtiger, gehörte. Denn sie sind vor etlichen Jahren schon ausgewandert in die Schweiz, erst der Vater und dann, sobald es erlaubt war, auch die Mutter mit den beiden Töchtern, Nomi und Ildiko, und Ildiko ist es, die das hier alles erzählt. So auch den Besuch im Dorf, der dann nicht der einzige bleibt, Hochzeiten und Tod rufen sie jedesmal wieder zurück ins Dorf, wo Mamika und all die anderen Verwandten leben, solange sie leben.
Zuhause ist die Familie Kocsis also in der Schweiz, aber es ist ein schwieriges Zuhause, von Heimat gar nicht zu reden, obwohl sie doch die Cafeteria betreiben und obwohl die Kinder dort aufgewachsen sind. Die Eltern haben es immerhin geschafft, aber die Schweiz schafft manchmal die Töchter, Ildiko vor allem, sie sind zwar dort angekommen, aber nicht immer angenommen. Es genügt schon, den Streitigkeiten ihrer Angestellten aus den verschiedenen ehemals jugoslawischen Republiken zuzuhören, um sich nicht mehr zu wundern über ein seltsames Europa, das einander nicht wahrnehmen will. Bleiben da wirklich nur die Liebe und der Rückzug ins angeblich private Leben?

So ungefähr.

Ein gutes Buch, ein bewegendes Buch. Die Sprache ist melodisch, rhythmisch, wie man sagt, mit langen Perioden und Wortwiederholungen. Die Motive kreisen Familie, Liebe, Krieg und das Leben in der Fremde.

Das Buch macht fühlbar, was das ist, Heimat. Wohlstand und Status haben damit nichts zu tun. Es sind die Menschen, die Tiere, die täglichen Wege, die Bäume, die Straßen, die Landschaft. Heimat ist das, was weh tut, wenn man daran denkt.

Monday, October 24, 2011

Margret de Moor - Der Maler und das Mädchen

Sehr schöner historischer Roman. Die Vitalität, das Gemäldehafte, die Landschaften, die Melancholie, das Staunen über die Schönheit des Lebens und dessen Ende. Die Bitterkeit.

Wednesday, October 19, 2011

Stark - The Dark Half - Stephen King

Neulektüre nach gut 20 Jahren. Diesmal im Original. Besser noch, als ich mich daran erinnere. Trotz der Länge eines von Kings kompakten Kammerspielen.

Schriftsteller gebiert geisterhaften Pseudonymzwilling und lässt diesen erfolgreiche Krimis schreiben. Als er den Doppelgänger symbolisch begraben will, kehrt der wieder, mordet und droht, die Herrschaft über das Doppel-Ich zu übernehmen. Einige Millionen Sperlinge bringen die Rettung.

Alles natürlich sehr poetologisch und autobiografisch natürlich. Einige Schwächen (die Beweislage gegen Thad Beaumont, die Telefoniererei, die Sperlingskiste, das Wühlen im Gedärm). Aber: immer noch frisches Leseerlebnis.

Der Film ist auch ganz in Ordnung.

Die Kunst des Erzählens - James Woods

Gutes, erhellendes Buch über das Geschichtenmachen und -lesen.

Wednesday, October 05, 2011

Christine - Stephen King

Gehe sie alle wieder durch, die King-Leseerlebnisse. Diesmal als Audible-Hörbuch.

Erinnere mich noch an die zwei, drei Tage, an denen ich das Buch vor 25 Jahren gefressen habe. Kein anderes Buch hat meinem Alter, dem Sound meines Alters so entsprochen, wie Christine.

Und es hat kaum etwas von seiner Frische eingebüßt. Sicherlich eines der besten Bücher Kings. Nirgends ist er besser, als im Erzählen von Freundschaften der Jugend.

Die Geschichte ist eine klassischer Teufelspaktplott: Junge verkauft seine Seele für eine Auto, das ihm Schönheit, Ansehen, Freiheit, Liebe bringt. Doch wie immer wendet sich der Pakt gegen den Nutznieser.

Als nächstes Stark.

Wednesday, September 21, 2011

In Thin Air - John Krakauer

Das packendste Buch in diesem Jahr vielleicht. Liegt am Stoff natürlich, was kann es pannenderes geben, als die Besteigung des Dachs der Welt. Würde das auch als Roman funktionieren?

Dachte an David Shields. Ganz in seiner Poetik.

Gedanke: Wie wäre es, diese Authentizität in einen fiktiven Werk zu imitieren? Und das vielleicht mit einen phantastischem Stoff. Hm.

Saturday, September 10, 2011

Open City - Teju Cole

Ich sah auf Kulturzeit einen Film über Teju Cole. Er lief durch New York und fotographierte wie blöd mit einer schönen alten, analogen Leica. Dabei erzählte er von seinen Wanderungen durch die Stadt und die unterschiedlichen Perspektiven, die sich ihm boten und den Menschen, die er sah und den Entdeckungen, die er machte. Zum Beispiel machte er darauf aufmerksam, dass der Central Park eine Art Neandertal der Sklaven ist, in dem vor kurzem tatsächlich auch geologische Ausgrabungen stattgefunden hatten, sich aber niemand wirklich dafür interessiere und der Ort der Vergessenheit so der Vergessenheit anheimfiel. Wie überhaupt so vieles ohne Gedächtnis war, ganz einfach, weil es kein Bauwerk gab, das an die Ereignisse erinnerte. Ich glaube, der Beitrag handelte allgemein von 9/11 und gar nicht so sehr von seinem Buch Open City und irgendwie war was er sagte ein Kommentar zum 10. Jahrestag der Ereignisse. Etwas gefiel mir an dem Beitrag. Ich weiß nicht, ob es das Motiv des Flanierens war oder die Ansichten des jungen Schwarzen oder auch nur die Stadt selbst und die Art und Weise, wie er sich durch sie bewegte und wie er sie sah.

