
"Ich würde ganz gern - warum denn nicht - einen Ausflug mit einer Gesellschaft von lauter Niemand machen."
Ein Blog über das Stöbern im Grenzland zwischen U und E. Ausflüge ins Landesinnere inklusive.

"Ich würde ganz gern - warum denn nicht - einen Ausflug mit einer Gesellschaft von lauter Niemand machen."
Ein gutes Buch, ein bewegendes Buch. Die Sprache ist melodisch, rhythmisch, wie man sagt, mit langen Perioden und Wortwiederholungen. Die Motive kreisen Familie, Liebe, Krieg und das Leben in der Fremde.
Das Buch macht fühlbar, was das ist, Heimat. Wohlstand und Status haben damit nichts zu tun. Es sind die Menschen, die Tiere, die täglichen Wege, die Bäume, die Straßen, die Landschaft. Heimat ist das, was weh tut, wenn man daran denkt.
Gehe sie alle wieder durch, die King-Leseerlebnisse. Diesmal als Audible-Hörbuch.
Erinnere mich noch an die zwei, drei Tage, an denen ich das Buch vor 25 Jahren gefressen habe. Kein anderes Buch hat meinem Alter, dem Sound meines Alters so entsprochen, wie Christine.
Und es hat kaum etwas von seiner Frische eingebüßt. Sicherlich eines der besten Bücher Kings. Nirgends ist er besser, als im Erzählen von Freundschaften der Jugend.
Die Geschichte ist eine klassischer Teufelspaktplott: Junge verkauft seine Seele für eine Auto, das ihm Schönheit, Ansehen, Freiheit, Liebe bringt. Doch wie immer wendet sich der Pakt gegen den Nutznieser.
Als nächstes Stark.
1
Shields Gedanke: Wir wollen heute nur noch wirklichkeitsbasierte Literatur lesen. Damit meint er eine Mischform aus fiktionalen und nicht-fiktionalen Texten. Der Plot ist Nebensache, ja, er stört eigentlich das, wonach wir wirklich hungern: authentisches Material. Es geht also weniger um die Beschwörung einer Illusion (Flughafen-Bücher), sondern um Erkenntnis und kitzliges Wiedererkennen des Eigenen im Fremden.
So ist auch das Buch selbst gestrickt: Über 500 kurze Absätze mit Reflexionen, Listen, Sprüchen, erzählerischen Einschüben.
Und eigentlich unterscheidet sich der Haupttext kaum vom Quellen-Anhang, der sich liest, wie ein Abschnitt-Original-Shield:
Roland Barthes, Walter Benjamin, Friedrich Nietzsche, Goethe, J.M. Coetzee, Alain Robbe-Grillet, Herman Melville, Picasso, Jonathan Lethem, Cicero, Hemingway, Bob Dylan, Dave Eggers, Vladimir Nabokov, T.S. Eliot, W.G. Sebald, Ralph Waldo Emerson, Nicolson Baker, Charlie Parker, Theodor W. Adorno, Sören Kierkegaard, John Keats, Michel Montaigne, Michel Leiris, Sonny Rollins, Jorge Luis Borges…
2
Warum habe ich so schnell zugeschlagen und mir das Buch gleich am Abend gekauft? Weil ich da wohl eine Bestätigung gesehen habe. Ja, es stimmt, wenn ein Roman so richtig overtürenhaft anhebt, kann es sein, dass sich mit Sterbensmüdigkeit reagiere.
3
Angetan von der "Lesbarkeit" des Formats. Kurze durchnummerierte Abschnitte. Nur die verhältnismäßige Kürze scheint überhaupt noch lesbar. Ein Grauen vor den Textblöcken, in denen man ersäuft. Aber auch Resepekt. Sie spiegeln einem Unendliches vor. Und im Unendlichen erwarten wir Tiefe. Und in der Tiefe "wahre" Erkenntnis.
4
Ich betrachte jede Kunst als im Wesentlichen dokumentarisch. Alles ist immer schon erfunden; wir artikulieren, arrangieren lediglich. (201)
So auch der Doktor Faustus. Obwohl deutlich die fiktionale Formung allgegenwärtig. Maskenhaft? Am Rande des Funktionierens jedenfalls.
5
Vom Nutzer generierter Inhalt ist die neue Volkskunst.
6
Plots sind was für Tote. Technologien wie IBMs Watson machen deutlich, dass man so etwas in vielleicht nicht all zu ferner Zukunft auch maschinell herstellen kann. Prinzipiell tut man das ja schon. Story-Engineering lautet der Titel eines entsprechenden "Manuals" zur Herstellung von Geschichten.
