Ein Blog über das Stöbern im Grenzland zwischen U und E. Ausflüge ins Landesinnere inklusive.
Friday, November 05, 2010
Der Nachsommer - Adalbert Stifter
Das darin nichts aufregendes passiert, das ist seltsamer Weise das interessante. Nach und nach merkt man aber doch, dass sich klitzkleine Friktionen einstellen. Ein zu langer Blick auf in ein, man muss wohl Antlitz sagen, eine unerklärliche Ruhelosigkeit, nicht mehr.
Manchmal hört es sich für den heutigen Leser wie eine Parodie an.
Bei manchen Büchern wünscht man sich ja fast (insgeheim), dass mal nichts Dramatisches geschieht. Verzicht auf den immer irgendwie angestrengten Plot. Ideal des ereignislosen Romans. Hier wird das verwirklicht.
Der Stil ist natürlich großartig, auch wenn heutige Schreibschulen einiges einzuwenden hätten. Aber es wirkt, es atmet, selbst wenn es reinster Kanzleienstil ist.
Ein Lektor würde heute anfangen zu kürzen: die Mitteilung, dass der Held beim nächsten Besuch das selbe Zimmer bezieht, das ebenso reinlich ist, wie beim ersten Mal; dass sie, nachdem sie zusammen gemalt haben, das Gerät dazu wieder brav aufräumen etc. Dann aber würde er merken, dass er damit das vielleicht Entscheidende aus dem Gewebe entfernt und das mit der Vermittlung von Zeit zu tun hat: Die Schönheit des Flusses ist die Breite seines Fließens.
Einige Textstellen, hier schreibt er sehr schön und geradezu weihevoll über "die Dichter":
Ich sprach mit meinem Gastfreunde auch von den Dichtern...
»Ich habe diese Bücher gesammelt«, sagte er, »nicht als ob ich sie alle verstände; denn von manchen ist mir die Sprache vollkommen fremd; aber ich habe im Verlaufe meines Lebens gelernt, daß die Dichter, wenn sie es im rechten Sinne sind, zu den größten Wohltätern der Menschheit zu rechnen sind. Sie sind die Priester des Schönen und vermitteln als solche bei dem steten Wechsel der Ansichten über Welt, über Menschenbestimmung, über Menschenschicksal und selbst über göttliche Dinge das ewig Dauernde in uns und das allzeit Beglückende. Sie geben es uns im Gewande des Reizes, der nicht altert, der sich einfach hinstellt und nicht richten und verurteilen will. Und wenn auch alle Künste dieses Göttliche in der holden Gestalt bringen, so sind sie an einen Stoff gebunden, der diese Gestalt vermitteln muß: die Musik an den Ton und Klang, die Malerei an die Linien und die Farbe, die Bildnerkunst an den Stein, das Metall und dergleichen, die Baukunst an die großen Massen irdischer Bestandteile, sie müssen mehr oder minder mit diesem Stoffe ringen; nur die Dichtkunst hat beinahe gar keinen Stoff mehr, ihr Stoff ist der Gedanke in seiner weitesten Bedeutung, das Wort ist nicht der Stoff, es ist nur der Träger des Gedankens, wie etwa die Luft den Klang an unser Ohr führt. Die Dichtkunst ist daher die reinste und höchste unter den Künsten. Da ich nun meine, daß es so ist, wie ich sage, so habe ich die Männer, welche die Stimme der Zeiten als große in der Kunst des Dichtens bezeichnete, hier zusammengestellt. Ich habe Dichter in fremden Sprachen, die ich nicht verstand, dazu getan, wenn ich nur wußte, daß sie in der Geschichte ihres Volkes vorzüglich genannt werden, und wenn ich von einem Fachmanne das Zeugnis hatte, daß ich in dem Buche den Dichter besitze, den ich meine. Sie mögen unverstanden hier stehen oder es man wohl einer oder der andere in diesen Saal kommen, der manchen versteht und liest. Ich habe wohl auch solche Bücher hieher gestellt, die mir gefallen, das Urteil der Zeit mag anders lauten oder erst festzustellen sein. In diesen Büchern habe ich viel Glück gefunden und in dem Alter fast noch mehr als in der Jugend. Wenn auch die Jugend die Worte aus einem goldenen Munde mit einem Sturme und mit Entzücken aufnimmt, wenn sie auch dieselben mit einer Art Schwärmerei und mit Sehnsucht in dem Busen trägt, so ist es doch fast stets mehr die Wärme des eigenen Gefühles, die sie empfindet, als daß sie die fremde Weisheit und Größe in ein besonnenes, betrachtendes, abwägendes Herz aufnehmen könnte. Ihr seid selber jung, und die Tiefe und Innigkeit der Dichtung mag euch fördern und euer Herz jedem künftigen Großen öffnen, wie die reine Dichtkunst das immer an der Jugend tut; aber ihr werdet selber einmal sehen, um wie viel milder und klarer die verglühende Sonne des Alters in die Größe eines fremden Geistes leuchtet als die feurige Morgensonne der Jugend, die alles mit ihrem Glanze färbt, so wie es eine Tatsache ist, daß die innige, wahre und treue Liebe der alternden Gattin fester und dauernder beglückt als die lodernde Leidenschaft der jungen, schönen, schimmernden Braut. Die Jugend sieht in der Dichtung die eigene Unbegrenztheit und Unendlichkeit der Zukunft, diese verhüllt die Mängel und ersetzt das Abgängige. Sie dichtet in das Kunstwerk, was im eignen Herzen lebt.