Ich lud mir einen Auszug auf mein Kindle - übrigens noch in der selben Stunde, in der ich Jon Krakauers Into thin Air beendet hatte, das aufregenste und aufwühlenste Buch, das ich bis dato in diesem Jahr gelesen hatte.

Und gleich das erste Kapitel nahm mich gefangen. Die Beschäftigungen des einsamen Flaneurs waren mir vertraut: lange, ziellose Spaziergänge, lautes Lesen im Zimmer, Klassikradio, die Stimmen der Sprecher in der Nacht, Mahler, Gedichte auswendig lernen und vieles mehr.

Dann der Sebald-Ton, der Verzicht auf Plot, die lyrischen Essays, das Authentisch-Tagebuchhafte, der in die Prosa übergehende Rhythmus des Gehens durch Stadt und Geschichte - all das genau mein Blues.

Friday, September 09, 2011

Murakami 1Q84

Mein erster langer Murakami. Eine der besseren Lektüren dieses Jahr bis jetzt. Sehr fesselndes Buch.

Murakami hat eine ganz eigene Art die Sache anzugehen. Sehr handwerklich, sehr klar und auf ein Ziel gerichtet.

Ein Mann und eine Frau sind durch ein Ereignis in der Kindheit miteinander verbunden. Seither haben sie sich nicht mehr gesehen. Im Roman steuern sie aufeinander zu.

Was meine Bewunderung erregt, ist die Klarheit und geradezu klassische Komposition des Buches. Diesem Aufbau schein alles untergeordnet zu sein, auch der Stil. Dieser drängt sich nirgends auf, ja, es wirkt geradezu, als legte sich Murakami hier ganz bewusst äußerste Zurückhaltung auf. Ich glaube, dass das Absicht ist und dass sich hinter dieser Zurückhaltung ein großes künstlerisches Können verbirgt.

Erstmals aus dem Japanischen
Murakamis Bücher sind bislang immer aus dem Englischen übersetzt worden. Das hatte mich immer misstrauisch gemacht. Dies ist wohl das erste, das direkt aus dem Japanischen übertragen wurde. Ich denke, dass man Murakami so besser gerecht wird.

1Q84 scheint erst der Auftakt zu einer mehrbändigen Sache zu sein. Werde dran bleiben.


Monday, August 22, 2011

Monday, June 27, 2011

Der See - Gerhard Roth

Ein Pharmavertreter folgt einer Einladung seines Vaters für eine Angelpartie auf dem Neustädter See. Sie haben sich seit einem Menschenleben nicht mehr gesehen. Als er ankommt, ist der Vater verschwunden. Leichenteile treiben ans Ufer, Eck wird verdächtigt.

Alles ganz im Kahlschlag-Existenzialismus-Stil. Atmosphäre kaum erträglich. Alles spröde und gedankenleer. Will wohl ein Krimi sein. Plot dafür sehr dürr. Charaktere auch langweilig. Was soll das eigentlich? Mag diese Art reduzierter Literatur gar nicht mehr lesen.

Thursday, June 02, 2011

Reality Hunger - David Shields

1

Shields Gedanke: Wir wollen heute nur noch wirklichkeitsbasierte Literatur lesen. Damit meint er eine Mischform aus fiktionalen und nicht-fiktionalen Texten. Der Plot ist Nebensache, ja, er stört eigentlich das, wonach wir wirklich hungern: authentisches Material. Es geht also weniger um die Beschwörung einer Illusion (Flughafen-Bücher), sondern um Erkenntnis und kitzliges Wiedererkennen des Eigenen im Fremden.

So ist auch das Buch selbst gestrickt: Über 500 kurze Absätze mit Reflexionen, Listen, Sprüchen, erzählerischen Einschüben.

Und eigentlich unterscheidet sich der Haupttext kaum vom Quellen-Anhang, der sich liest, wie ein Abschnitt-Original-Shield:

Roland Barthes, Walter Benjamin, Friedrich Nietzsche, Goethe, J.M. Coetzee, Alain Robbe-Grillet, Herman Melville, Picasso, Jonathan Lethem, Cicero, Hemingway, Bob Dylan, Dave Eggers, Vladimir Nabokov, T.S. Eliot, W.G. Sebald, Ralph Waldo Emerson, Nicolson Baker, Charlie Parker, Theodor W. Adorno, Sören Kierkegaard, John Keats, Michel Montaigne, Michel Leiris, Sonny Rollins, Jorge Luis Borges…

2

Warum habe ich so schnell zugeschlagen und mir das Buch gleich am Abend gekauft? Weil ich da wohl eine Bestätigung gesehen habe. Ja, es stimmt, wenn ein Roman so richtig overtürenhaft anhebt, kann es sein, dass sich mit Sterbensmüdigkeit reagiere.