7
Konnte das Buch nicht weglegen. Nach der Lektüre habe ich von vorne angefangen. Warum? Weil ich das Gefühl habe, dass da noch mehr Substanz ist, die ich noch nicht ausgeschöpft habe. Und für die es sich lohnt noch mal zurückzukommen.
8
Ist es richtig, der Gebrauchsanweisung des Buches zu folgen und den Anhang mit den Literaturangaben abzuschneiden? Warum eigentlich? Warum soll man nicht wissen, von wem es kommt? Die Literatur im Netz verweist doch auch mit Hyperlinks auf die Quellen der Gedanken. Es geht dabei weniger um Urheberrechte etc. pp. Sondern um die Möglichkeit, das gedankliche Netzwerk weiterknüpfen zu können. Mir hat es jedenfalls Spaß gemacht, das zu lesen.
Ein geschickter Schachzug wäre es gewesen, die komplette Liste unkommentiert, als Fließtext als letztes Kapitel in den Gesamtkorpus aufzunehmen.
9
Ein recht sympathisches Porträt, wie ich finde. Täusche ich mich oder gibt es eine winzige Ähnlichkeit zu Handke im Sprachduktus? Oder liegt das an den Überbleibseln des kindlichen Stotterns?
10
Hörte von dem Buch zum ersten Mal in einer Diwan-Besprechung. Das war auf einer kleinen, sommerlichen Radtour zum Geburtstag meines Schwagers. Ich dachte noch unterwegs: Das will ich lesen. Hier wird vielleicht ein Weg aufgezeigt, auf den auch ich gerne weiter wandern würde. Die Sterbenslangeweile, die mich manchmal beim Lesen der ersten Sätze neuer Romane ergreift, die Bemühtheit, die Durchschaubarkeit, das Verschwinden von Spaß, Spiel und Reizen aus manchen Büchern - für all diese Erfahrungen schien hier eine Erklärung. Als ich wieder zuhause war, habe ich sofort meinen Rechner angeworfen und geschaut, ob es als eBook verfügbar war. Und das war der Fall. Also geladen und schon konnte es losgehen. Ein Hoch auf das E-Reading.
Im vierten oder fünften Anlauf endlich. Als eBook. Nietzsche sagt etwas in der Richtung, dass sich hier Bestes mit Lächerlichem grandios vermischt. Tatsächlich wirkt Meister unglaublich naiv und ungeschickt, manchmal geradezu plump gezeichnet.
Es gibt einige sehr schöne Ezählpassagen, etwa wenn Meister anfangs vor der Wohnung seiner Mariane herumschmachtet, während sich drinnen Liebhaber Nummer 1 zu schaffen macht. Da wechselt mit Gesprächen, in dem es viel Gescheites aber auch sehr viel Langweiliges zu hören gibt. Einiges ist auch genuin skuril: Mignon und Harfner wirkten manchmal geradezu kafkaesk.
W.M. als Erzähl-"Werk": Flotte Handlungsmotive wechseln mit Essays (in Gesprächen), wobei letztere etwa die Hälfte oder etwas mehr ausmachen. Es gibt eingesprengte Episoden anderer, insgesamt alles hybridisch-modern.
Und dann wieder altbacken und pseudoromantisch. Das ganze Sterben, Versöhnen und Zusammenkommen am Schluss ist Krampf.
Literatur als mündliche Überlieferung. Dieses Buch ist eine echte Sensation. Da ist tatsächlich einer, der ganz ursprünglich erzählen kann. Er sitzt da und erzählt seine Kindheit und alles ist in so reichen Farben, so voller berückender Details - die Holzpferde, nachts auf dem Fenstersims, die Spuren auf dem Teufelsstein, die voll Wasser laufen, das Brausepulver, das in die Linien der Handfläche rinnt -, dass man im wahrsten Sinne des Wortes verzaubert ist.
Er spricht den Text mit ganz minimalen Abweichungen wie gedruckt. Dennoch ist der Unterschied zu einer echten Lesung beträchtlich: viel unangestrengter für beide, Leser wie Sprecher.
Schöne Novelle über zwei in die Jahre gekommene Männer, die sich nach Jahren zufällig wiedertreffen. Die verschiedenen Lebensläufe. Was aus den Vorstellungen der Jugend geblieben ist (gar nicht so wenig), wie sich das verwandelt und teilweise erhalten hat. Gar nicht pessimistisch, eher nüchtern, aufgeräumt, abgeklärt. Stark erzählt.