Natürlich gibt es die typische Einschränkung für die Jugend:
"Daher kömmt die Erscheinung, daß Werke von bedeutend verschiedener Geltung die Jugend auf gleiche Art entzücken können, und daß Erzeugnisse höchster Größe, wenn sie keine Wiederspieglung der Jugendblüte sind, nicht erfaßt werden können. In dem Alter werden selbst solche Glanzstellen der Jugend, die schon sehr ferne liegen, wie etwa die Sehnsucht der ersten Liebe mit ihrer Dunkelheit und Grenzenlosigkeit, oder wie die holde und berauschende Seligkeit der Gegenliebe, oder die Träume künftiger Taten und künftiger Größe, der Blick in ein unendliches, erst kommendes Leben, oder wie das erste Stammeln in irgend einer Kunst, von dem Greise in dem sanften Spiegel seiner Erinnerung beglückender aufgefaßt als von dem Jünglinge, der sie in dem Brausen seines Lebens überhört, und an der grauen Wimper mag manche beseligendere und mitunter schmerzlichere Träne hängen als der feurige Funke, der in überwältigender Empfindung aus dem Auge des Jünglings springt und keine Spur hinterläßt.
Dann geht es um das "reife" Lesen:
"Ich lese jetzt selten mehr die größten Geister im Zusammenhange - mit kleineren tue ich es wohl, weil sie in einzelnen Stellen minder bedeutend sind -, aber ich lese immer in ihnen und werde wohl bis zu meinem Lebensende in ihnen lesen. Sie begleiten mich mit ihren Gedanken wie mit großen Erquickungen durch den Rest meines Lebens und werden mir wohl, wie ich ahne, an der dunkeln Pforte Kränze aufhängen, als wären sie von meinen eigenen Rosen geflochten."
Die Dichter stehen ihm auch über den Philosophen:
"Da ich von der Weisheitslehre sprach, welche man in unserem deutschen Lande noch immer als Weisheitsliebe mit dem griechischen Worte Philosophie bezeichnet, muß ich euch sagen, was ihr wohl vielleicht schon aus anderen Reden von mir gemerkt haben mögt, daß ich nicht gar sehr viel auf sie halte, wenn sie in ihrem eigenen und eigentümlichen Gewande auftritt. Ich habe alte und neue Werke derselben mit gutem Willen durchgenommen; aber ich habe mich zu viel mit der Natur abgegeben, als daß ich auf ledigliche Abhandlungen ohne gegebener Grundlage viel Gewicht legen könnte, ja sie sind mir sogar widerwärtig. Vielleicht reden wir noch ein anderes Mal von dem Gegenstande. Wenn ich je einige Weisheit gelernt habe, so habe ich sie nicht aus den eigentlichsten Weisheitsbüchern, am wenigsten aus den neuen - jetzt lese ich gar keine mehr - gelernt, sondern ich habe sie aus Dichtern genommen oder aus der Geschichte, die mir am Ende wie die gegenständlichste Dichtung vorkömmt.«
Der Gastfreund ist natürlich ein richtig satter Vielleser:
"Als ich meinen Gastfreund so reden hörte, erinnerte ich mich, daß ich ihn in der Tat viel lesen gesehen habe. Oft war er mit einem Buche unter einem schattigen Baume gesessen oder in rauherer Jahreszeit auf einer sonnigen Bank, oft hatte er sich mit einem auf einen Spaziergang begeben, er ist sehr häufig in dem Lesezimmer gewesen, und er trug Bücher in seine Arbeitsstube. Als wir die letzte Fahrt in den Sternenhof gemacht hatten, hatte er Bücher mitgenommen, und ich glaube von Gustav gehört zu haben, daß er auf jede Reise Bücher einpacke."
Kurios: Der Gastfreund berät den Erzähler. Er sei zu festgelegt, solle sich noch breiter aufstellen. Sprich: noch
mehr Muse, neue Dinge auf sich zu kommen lassen. Dabei kann man sich beim besten Willen keinen breiteren Bildungswanderer vorstellen. Aber - und da ist Stifter doch seht exakt, präziser als der Leser - im Folgenden setzt der Erzähler mit der ihm eigenen Konsequenz den Rat in die Tat um und jetzt dämmert auch dem heutigen Leser, was gemeint ist. Denn ihm fehlt Welterfahrung. Und so schließt er sich in der Stadt allerlei Kreisen und Gesellschaften an. Sehr berechnend. Es fröstelt einen manchmal bei diesem Ideal.
Nun also. Eine reine Welt, konfliktfrei bis zur Grenze der Sterilität. Es ist noch einmal so ein Fall, bei dem einer alles in sein Buch gesteckt hat.
Friday, October 29, 2010
Licht im August - William Faulkner
Jetzt also eines dieser Riesentrümmer der Weltliteratur. "Licht im August".