3

Angetan von der "Lesbarkeit" des Formats. Kurze durchnummerierte Abschnitte. Nur die verhältnismäßige Kürze scheint überhaupt noch lesbar. Ein Grauen vor den Textblöcken, in denen man ersäuft. Aber auch Resepekt. Sie spiegeln einem Unendliches vor. Und im Unendlichen erwarten wir Tiefe. Und in der Tiefe "wahre" Erkenntnis.

4

Ich betrachte jede Kunst als im Wesentlichen dokumentarisch. Alles ist immer schon erfunden; wir artikulieren, arrangieren lediglich. (201)

So auch der Doktor Faustus. Obwohl deutlich die fiktionale Formung allgegenwärtig. Maskenhaft? Am Rande des Funktionierens jedenfalls.

5

Vom Nutzer generierter Inhalt ist die neue Volkskunst.

6

Plots sind was für Tote. Technologien wie IBMs Watson machen deutlich, dass man so etwas in vielleicht nicht all zu ferner Zukunft auch maschinell herstellen kann. Prinzipiell tut man das ja schon. Story-Engineering lautet der Titel eines entsprechenden "Manuals" zur Herstellung von Geschichten.

7

Konnte das Buch nicht weglegen. Nach der Lektüre habe ich von vorne angefangen. Warum? Weil ich das Gefühl habe, dass da noch mehr Substanz ist, die ich noch nicht ausgeschöpft habe. Und für die es sich lohnt noch mal zurückzukommen.

8

Ist es richtig, der Gebrauchsanweisung des Buches zu folgen und den Anhang mit den Literaturangaben abzuschneiden? Warum eigentlich? Warum soll man nicht wissen, von wem es kommt? Die Literatur im Netz verweist doch auch mit Hyperlinks auf die Quellen der Gedanken. Es geht dabei weniger um Urheberrechte etc. pp. Sondern um die Möglichkeit, das gedankliche Netzwerk weiterknüpfen zu können. Mir hat es jedenfalls Spaß gemacht, das zu lesen.

Ein geschickter Schachzug wäre es gewesen, die komplette Liste unkommentiert, als Fließtext als letztes Kapitel in den Gesamtkorpus aufzunehmen.

9

Ein recht sympathisches Porträt, wie ich finde. Täusche ich mich oder gibt es eine winzige Ähnlichkeit zu Handke im Sprachduktus? Oder liegt das an den Überbleibseln des kindlichen Stotterns?


10

Hörte von dem Buch zum ersten Mal in einer Diwan-Besprechung. Das war auf einer kleinen, sommerlichen Radtour zum Geburtstag meines Schwagers. Ich dachte noch unterwegs: Das will ich lesen. Hier wird vielleicht ein Weg aufgezeigt, auf den auch ich gerne weiter wandern würde. Die Sterbenslangeweile, die mich manchmal beim Lesen der ersten Sätze neuer Romane ergreift, die Bemühtheit, die Durchschaubarkeit, das Verschwinden von Spaß, Spiel und Reizen aus manchen Büchern - für all diese Erfahrungen schien hier eine Erklärung. Als ich wieder zuhause war, habe ich sofort meinen Rechner angeworfen und geschaut, ob es als eBook verfügbar war. Und das war der Fall. Also geladen und schon konnte es losgehen. Ein Hoch auf das E-Reading.




Wilhelm Meister - J.W.Goethe

Im vierten oder fünften Anlauf endlich. Als eBook. Nietzsche sagt etwas in der Richtung, dass sich hier Bestes mit Lächerlichem grandios vermischt. Tatsächlich wirkt Meister unglaublich naiv und ungeschickt, manchmal geradezu plump gezeichnet.

Es gibt einige sehr schöne Ezählpassagen, etwa wenn Meister anfangs vor der Wohnung seiner Mariane herumschmachtet, während sich drinnen Liebhaber Nummer 1 zu schaffen macht. Da wechselt mit Gesprächen, in dem es viel Gescheites aber auch sehr viel Langweiliges zu hören gibt. Einiges ist auch genuin skuril: Mignon und Harfner wirkten manchmal geradezu kafkaesk.

W.M. als Erzähl-"Werk": Flotte Handlungsmotive wechseln mit Essays (in Gesprächen), wobei letztere etwa die Hälfte oder etwas mehr ausmachen. Es gibt eingesprengte Episoden anderer, insgesamt alles hybridisch-modern.

Und dann wieder altbacken und pseudoromantisch. Das ganze Sterben, Versöhnen und Zusammenkommen am Schluss ist Krampf.


Ein Sommer, der bleibt - Peter Kurzeck

Literatur als mündliche Überlieferung. Dieses Buch ist eine echte Sensation. Da ist tatsächlich einer, der ganz ursprünglich erzählen kann. Er sitzt da und erzählt seine Kindheit und alles ist in so reichen Farben, so voller berückender Details - die Holzpferde, nachts auf dem Fenstersims, die Spuren auf dem Teufelsstein, die voll Wasser laufen, das Brausepulver, das in die Linien der Handfläche rinnt -, dass man im wahrsten Sinne des Wortes verzaubert ist.