Immer skeptisch, wenn sich zwei Männer in einer Erzählung "nur unterhalten." Schlechtes Beispiel: Am Hang. Timm aber ein Meister. Jeder Satz ein Treffer.
Student erhält ungewöhnliches Angebot: Er soll ein älteres Buch lektorieren. Bei der Lektüre findet er sich unversehens selbst mitten in dem Roman wieder und begegnet anderen Lesern. Prallelweltenliebeleien und Mordfälle.
Etwas im Stile von Der Schatten des Windes, nur fantastischer. Aber wie das so mit diesen Büchern ist: Hat man das Prinzip ein Mal erfasst, kommt schnell Langeweile auf.
Ziemlich mauer Stephen King-Werksführer. Wollte damit meine Lücke zu Kings mittleren Jahren füllen. Festgestellt: scheinbar nicht viel verpasst.
Aber für wen ist das Buch eigentlich? Fans hat es nichts Neues zu berichten. Die anderen werden sich über die ganzen Spoiler ärgern.
Die Arena - The Dome - ist das beste Stephen King-Buch, das ich seit Langem gelesen habe. Duma Key und Sunset waren ernüchternd. Lisey' Story war in Ordnung. Aber The Dome knüpft definitiv an die großen Epen It und The Stand an. Plastische Charaktäre und eine Geschichte, so dicht und zwingend wie eine griechische Tragödie. Das ist aller bester King.
In einigen Rezensionen wurde das politisch Lehrstückhafte des Romans moniert. Ich finde da gar nichts zu monieren. Hier ist einer der seltenen Fälle, wo das Politische und das Epische fast völlig deckungsgleich sind. Ich kenne keinen Roman, der den Zustand der Welt und die Ängste, die sie einem einjagt, so umfassend und schnörkellos in eine Geschichte gegossen hat. Klimaerwärmung, Umweltverschmutzung, Bürgerengagement, Spielarten der Macht, alles kommt vor. Allein, wie das Thema Nachhaltigkeit durchgespielt wird, ohne, dass der Begriff ein einziges Mal fällt, ist bewunderungswürdig. Und das ohne Vorsatz. Einfach, weil es eine verdammt gute Geschichte ist.
Bei Audible.de gibt es die Hörbuchlesung von David Nathan. Die Fassung ist unbedingt empfehlenswert, einer der besten Leser derzeit überhaupt. Er schafft es, jeder der zahllosen Figuren eine eigene Stimme zu geben, ohne dass sich das Sprecherego unangenehm der eigenen Vorstellung aufdrängt. Und er liest mit sehr viel Gefühl für Stimmung und Tempo.
Die Arena zeigt: Stephen King läuft wieder zur Hochform auf. Man darf gespannt sein, auf seinen angekündigten Kennedy-Roman.

Und doch verkörperte die Beachtung, die wir Mister schenkten, eine Eltern-Kind-Basis, die vermuten ließ, dass in unserer Familie unter der Hand große Mengen erstklassiger Liebesgefühle kursierten, wenn wir so mit unserem Hund umgingen - so lieb er auch war. Unsere Gefühle für Mister waren wohl irgendwie der Maßstab für unsere Herzen.

Kundera hat eine eigene, sehr eingängige Theorie des Romans entwickelt. Irgendwo zwischen Philosophie und Psychologie verortet, dienen Romane dazu, eine menschliche Seinsmöglichkeit zu entdecken, der sich die Menschheit zuvor noch nicht bewusst war. Daher stellt er die Phänomonologie über die Narration.
Aber diese Theorie steht in diesem Buch weniger im Vordergrund. Hier prangert Kundera den vielfachen Verrat an, den die (Nach-)Welt an den großen Künstlern verübt. Paradebeispiel: Max Brods Weigerung, dem letzten Willen Kafkas Folge zu leisten. Der Grundgedanke: Die Überlebenden verändern den Urtext, die Urpartitur, ja ganze Lebensentwürfe der Künstler, um sie einem vielfach banalerem Schema einzupassen. So etwa Brod in seinem Schlüsselroman über Kafka.
Weitere Beispiele: Die Vereinfachung Janaceks und Strawinskis durch Zeitgenossen oder die Verhunzung einer Hemingway-Story durch die wissenschaftliche "Interpretation."
Das Gute an dem Buch:
- Alles ist sehr eingängig und leicht, obwohl es sich um "pure" Theorie handelt.
- Kundera ist jemand, der die Welt und ihre vorgeblichen Wahrheiten immer wieder in Frage stellt und dadurch sehr viel Überraschendes ans Licht bringt.
Als nächstes werde ich den "Vorhang" wieder vornehmen.