Die Geschichten von mehreren Menschen, die an zwei Tagen in Faulkners Jefferson kulminieren: Joe Christmas, der vermeintliche weiße Schwarze, der eine weiße Frau ermordet bzw. auf Verlangen tötet, flieht, gelyncht wird; Hightower, dessen Leben eigentümlich hängen geblieben ist, ein Geistlicher ohne Amt und Würden; Lena, eine Schwangere, die angesichts der Tragödien um sie herum völlig klar und geradlinig bleibt und einfacher immer weitergeht; und viele andere.
Eine besondere Kunst Faulkners besteht darin, dass er die Figuren nicht einfach ins Geschehen setzt, sondern ihre gesamte Geschichte entrollt, die sie mit sich schleppen wie ein Fluch.
Die Wucht des Romans kommt teils daher, teils entsteht sie durch das Biblisch-Monumentale von Sprache, Landschaft und der Motivik von Schuld, Leidenschaft und Gnade.
William Faulkner - Die Stadt
Der 2. Teil der Snopes-Trilogie. Flem zieht nach Jefferson und steigt vom Ladenbesitzer zum Kraftwerkschef, dann zum Vizepresidenten der Bank und schließlich zu deren Präsident auf. Dabei entledigt er sich nach und nach der Menschen, die ihn bei seinem Aufstieg im Weg stehen, vor allem nicht gesellschaftsfähige Familienangehörige. Das ist das Hauptmotiv. Außerdem gibt es eine Fülle von reizvollen Seitenthemen:
"Die Stadt" ist die Tragödie von Eula Varner, einer dieser besonders ephemen Frauen, deren Funktion in Geschichten meistens auf ihre Wirkung auf die handelnden Männer beschränkt ist. Doch davon emanzipiert sich Eula, indem sie sich in die Galerie der selbstmörderischen Ehefrauen der Weltliteratur einreiht.
Weiter gibt es da noch die sehr schöne Figur des Destriktanwalts Gavin. Er ist leidenschaftlich verliebt in Eula und dann in deren Tochter. Aber er lässt sich nicht davon hinreißen, sondern lebt eine menschliche Form der Liebe vor. Sehr drollig die Gespräche dort am Familientisch.
Etwas zum Aufbau. Das Buch ist zusammengewürfelt, zwei oder drei Kapitel daraus sind auch separat als Erzählungen erschienen. Das merkt man dem Buch an, aber sehr schlimm ist es nicht. Der Leim des Snopschen Ehrgeizes hält auch das Episodische zusammen. Außerdem: Gehört zur Vertrautheit mit einer bestimmten literarischen Landschaft nicht auch das Wiederhören, das wiederholte Erzählen nestimmter "Legenden"?
Die Kompositon birgt trotz des Mosaikhaften (wenn auch zersplittert) sehr Kunstvolles, wie etwa der scherzohafte Abschluss mit den wilden mexilanischen Snopes nach der Tragödie Eula Varner.
Jetzt also noch "Das Haus".
Friday, October 08, 2010
"Indessen will die Stehparty nicht enden." Die Rättin - Günter Grass
Lektürenotizen zur Rättin
80er Jahre. Müllberge, Waldsterben, Angst vor der Atomvernichtung, Punks. Ist das aber veraltet, weil so zeitgebunden? Stirbt der Wald jetzt eigentlich nicht mehr. Man würde wohl annehmen, dass nicht mehr so sehr. Mit unruhigem Gewissen.
Stark das Bemühen um Bildhaftigkeit der Prosa. Zu Lasten der Handlung? Ach, was ist Handlung? Eher auf Kosten der Figuren. Bislang ist die Ratte noch die profilierteste.
Gefühl, dass das alles ins Leere läuft, eine leitende Struktur schwer erkennbar. OK, der Erzähler ist ein neuer Johannes von Patmos, der von der ihm durch die Rättin bebilderte Appkalypse erzählt. Da wird dann wohl eine breite Chronik des Untergangs entfaltet (Zeichen, Verleugnungen, Mahnungen, Warnungen, Panik, Resignation, faktisches Untergehen). Aber was soll der Film? Was die Frauenfraktion auf dem Kahn? Hänsel und Gretel, die Überladenen Punks und Kanzlerkinder?
Bei Grass immer: die Atmosphäre des Kräftig-Deftig-Kreativen. Kartoffeln, Zwiebeln, Spätäpfel, Quark und Heringe.
Ist das Absicht: Erst waren die dressierten Labormäuse die Verursacher des Atomkriegs, dann doch die Ratten selbst, nur ein Kapitel später. Was hätten die davon?
Reich an Ideen, Mangel an Identifikation. Es muss ja jetzt nicht der Held sein. Aber etwas menschliche Nähe täte gut.
Manchmal auch sehr öde, etwa die Geburtstagsfeier. Auf Video gebanntes auf der Stelle Treten. Bei allem immer viel zu viele Figuren (keine Personen, keine Charaktere), die herumstehen. Überraschungen kommen so träge daher, wie die Schnecken, die die Wörterbücher heranschleppen.