Er spricht den Text mit ganz minimalen Abweichungen wie gedruckt. Dennoch ist der Unterschied zu einer echten Lesung beträchtlich: viel unangestrengter für beide, Leser wie Sprecher.

Wednesday, May 18, 2011

Uwe Timm - Der Freitisch

Schöne Novelle über zwei in die Jahre gekommene Männer, die sich nach Jahren zufällig wiedertreffen. Die verschiedenen Lebensläufe. Was aus den Vorstellungen der Jugend geblieben ist (gar nicht so wenig), wie sich das verwandelt und teilweise erhalten hat. Gar nicht pessimistisch, eher nüchtern, aufgeräumt, abgeklärt. Stark erzählt.

Immer skeptisch, wenn sich zwei Männer in einer Erzählung "nur unterhalten." Schlechtes Beispiel: Am Hang. Timm aber ein Meister. Jeder Satz ein Treffer.

Hermann Löhns - Der Wehrwolf: Eine Bauernchronik

Brutale Romanchronik über Bauern im dreißigjährigen Krieg. Partisanenromantik. Alles schlicht direkt, roh, urwüchsig. Gespickt mit derb-bildstarkem Dialekt. Barbarisches Buch über barbarische Zeit. Daher stimmig. SAg ich jetzt mal ohne Tendenzabsicherung.

Monday, May 09, 2011

Meister der Dämmerung

Handke-Biografie. Ganz interessant: Sein Jähzorn, seine Unbeherrschtheit und das Reflektieren darüber.
Aber zu langes Tiefenpsychologisieren am Anfang. Zu wenig auch übers Werk.
Plötzlich aus.

Die Stunde zwischen Hund und Wolf - Silke Scheuermann

angesichts der vielen enthusiastischen Rezensionen enttäuschend. Belanglose Schwestern-Geschichte mit der üblichen Rivalität und wenig Überraschungen. Würde mit keiner Figur ein Bier trinken wollen, lauter echauffierte, hysterische Typen. Ein paar nette Beobachtungen, die zu gut für die ganz und gar vorhersehbare Geschichte. Vielleicht unabhängig davon aus der Notizkladde genommen? Ebenso ein paar Dialogfetzen, die wie um des Effektes eingesetzt wirken. Keine Formale Innovation, nichts Neues. Letztlich kalt.

Friday, April 22, 2011

Die Villa am Rande der Zeit - Goran Petrovic

Student erhält ungewöhnliches Angebot: Er soll ein älteres Buch lektorieren. Bei der Lektüre findet er sich unversehens selbst mitten in dem Roman wieder und begegnet anderen Lesern. Prallelweltenliebeleien und Mordfälle.

Etwas im Stile von Der Schatten des Windes, nur fantastischer. Aber wie das so mit diesen Büchern ist: Hat man das Prinzip ein Mal erfasst, kommt schnell Langeweile auf.

Wednesday, April 06, 2011

Godfather - Drehbuch

Erste Drehbuchlektüre. Begeistert.

Möglich wird diese ungetrübte Lektüre einmal mehr durch das eBook.

Wölfe - Hilary Mantel

Tolle Charakterstudie, sehr dichte Atmosphäre.
Sah dazu die Tudors-Serie, die die perfekte Ausstattung dazu liefert.

Ein Buch sicherlich zum Wiederlesen.

(Fing es als Hardcover an, beendete es als eBook. Bin begeistert über meinen Reader.)

Friday, March 25, 2011

Wer hat Angst vor Stephen King - Uwe Anton

Ziemlich mauer Stephen King-Werksführer. Wollte damit meine Lücke zu Kings mittleren Jahren füllen. Festgestellt: scheinbar nicht viel verpasst.

Aber für wen ist das Buch eigentlich? Fans hat es nichts Neues zu berichten. Die anderen werden sich über die ganzen Spoiler ärgern.

Thommyknockers - Stephen King

Ich weiß nicht, warum ich mir eingebildet habe, gerade dieses Buch noch einmal zu lesen. Es waren wohl die beiden Hauptfiguren, Gardner und Bobby Anderson. Mariginal interessant die Kernkraft- und Kontaminierungsproblematik. Am Ende ziemlich verunglückt alles.

Friday, March 04, 2011

Die Arena - Stephen King

Die Arena - The Dome - ist das beste Stephen King-Buch, das ich seit Langem gelesen habe. Duma Key und Sunset waren ernüchternd. Lisey' Story war in Ordnung. Aber The Dome knüpft definitiv an die großen Epen It und The Stand an. Plastische Charaktäre und eine Geschichte, so dicht und zwingend wie eine griechische Tragödie. Das ist aller bester King.

In einigen Rezensionen wurde das politisch Lehrstückhafte des Romans moniert. Ich finde da gar nichts zu monieren. Hier ist einer der seltenen Fälle, wo das Politische und das Epische fast völlig deckungsgleich sind. Ich kenne keinen Roman, der den Zustand der Welt und die Ängste, die sie einem einjagt, so umfassend und schnörkellos in eine Geschichte gegossen hat. Klimaerwärmung, Umweltverschmutzung, Bürgerengagement, Spielarten der Macht, alles kommt vor. Allein, wie das Thema Nachhaltigkeit durchgespielt wird, ohne, dass der Begriff ein einziges Mal fällt, ist bewunderungswürdig. Und das ohne Vorsatz. Einfach, weil es eine verdammt gute Geschichte ist.