Laut gelesen gewinnt der Text. Die Sprache eines Bildhauers: selten im Fluss, brockenweise bildhaft.
Rübezahl klaftert das Holz "wütig." Manier oder Genauigkeit?
Umständlichkeit, die anödet. Zu viele ununterscheidbare Frauen auf dem Schiff mit zu viel behängt, zu viele Geburtstagsgäste mit zu vielen Geschenken, zu viele Märchenfiguren mit zu wenig echten Aufgaben. Das muss dann in jedem Kapitel wieder bewegt, ermüdend von einer Ecke in die andere gehievt werden. Quält den Leser, der immer weiter will.
Manchmal benennt der Erzähler die Mankos des Texts selbst. Steilvorlagen für Rezensenten: "Ich träume neuerdings Wiederholungen und Varianten" oder "Indessen will die Stehparty nicht enden".
Wednesday, September 22, 2010
Die Akten des Vogelsangs
Stark und intensiv gesetzte Geschichte dreier (oder mehrerer) Leben von der Kindheit in ihrem "Block" bis zum Tod des "freiesten" unter ihnen Velten Andres.
Zwei Höhepunkte: Velten verheizt sein gesamtes irdisches Gut, nachdem alle Bindungen abgefallen sind. Dann sein eigenes Ende in der großen Leere.
Eigentlich passiert sonst nichts. Kaum erfährt man etwas über Veltens Weltreisen, gar nichts über die reich werdende Ellen, nicht viel über den zu bürgerlichen Ehren gelangenden Erzähler. Aber alles ist eine Beschwörung der Jugend und Freundschaft, der nachbarschaftlichen Gärten und der Menschlichkeit über den Gartenzaun, die wirklich nahe geht.
Tuesday, September 21, 2010
Erfolg - Leon Feuchtwanger
Tuesday, August 24, 2010
Das Spinnennetz - Joseph Roth
Ein Fragment. Wie hätte es enden können?
- Lohse steigt bis an die Spitze und wird von seinem Feind ermordet
- Lenz kostet ihn den Kopf
- Selbstmord
- Wahnsinn
- lebt friedlich, zeugt Söhne, wird fett. Dann trifft ihn der Feind wieder.
Monday, August 23, 2010
Fred Vargas - Der verbotene Ort
Das Besondere an "Der verbotene Ort": Vargas gelingt es, anregend und erfrischend über das inflationäre Vampir-Genre zu schreiben. Man erfährt dabei nicht nur weitere Details zum Thema, auch der Rahmen - Serbien, Blutfehde, Aberglaube - ist durchaus authentisch.
Saturday, July 31, 2010
Cervantes von Bruno Walter
Kleines Buch in kristallklarer Prosa. Kann mich nicht erinnern, schon einmal etwas von gleichem Fluss und Rhythmus gelesen zu haben.
Sehr sympathisch die Figurenzeichnung. Erinnerung an Penzoldt. So angenehm sind die Figuren übrigens bei Thomas Mann nie. Bei den Buddenbrooks, Castorp, auch beim Joseph schwebt ist immer so eine Selbstverliebtheit mit, die es einen schwer macht, ihnen rückhaltlos zu verfallen.
Gekauft gebraucht über Amazon, die Seiten schon so brüchig, dass man sie vorsichtig wenden muss.
rororo Nr. 70. Ganz früher Planet des wunderbaren Rowolt-Universums. Kannte mal jemanden, dessen Ehrgeiz es war, hier bei den frühen komplett zu sein bis 200.
Ich habe immerhin 5, 15, 35, 59, 64, 150, 170. Und viele höhere Nummern.
Man kann sicherlich Unchamanteres sammeln.
Friday, July 30, 2010
Faserland - Christian Kracht
Melancholie- und alkoholgetränkte Deutschlandreise von Westerland bis Thomas Manns Grab. Sound und Milieau ähnlich E.B. Ellis. Länge genau richtig. Sehr guter Schluss. Überhaupt formal und stilistisch weit über dem hierzulande Üblichen.
Tuesday, July 27, 2010
Deine Augen hat der Tod
Themen: Literatur, Parallelidentitäten, Tod, angeborene Einsamkeit.
Alles von Sallis besorgen.
Wednesday, July 21, 2010
Abgebrochenes
LITERATENSPIELE
Drei renomierte Autoren geben Schreibseminar auf dem Land. Sie beharken sich oder springen zusammen in die Kiste. Die Auseinandersetzungen ändern das Bild, das sie sich von ihrem Beruf und dem damit verbundenen Dasein gemacht haben.
Nettes kleines Lustspiel. So was Unbeschwertes findet man hier selten.
Thursday, July 01, 2010
Maues Lesejahr
- Der Idiot (neuübversetzt von der Geyer) - auch nicht mehr sp packend, wie beim ersten Mal. So geht es mir mit allen Dostojewski-Sachen. Ist ein bissl wie bei Hesse. Mit zunehmenden Alter wird man tolstoianischer.
- Der Mann ohne Eigenschaften - zur Hälfte, als Lesung von Berger. Stilistisch sehr interessant. Inhaltlich - naja, vieles ist halt schon Welt von gestern.
- Holzfällen - Thomas Bernhard ist immer eine mentale Reinigung
Saturday, May 08, 2010
Regenkatze - Sarah Kirsch
Saturday, May 01, 2010
Verratene Vermächtnisse - Milan Kundera
Kundera hat eine eigene, sehr eingängige Theorie des Romans entwickelt. Irgendwo zwischen Philosophie und Psychologie verortet, dienen Romane dazu, eine menschliche Seinsmöglichkeit zu entdecken, der sich die Menschheit zuvor noch nicht bewusst war. Daher stellt er die Phänomonologie über die Narration.
Aber diese Theorie steht in diesem Buch weniger im Vordergrund. Hier prangert Kundera den vielfachen Verrat an, den die (Nach-)Welt an den großen Künstlern verübt. Paradebeispiel: Max Brods Weigerung, dem letzten Willen Kafkas Folge zu leisten. Der Grundgedanke: Die Überlebenden verändern den Urtext, die Urpartitur, ja ganze Lebensentwürfe der Künstler, um sie einem vielfach banalerem Schema einzupassen. So etwa Brod in seinem Schlüsselroman über Kafka.
Weitere Beispiele: Die Vereinfachung Janaceks und Strawinskis durch Zeitgenossen oder die Verhunzung einer Hemingway-Story durch die wissenschaftliche "Interpretation."
Das Gute an dem Buch:
- Alles ist sehr eingängig und leicht, obwohl es sich um "pure" Theorie handelt.
- Kundera ist jemand, der die Welt und ihre vorgeblichen Wahrheiten immer wieder in Frage stellt und dadurch sehr viel Überraschendes ans Licht bringt.
Als nächstes werde ich den "Vorhang" wieder vornehmen.
Friday, April 02, 2010
Winter in Maine
Andrew Miller - Gabe des Schmerzes
Friday, March 26, 2010
Kind 44
Interessant das historische Genre, die Stalin-Ära als Krimistoff. Die Handlung wirkt etwas mechanisch. Ein netter Thriller, der noch ins Vorabendprogramm passt.
Sunday, March 07, 2010
Ein letzter Sommer - Steve Tesich
- Tesichs unglaubliche Kunst, diese einfachen, schon 1000 mal gehörten Umstände in jeder Szene frisch und spannend zu erzählen.
- Die dichte Atmosphäre; Melancholie plus Humor.
- Tolle Besetzung bis in die Nebenfiguren.
- Die jugoslawische Mutter ist eine der stärksten Mütter, von denen ich in neuen Romane gelesen habe.
- Die Szene, als dem todkranken Vater bei einem Spaziergang ein Hündchen auf den Schoß springt und der Erzähler ihn zum ersten Mal in seinem Leben glücklich sieht.
- Die schauderhafte Kälte mitten im Sommer, mit der der Tod in die Stadt einrückt.
Friday, February 26, 2010
Pnin - Nabokov
Alle, alle lieben dich - Stewart O'Nan
Sunday, February 14, 2010
Bernhard-Unseld-Briefwechsel
Friday, February 05, 2010
Die Wohlgesinnten - Jonathan Littell
Philip Roth - Exit Ghost
Tuesday, February 02, 2010
Oskar
Saturday, January 16, 2010
Drood - Dan Simmons

Monday, January 11, 2010
Die Straße - McCarthy
Und am Ende Tod und Rettung, oder so etwas ähnliches oder beides.
Wie gesagt, alles großartig. Doch ein paar Fragezeichen gibt es: Manchmal finden sie einen relativ behaglichen Unterschlupf. Und bleiben nicht da. Es gibt eigentlich keinen Grund, immer wieder aufzubrechen.
Am Schluss stellt sich heraus, dass sie von einer anderen Gruppe verfolgt werden, die ihnen nichts Böses wollen, sie vielmehr schon lange suchen. Warum weiß keiner was davon?
Irgendwie alles gleichnishaft. Aber man will es nicht auflösen.
Nach der Lektüre sehnt man sich nach etwas Hellem. Vielleicht einen Roman von David Lodge.
Im Zeichen des Sieges - oder so Bernard Cornwell
Thursday, December 24, 2009
Poeten der Nacht von Barry McGrea
Samuel und die Poesie des Alltags oder so ähnlich
Saturday, December 19, 2009
Der verlorene Abend - Wolfram Fleischhauer
William Boyd - Eines Menschen Herz
Tuesday, December 08, 2009
Sharpes Feuerprobe
Das Schweigen - Jan Costin Wagner
Monday, November 30, 2009
Stephen King - Sunset
Saturday, November 28, 2009
Arthurs letzter Schwur - Bernard Cornwell
Monday, November 23, 2009
Halbschatten? Uwe Timm
Aber so recht romanhaft will sich die Liebesgeschichte zwischen der Pilot-Pionierin und dem Dandy-Waffenschieber-Spion nicht entwickeln. Ausgetauscht wird nur keusch ein Zigarettenetui. Das ist ein prima Novellen-Motiv.
Vielleicht hätte es das auch getan.
Schrei nicht so laut - John Harvey


- Weil es das Drama des normalen Menschen wiedergibt, ganz unaufgeregt, nüchtern.