Bei Audible.de gibt es die Hörbuchlesung von David Nathan. Die Fassung ist unbedingt empfehlenswert, einer der besten Leser derzeit überhaupt. Er schafft es, jeder der zahllosen Figuren eine eigene Stimme zu geben, ohne dass sich das Sprecherego unangenehm der eigenen Vorstellung aufdrängt. Und er liest mit sehr viel Gefühl für Stimmung und Tempo.

Die Arena zeigt: Stephen King läuft wieder zur Hochform auf. Man darf gespannt sein, auf seinen angekündigten Kennedy-Roman.

Friday, January 28, 2011

Der Master von Ballantrae


Roman von R.L. Stevenson in der sehr schönen Mare-Ausgabe.

Klassiker mit gelungener Variante des modernen Milton-Satans.

Zone

Erstes Buch.
Zone: Mittelmeer als Schauplatz von Krieg und Leid seit 2000 Jahren. Von Troja bis zu den Jugoslawienkriegen.

Betörend düsterer Bewusstseinsstrom eines modernen Kriegers.

Monday, January 10, 2011

Ein Kind - Thomas Bernhard

Einfach mal aus dem Regal gezogen. Dann mit Genuss gelesen. Es ist bei Bernhard einfach der Ton. Den kann man zwar nicht immer ertragen. Aber hin und wieder wirkt er wie ein reinigendes Bad.

Um was geht es: Ausschnitte einer Kindheit, teilweise satirisch. Viel Spießbürgerei, viel Abwatschen. Die starke Gegenfigur ist der schriftstellernde Großvater.

Man staunt über die Kargheit und Enge der Verhältnisse. Eine Kindheit in Armut. Dazu Bettnässerei, Mobbing, Unverständnis, Draußen-Stehen. Aus dem ganzen Ungemach blüht dann hin und wieder etwas auf: Eine Freundschaft, die Prinzipien des Großvaters, anderes.

Freu mich auf die anderen Bände der Autobiografie.

Sunday, January 09, 2011

Glister

Sehr schönes, düsteres Buch von Burnside. Allerdings bricht am Ende die Handlung zusammen. Trotzdem, werde alles von ihm lesen.

Sunday, December 12, 2010

Bernard Cornwell - Das letzte Königreich

Ich weiß nicht, woran es liegt, läuft mir aber um einiges schwerer rein, als alle seine Artus-Sachen.

Aber trotzdem noch starkes, kräftiges Lesefutter.

Interessanter Typ, dieser Bernard Cornwell. Fand vor kurzem dieses Video, das zeigt, was er für ein cooler Bursche ist.


Zusuzsa Bánk - Der Schwimmer

Ziellos Bücher aus dem Regal genommen. Und wieder in die Lücke geschoben. Bienecks Gleiwitzer Tetralogie zum Beispiel. Das ich bestimmt auch irgendwann lesen werden. Wahrscheinlich hat mich der Klappentext von Jan Knopf abgestoßen, der sich an die Blechtrommel erinnert fühlte. Und, Oberschlesien. Das kann man auch nicht immer ab.

Bei B dann auf Zsuzsa Bánks Roman Der Schwimmer gestoßen. Habe das Buch schon oft in der Hand gehabt. Die Aufmachung gefällt mir nicht. So eine Sommer-Sonder-Edition. Lieblos, aber billig. Der Kassenzettel ist noch drinnen - 28.11.06. 3.95. Modernes Antiquariat.

Jedenfalls sofort 50 Seiten gelesen. Manche Bücher haben es einfach. Die Sprache, den Ton, den Rhythmus.

Geschichte zweier Kinder in Ungarn, deren Mutter rüber gemacht hat. Der Vater flieht ruhelos durch das Land. Alles sehr provinziell, pre-kapitalistisch, vor oder zwischen den Aufständen.

Tolle Einzelheiten: Der Bruder legt sein Gesicht auf den warmen Asphalt. Wenn er den Kopf hebt, kleben Steinchen an seiner Wange oder der Klebestreifen, der an der Lampe hängt und schwarz von Fliegen ist.

Thursday, November 25, 2010

Tolstoi - Familienglück

Zum Tolstoitodestag eine lange Erzählung. Eine sehr junge Frau liebt einen nicht mehr ganz jungen Mann. Sie heiraten und sind glücklich. Aber dann wird ihr das Landleben zu langweilig und der Mann lässt sie am giftigen Gesellschaftsleben nippen. Jetzt ziehen sie in die Stadt, gehen auf Partys und so weiter. Darüber verfliegt dann alles, Liebe und Glück. Aber nach dem die Frau ihre Erfahrungen gemacht hat, kehrt sie zu ihm zurück und beide finden ein reifes Glück. Oder so.

Sehr schöne Stimmungsbilder, Präzision der Beziehung und ihrer Entwicklung. Am Ende dann alles doch etwas vom Moralismus verdorben.

Obwohl er sicher recht hat. Aber Rechthaber nerven auch immer ein wenig.

Saturday, November 13, 2010

Benjamin Kunkel - Unentschlossen

Benjamin Kunkel also. Unentschlossen. Der Titel des Romans ist schon mal sehr ansprechend. Habe ihn in einem Rutsch durchgelesen.