- Weil es sich am Ende auflöst, es die Erholung der Seele vom Dauerkonflik des Daseins erlaubt.
- Weil jeder Figur Raum gelassen wird, ihre Art und Weise zu rechtfertigen, mit dem Drama fertig zu werden.
- Weil es eine solide Moral liefert, ohne sie zu predigen.
- Weil all diese Ambitionen ohne Prunk serviert werden.
- Weil es den x-te Typus des einsamen, gescheiterten Detektives auffährt. Es funktioniert wieder, es untermauert den modernen Mythos.
- Die Hauptfigur liest Dickens und antwortet auf die Frage, warum er die (gerade) langweilige Lektüre nicht abbreche, er könne einfach die Dinge nicht auf sich beruhen lassen.
Friday, November 06, 2009
Auferstehung der Toten - Wolf Haas

Immer diese Enttäuschung am Ende von Kriminalromanen. Es gibt einen Satz an Figuren. Einer von denen war es.
Wednesday, November 04, 2009
Reisen im Licht der Sterne - Alex Capus
Wallner beginnt zu fliegen - Thomas von Steinäcker
Friday, October 30, 2009
Dan Simmons - Terror und Kinder der Nacht
Vorweg: Terror ist ein Epenteppich von monumentaler Wucht - lang, breit, wohlig und wärmend. Es geht um die gescheiterte Suche Sir John Franklins nach der sagenhaften Nordwestpassage im arktischen Ozean. Diese bleibt buchstäblich im Packeis stecken. Die beiden Expeditionss
chiffe Terror und die Erebus frieren auf unabsehbare Zeit fest.- tolle Details, gründlich und ausführlich recherchiert, wie es zugegangen sein muss - angefangen bei der Kartographie über die Proviantversorgung bis hin zur Schiffsplankenstärke und ihre unterschiedlichen Materialien. Man bekommt also ein prima Sachbuch als Gratiszugabe
- perspektivisches Erzählen, psychologisch stimmig, abwechslungsreich
- epische Breite, die man gerne durchwandert
- Spannung, Action, ohne zu unnötig zu splattern
- ein doppelter Boden mit mythischen Koordinatensystem
Friday, October 09, 2009
Buddenbrooks - Film von Broloer
Wednesday, October 07, 2009
Simple Storys - Ingo Schulze
Die Witwen von Eastwick - John Updike
Werkstattgespräche mit Schriftstellern - Horst Bienek
Unendlicher Spaß
Tuesday, September 22, 2009
Der Kaiser von China
Updike - Glücklicher war ich nie
- Der glückselige Mann von Boston, der Fingerhut meiner Großmutter und Fanning Island - poetische Beschwörungen am Rande zur Lyrik. Keine Handlung und Beschreibung von Stimmungsbildern. Teilweise pathetisch
- Das luzide Auge in der Silberstadt - Porträt des Vaters (des Zentauren), ebenso wie Heim u.a.
- Flügge- wiederkehrendes Motiv der im letzten Augenblick doch noch erlebten kleinen Liebe
Sunday, September 13, 2009
Einige Erzählungen von Tolstoi und Updike
Die Romantik - Rüdiger Safranski
Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehen, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe, so romantisiere ich es.
Tuesday, August 18, 2009
Der lange Schlaf - Jonathan Lethem
Titus Müller - Titel vergessen
Der Turm - Uwe Tellkamp
Drei - Stephen King
Saturday, August 08, 2009
Ed Wood Company spielt Gangsterballade





Am Donnerstag endlich die Uraufführung der Gangsterballade. Die Bude war voll, dem Publikum scheint es gefallen zu haben. Vielleicht ist das Stück doch nicht so übel?
Monday, August 03, 2009
Gangsterballade auf den Weichter Kulturtagen
Am Donnerstag ist es so weit.
Weltpremiere!
Eintritt Ausstellung: 3,– Euro
Workshop Beitrag: 4,- Euro
Theaterstück: 6,– Euro incl. Ausstellung
* Ermässigter Eintritt möglich
GANGSTERBALLADE
Ein Gaunerstück in klassischer Manier
Die Ed Wood Company freut sich darauf, zu den Kulturtagen erstmals ihr neues Stück auf die Bühne bringen zu dürfen. Gangsterballade ist ein klaustrophobisches Fünfpersonen-Stück aus den Folterkellern des organisierten Verbrechens: Der kleine Ganove Speedy Mick ist dem örtlichen Mafia-Paten Reibach in die Schusslinie geraten und versucht sich dessen Killern zu entwinden. Gleichzeitig entbrennt ein Bandenkrieg zwischen rivalisierenden Gangs, der die Machtverhältnisse der Unterwelt neu verteilt. Es beginnt ein Wettlauf mit der Zeit...Gangsterballade ist ein sehr schwarzes Stück rund um Rache, Liebe und das harte Handwerk des Mordens. Es spielt die Ed Wood Company in der Besetzung Daniela Nehring, Gerhard Kugelmann, Harald Pleier, Christoph Vogg und Jörg Lenuweit.