Es ist jedenfalls wieder einer dieser amerikanischen Romane, die verdammt gut geschrieben sind. Das gibt es hier gar nicht, diesen lockeren Ton, der dennoch so viele Bilder im Kopf entsehen lässt und gleichzeitig auf einer Handlung basiert, die "straight" zur Sache kommt.
Dieses "Staight"-Leseerlebnis ist haargenau das selbe, das ich schon damals als Student hatte, als ich noch keinen Fernseher hatte und die Bücher danach auswählte, was mir am Abend die bestmögliche Unterhaltung liefern würde. Die Highlights damals waren so weit ich mich erinnere: Der Ghostwriter von P. Roth und Rabbit in Ruhe von J. Updike. Ja und natürlich Nabokovs Ada und Lolita, obwohl das irgendwie eine andere, europäische Kategorie ist.

Unentschlossen also. Der Titel ist Programm: Dwight, ein Endzwanziger, Philosophie-Absolvent, verliert seinen Job im Technical-Support einer Pharma-Firma und versucht daraufhin, sein Leben auf die Reihe zu bekommen. Sein Problem: Er leidet an chronischer Unentschlossenheit. Dagegen nimmt er ein Medikament, das sich am Ende freilich als Plazebo erweist (solche Pillen sind in allen Romanen immer Plazebos). Wichtiger aber ist, dass er eine Reise nach Südamerika macht, um seine Jugendliebe Natascha zu treffen. Diese Reise verändert ihn von Grund auf. Statt Natascha erwartet ihn eine andere Frau, mit der er einen irren Tripp durch den Dschungel Ecuadors macht. Nach einigem hin und her verlieben sie sich ineinander. Der Roman endet damit, dass er sich zum demokratischen Sozialismus bekennt und in Bolivien gegen die von der USA gestützen Militärdiktatur arbeitet.

Das ist die Handlung. Sie ist es aber noch lange nicht, die das Buch zu einem lesenwerten Buch macht.

Die Gründe, die für die Lektüre sprechen, liegen auf anderen Ebenen: der der Sprache und der der Hauptgestalten.

Die Sprache des Buches ist es, was dem Leser auf jeder Seite Genuss verschafft. Alles ist unglaublich pointiert und gekonnt, die Metaphern frisch.
Ich schlage wahllos irgendeine Seite auf.
Und doch verkörperte die Beachtung, die wir Mister schenkten, eine Eltern-Kind-Basis, die vermuten ließ, dass in unserer Familie unter der Hand große Mengen erstklassiger Liebesgefühle kursierten, wenn wir so mit unserem Hund umgingen - so lieb er auch war. Unsere Gefühle für Mister waren wohl irgendwie der Maßstab für unsere Herzen.
Mister, das ist der Hund. Ganz locker werden hier aus etwas Gegenständlichem (ok, es ist ein lebendiger Hund), komplexe emotionale Verhältnisse verdichtet.

Der andere Grund für das Buch liegt wie gesagt in den Figuren, namentlich in der Hauptfigur und seiner Freundin Brigid. Sie haben ihre Schwächen und Eigenarten und sind mit Gefühl für Details gestaltet (Dwights Klamotten, sein schüchternes Dandytum etc.)

Alles in allem eine sehr lauschenswerte neue Erzählstimme aus Amerika.



Saturday, November 06, 2010

Norbert Gstrein - Die ganze Wahrheit

Irgendwie unangenehmer Schlüsselroman über ein Literaturbetriebsmonster.

Friday, November 05, 2010

Das böse Mädchen - Mario Vargas Llosa

Nobelpreisträgerbuch, das in Reichweite lag, hübsche Idee: Das böse Mädchen taucht in jeder Lebensepoche auf, beschert Glück und Unglück und stirbt am Ende in seinen Armen.

Verwandlungen, Lebensleitmotiv.

Spitzbuben - William Faulkner


Eine dieser schönen Geschichten, in denen ein Junge und ein paar andere schräge Gestalten sich auf unerlaubte Pfade machen: Sie nehmen sich Großvaters Auto und starten damit eine Odysee durch die Südstaaten. Die Zutaten dieses famosen Abenteuergerichts: Ein Bordell in Memphis, ein Rennpferd, eine Wette, ein gestohlenes Auto, fiese Scheriffs, schlitzohrige Ex-Sklaven usw. Dabei geht es - etwas zu deutlich vielleicht - um die Mannwerdung des Erzählers, der hier erstmals die feine Linie zwischen Ordnung und Chaos übertritt.

Für mich eines der besten Faulkner Bücher in der kleinen Reihe, die ich gerade durch-lesen habe:
  • Es ist eine von diesen schönen Tom Sawyer und Huckelberry Finn-Geschichten, die man fast immer gerne liest.
  • Es gibt sehr viele sehr schöne Beispiele von Menschlichkeit in dem Buch: Lucius zum Beispiel, der Pferdespezialist, der auf der gesellschaftlichen Rangleiter ganz unten steht, sich aber durch seine Kenntnisse Anerkennung von ganz oben erringt.
  • Die Sprache Faulkners ist trotz der Leichtigkeit des Stoffes von diesem altersweisen Moralismus geprägt, der bei anderen sehr übel sein kann, bei Faulkner aber immer glaubwürdig und echt klingt.
  • Es ist Faulkners letztes Buch. Und letzte Bücher sind immer irgendwie etwas Besonderes.