Saturday, August 01, 2009
Zugzwang
Monday, July 27, 2009
Haffners Liebe zum Unentschieden - Glavinic
Dunkle Schuld - Sallis
Turner, die Hauptfigur ist selbst ein gebrochener Typ: Ex-Literaturstudent, Ex-Vietnamkämpfer, Ex-Cop, Ex-Knakie und Ex-Pychotherapeut ist er an allem gescheitert und hat sich jetzt zurückgezogen, irgendwo aufs Land, in ein Nirgendwo-Tennessee. Doch dann geschieht in der nahen Kleinstadt ein Mord und man zieht ihn als Berater hinzu. Und er nimmt Witterung auf...
Man sieht den Film schon direkt vor sich. In der Hauptrolle Clint Eastwood, als Sheriff Gene Hackman.
Sallis fährt das beste auf, was ein Autor von heute zu bieten hat: prägnante, nicht zu glatte Sprache, pointierte Dialoge, Atmosphäre, überraschende Beobachtungen, Figuren mit Profil und Background.
Ich freue mich schon auf weitere Sallis-Veröffentlichungen hierzulande.
Tuesday, July 21, 2009
Qual (Blaze) - Stephen-Richard Bachmann-King
Die Gosse und das Grab - Ed McBain
The collected works of T.S.Spivet - Reif Larson
Der Graf von Monte Christo - Alexandre Dumas (Vater)
Tuesday, June 30, 2009
Adiós, Hemingway
Ein Buch über das Verhältnis zwischen Kuba und Hemingway. Es gibt einige sehr euinfühlsame Abschnitte aus der Perspektive Hemingways.
Friday, June 26, 2009
Kaltenburg - Marcel Beyer
Szene: Der Vater und der Held suchen Blumen am Bahndamnn, während ein Zug gen KZ vorbeifährt, ohne von den beiden beachtet zu werden.
Marcel Beyer - weiter beobachten.
Die Stadt am Ende der Zeit - Greb Bear
Habe es nach der Hälfte weggelegt. Interessant ist das ganze Thema schon (Parallelwelten, die sich kanibalisieren). Zu viele Leute, 400 Seiten Dauerzusammenbruch, die Bilder zu abstrakt.
Radetzkymarsch - Joseph Roth
Radetzkymarsch also. Drei Generationen Kaisertreue - bis zum bitteren Ende. Melancholisch. manchmal ironisch. Tendenz: Die alte Welt war schön und in vor allem schön in Ordnung. Zusammenghalten hat sie der alte Kaiser. Diese Welt geht unter, der Kaiser stirbt. das ist schade, lässt sich aber nicht verhindern. Jetzt gibt es nichts mehr, an das man sich halten kann.
Das besondere an dem Buch ist der Stil. Besser, das heißt: klarer, lebendiger, bildreicher kann man nicht schreiben. Das hat einen ganz besonderen Sound und Rhythmus, den man unter tausenden wiedererkennen würde.
Joseph Roth - immer wieder.
Friday, June 19, 2009
Arthur - Bernard Cornwell
Warum diese Bücher so toll sind:
- wegen der sehr sympathischen Erzählerfigur
- weil alle Gestalten ordentlich gegen den Strich gebürstet sind
- weil alles schon ausgewogen ist zwischen Action und Idylle
- weil man dieses England irgendwie kennt und liebt
- weil das ganze unglaublich detailreich präsentiert wird, ohne dass der Autor damit prunken will
Kann das Erscheinen des nächsten Bandes nicht erwarten.
Wednesday, May 20, 2009
Winterkönig - Bernard Cornwell
Las die knapp 700 Seiten fast in einem Rutsch. Besonders sympathisch ist der Erzähler, Derfel, er wirkt etwas naiv und schlicht, treuherzig ist wahrscheinlich das treffende Wort, dem Genre entsprechend, aber durch ihn und seine praktische, unverklärte Sicht auf die Geschehnisse sind alle Figuren und die gesamte Handlung plastisch, glaubhaft, realistisch Und Realismus ist das höchste Gütekriterium für historische Romane. Hier ist Arthur eine durchaus schillernde Figur, Lanzelot ein Arschloch, Merlin ein Zyniker. Bei den Schlachtenschilderungen geht es nicht um Ruhmestaten, sondern um das Handwerk des Tötens, also wie man Schildwälle bildet, warum Pferde nichts gegen sie ausrichten können, Angst und Euphorie der Schlacht usw.
Ein Abenteuerbuch. Ein echtes, ein gutes.
Wednesday, May 13, 2009
Die Lage des Landes/die Abschaffung der Arten
von dem Buch habe ich gehört und mal bei einem Preisausschreiben mitgemacht, um es zu gewinnen, was leider nicht passiert ist. Habe aber das davor gelesen, "Dirac." Hat mir ganz gut gefallen, naja, 75 Prozent jedenfalls (die 25 Prozent, in denen es um so den alten Mathematiker ging weniger). Also, von dem, was ich über das Buch gehört habe, wäre es jetzt nicht erste Wahl - zu lang, zu abgedreht, zu parabelhaft, da hab ich immer das Gefühl, dass ich nach 10 Seiten weiß, wie es gemacht ist und müsste nicht weiter lesen - wie bei der "Arbeit der Nacht". Man nennt das Manierismus, glaub ich. Aber wahrscheinlich tu ich dem Buch unrecht, ich hab es ja gar nicht gelesen. Und ich werde es ganz bestimmt kaufen, wenn es bei Amazon bei der 5-Euro-Schwelle angelangt ist, allein schon wegen dem Cover (das grün ist, oder?). Viel, viel später werde ich es dann vielleicht auch lesen.