Übrigens: Das Buch steht schon seit mindestens zehn Jahren in meinem Regal. Habe mehrere Anläufe gebraucht. Scheint so, dass auch im Faulkner-Leser eine Struktur heranreifen muss, um ihn besser zu fassen.

Der Nachsommer - Adalbert Stifter

Höre eine großartige Lesung von Joachim Schmidt, der das ganz ruhig und klar liest und man sich angenehm getragen fühlt auf dieser Donau von einem epischen Werk.

Das darin nichts aufregendes passiert, das ist seltsamer Weise das interessante. Nach und nach merkt man aber doch, dass sich klitzkleine Friktionen einstellen. Ein zu langer Blick auf in ein, man muss wohl Antlitz sagen, eine unerklärliche Ruhelosigkeit, nicht mehr.


Manchmal hört es sich für den heutigen Leser wie eine Parodie an.

Bei manchen Büchern wünscht man sich ja fast (insgeheim), dass mal nichts Dramatisches geschieht. Verzicht auf den immer irgendwie angestrengten Plot. Ideal des ereignislosen Romans. Hier wird das verwirklicht.

Der Stil ist natürlich großartig, auch wenn heutige Schreibschulen einiges einzuwenden hätten. Aber es wirkt, es atmet, selbst wenn es reinster Kanzleienstil ist.

Ein Lektor würde heute anfangen zu kürzen: die Mitteilung, dass der Held beim nächsten Besuch das selbe Zimmer bezieht, das ebenso reinlich ist, wie beim ersten Mal; dass sie, nachdem sie zusammen gemalt haben, das Gerät dazu wieder brav aufräumen etc. Dann aber würde er merken, dass er damit das vielleicht Entscheidende aus dem Gewebe entfernt und das mit der Vermittlung von Zeit zu tun hat: Die Schönheit des Flusses ist die Breite seines Fließens.

Einige Textstellen, hier schreibt er sehr schön und geradezu weihevoll über "die Dichter":

Ich sprach mit meinem Gastfreunde auch von den Dichtern...

»Ich habe diese Bücher gesammelt«, sagte er, »nicht als ob ich sie alle verstände; denn von manchen ist mir die Sprache vollkommen fremd; aber ich habe im Verlaufe meines Lebens gelernt, daß die Dichter, wenn sie es im rechten Sinne sind, zu den größten Wohltätern der Menschheit zu rechnen sind. Sie sind die Priester des Schönen und vermitteln als solche bei dem steten Wechsel der Ansichten über Welt, über Menschenbestimmung, über Menschenschicksal und selbst über göttliche Dinge das ewig Dauernde in uns und das allzeit Beglückende. Sie geben es uns im Gewande des Reizes, der nicht altert, der sich einfach hinstellt und nicht richten und verurteilen will. Und wenn auch alle Künste dieses Göttliche in der holden Gestalt bringen, so sind sie an einen Stoff gebunden, der diese Gestalt vermitteln muß: die Musik an den Ton und Klang, die Malerei an die Linien und die Farbe, die Bildnerkunst an den Stein, das Metall und dergleichen, die Baukunst an die großen Massen irdischer Bestandteile, sie müssen mehr oder minder mit diesem Stoffe ringen; nur die Dichtkunst hat beinahe gar keinen Stoff mehr, ihr Stoff ist der Gedanke in seiner weitesten Bedeutung, das Wort ist nicht der Stoff, es ist nur der Träger des Gedankens, wie etwa die Luft den Klang an unser Ohr führt. Die Dichtkunst ist daher die reinste und höchste unter den Künsten. Da ich nun meine, daß es so ist, wie ich sage, so habe ich die Männer, welche die Stimme der Zeiten als große in der Kunst des Dichtens bezeichnete, hier zusammengestellt. Ich habe Dichter in fremden Sprachen, die ich nicht verstand, dazu getan, wenn ich nur wußte, daß sie in der Geschichte ihres Volkes vorzüglich genannt werden, und wenn ich von einem Fachmanne das Zeugnis hatte, daß ich in dem Buche den Dichter besitze, den ich meine. Sie mögen unverstanden hier stehen oder es man wohl einer oder der andere in diesen Saal kommen, der manchen versteht und liest. Ich habe wohl auch solche Bücher hieher gestellt, die mir gefallen, das Urteil der Zeit mag anders lauten oder erst festzustellen sein. In diesen Büchern habe ich viel Glück gefunden und in dem Alter fast noch mehr als in der Jugend. Wenn auch die Jugend die Worte aus einem goldenen Munde mit einem Sturme und mit Entzücken aufnimmt, wenn sie auch dieselben mit einer Art Schwärmerei und mit Sehnsucht in dem Busen trägt, so ist es doch fast stets mehr die Wärme des eigenen Gefühles, die sie empfindet, als daß sie die fremde Weisheit und Größe in ein besonnenes, betrachtendes, abwägendes Herz aufnehmen könnte. Ihr seid selber jung, und die Tiefe und Innigkeit der Dichtung mag euch fördern und euer Herz jedem künftigen Großen öffnen, wie die reine Dichtkunst das immer an der Jugend tut; aber ihr werdet selber einmal sehen, um wie viel milder und klarer die verglühende Sonne des Alters in die Größe eines fremden Geistes leuchtet als die feurige Morgensonne der Jugend, die alles mit ihrem Glanze färbt, so wie es eine Tatsache ist, daß die innige, wahre und treue Liebe der alternden Gattin fester und dauernder beglückt als die lodernde Leidenschaft der jungen, schönen, schimmernden Braut. Die Jugend sieht in der Dichtung die eigene Unbegrenztheit und Unendlichkeit der Zukunft, diese verhüllt die Mängel und ersetzt das Abgängige. Sie dichtet in das Kunstwerk, was im eignen Herzen lebt.

Natürlich gibt es die typische Einschränkung für die Jugend:

"Daher kömmt die Erscheinung, daß Werke von bedeutend verschiedener Geltung die Jugend auf gleiche Art entzücken können, und daß Erzeugnisse höchster Größe, wenn sie keine Wiederspieglung der Jugendblüte sind, nicht erfaßt werden können. In dem Alter werden selbst solche Glanzstellen der Jugend, die schon sehr ferne liegen, wie etwa die Sehnsucht der ersten Liebe mit ihrer Dunkelheit und Grenzenlosigkeit, oder wie die holde und berauschende Seligkeit der Gegenliebe, oder die Träume künftiger Taten und künftiger Größe, der Blick in ein unendliches, erst kommendes Leben, oder wie das erste Stammeln in irgend einer Kunst, von dem Greise in dem sanften Spiegel seiner Erinnerung beglückender aufgefaßt als von dem Jünglinge, der sie in dem Brausen seines Lebens überhört, und an der grauen Wimper mag manche beseligendere und mitunter schmerzlichere Träne hängen als der feurige Funke, der in überwältigender Empfindung aus dem Auge des Jünglings springt und keine Spur hinterläßt.

Dann geht es um das "reife" Lesen:

"Ich lese jetzt selten mehr die größten Geister im Zusammenhange - mit kleineren tue ich es wohl, weil sie in einzelnen Stellen minder bedeutend sind -, aber ich lese immer in ihnen und werde wohl bis zu meinem Lebensende in ihnen lesen. Sie begleiten mich mit ihren Gedanken wie mit großen Erquickungen durch den Rest meines Lebens und werden mir wohl, wie ich ahne, an der dunkeln Pforte Kränze aufhängen, als wären sie von meinen eigenen Rosen geflochten."

Die Dichter stehen ihm auch über den Philosophen:

"Da ich von der Weisheitslehre sprach, welche man in unserem deutschen Lande noch immer als Weisheitsliebe mit dem griechischen Worte Philosophie bezeichnet, muß ich euch sagen, was ihr wohl vielleicht schon aus anderen Reden von mir gemerkt haben mögt, daß ich nicht gar sehr viel auf sie halte, wenn sie in ihrem eigenen und eigentümlichen Gewande auftritt. Ich habe alte und neue Werke derselben mit gutem Willen durchgenommen; aber ich habe mich zu viel mit der Natur abgegeben, als daß ich auf ledigliche Abhandlungen ohne gegebener Grundlage viel Gewicht legen könnte, ja sie sind mir sogar widerwärtig. Vielleicht reden wir noch ein anderes Mal von dem Gegenstande. Wenn ich je einige Weisheit gelernt habe, so habe ich sie nicht aus den eigentlichsten Weisheitsbüchern, am wenigsten aus den neuen - jetzt lese ich gar keine mehr - gelernt, sondern ich habe sie aus Dichtern genommen oder aus der Geschichte, die mir am Ende wie die gegenständlichste Dichtung vorkömmt.«

Der Gastfreund ist natürlich ein richtig satter Vielleser:

"Als ich meinen Gastfreund so reden hörte, erinnerte ich mich, daß ich ihn in der Tat viel lesen gesehen habe. Oft war er mit einem Buche unter einem schattigen Baume gesessen oder in rauherer Jahreszeit auf einer sonnigen Bank, oft hatte er sich mit einem auf einen Spaziergang begeben, er ist sehr häufig in dem Lesezimmer gewesen, und er trug Bücher in seine Arbeitsstube. Als wir die letzte Fahrt in den Sternenhof gemacht hatten, hatte er Bücher mitgenommen, und ich glaube von Gustav gehört zu haben, daß er auf jede Reise Bücher einpacke."

Kurios: Der Gastfreund berät den Erzähler. Er sei zu festgelegt, solle sich noch breiter aufstellen. Sprich: noch
mehr Muse, neue Dinge auf sich zu kommen lassen. Dabei kann man sich beim besten Willen keinen breiteren Bildungswanderer vorstellen. Aber - und da ist Stifter doch seht exakt, präziser als der Leser - im Folgenden setzt der Erzähler mit der ihm eigenen Konsequenz den Rat in die Tat um und jetzt dämmert auch dem heutigen Leser, was gemeint ist. Denn ihm fehlt Welterfahrung. Und so schließt er sich in der Stadt allerlei Kreisen und Gesellschaften an. Sehr berechnend. Es fröstelt einen manchmal bei diesem Ideal.

Nun also. Eine reine Welt, konfliktfrei bis zur Grenze der Sterilität. Es ist noch einmal so ein Fall, bei dem einer alles in sein Buch gesteckt hat.