Also mein Tipp: "Die Lage des Landes" von Richard Ford. Vier Tage im Leben eines in die Jahre kommenden Immobilienmaklers in New Jersey. Rund 700 Seiten. Klingt das nicht wahnsinnig aufregend? Ich würde das Genre als "funkelnden Banalismus" bezeichnen. Es ist eines dieser Bücher, dass uns den Alltag durch einen Sprachglitter neu erfahren lässt. Mal erhellend, mal langweilig, im ganzen bereichernd. Ist übrigens ein Sequel, davor gab es den "Sportreporter" und "Unabhängigkeitstag". Um "Die Lage des Landes" zu lesen muss man die aber nicht kennen.
Ja, meine Frau ist gut angekommen. Die Busfahrt muss überraschend komfortabel gewesen sein, das doppelstöckig.
Bin gespannt auf deinen nächsten Tipp.
Grüße nach Berlin!
JL
-----Original Message-----
From: A.
Sent: Mittwoch, 13. Mai 2009 18:05
To: JL
Subject: Buchtipp des Monats
Hallo JL,
um meinem Plan, regelmäßig mit dir Buchtipps auszutauschen doch noch nachzukommen: Mir ist doch noch ein gutes Buch eingefallen, dass ich in letzter Zeit gelesen habe und weiterempfehlen kann:
Dietmar Dath: Die Abschaffung der Arten
"Das Zeitalter, das wir kennen, ist längst eingeschlafen. Wo einmal Europa war, gibt es nur noch drei labyrinthische Städte, die eher gewachsen sind, als daß sie erbaut wurden. Die Welt gehört den Tieren. Fische streiten über Sodomie, Theologinnen mit Habichtsköpfen suchen in Archiven nach Zeugnissen der Menschheit, und Cyrus Golden, der Löwe, lenkt den Staat der drei Städte. Als ein übermächtiger Gegner die neue Gesellschaft bedroht, schickt er den Wolf Dimitri als Diplomaten aus, im einstigen Nordamerika einen Verbündeten zu suchen. Die Nachtfahrt über den Ozean und in die tiefen Stollen der Naturgeschichte lehrt den Wolf Riskantes über Krieg, Kunst und Politik und führt ihn bis an den Rand seiner Welt, wo er erkennt, »warum den Menschen passiert ist, was ihnen passiert ist«. Der Roman Die Abschaffung der Arten steht in der Tradition großer spekulativer Literatur über Niedergang und Wiedergeburt der Zivilisation von Thomas Morus, Voltaire und Mary Shelley über H. G. Wells und Jules Verne bis hin zu Stephen King und William Gibson. Wenn Charles Darwin Krieg der Welten geschrieben hätte, vielleicht wäre ein Buch wie dieses dabei herausgekommen: ein abenteuerliches Liebeslied, eine epische Meditation über die Evolutionstheorie und der waghalsige Versuch, Fossilien von Geschöpfen freizulegen, die noch gar nicht gelebt haben." (siehe: http://www.amazon.de/Die-Abschaffung-Arten-Dietmar-Dath/dp/3518420216)
Das Buch erstreckt sich über mehrere 100 Jahre, hat Höhen und Tiefen, ist aber im ganzen sehr spannend und anders.
So, nun bin ich auf deinen Tipp des Monats gespannt :-)
Ich hoffe, deine Frau ist problemfrei mit dem Schulbus nach Berlin gekommen?
Grüße,
A
Tuesday, April 21, 2009
Ein liebender Mann - Martin Walser
Aber es ist dann doch immer typischer Walser. Gedankenprosa, die ganz aus der Figurensprache entsteht, die immer unverwechselbar Walser ist. Man bewundert es teils, man würde es gerne lieben, aber etwas lässt einen doch immer kalt. Weil es halt auch immer Manier ist.
Sehr schön dann aber das Luftholen des über 70-Jährigen (Walser), als er die Marienbader Elegie dann vorträgt.
Monday, April 06, 2009
Coriolan
Nun, von diesem wird nicht viel hängen bleiben. Charisma ohne Intelligenz. Militärs unbrauchbar für demokratische Herrschaft. Kampfmaschine ohne Seeleninstrumentarium für das Soziale.
Der Historiker
Von der Schönheit - Zadie Smith
Thursday, March 26, 2009
Ein Wintermärchen
Das Wintermärchen also. Also, ok, es scheint ein besonderer Kniff von Shakespeare zu sein, plötzliche Obsessionen von Hauptdarstellern nicht mehr rational zu motivieren. So der Fall hier bei Leontes, dessen Eifersucht völlig überzogen scheint, ebenso, wie es keinen vernünftigen Grund gibt, warum Jago dem Othello so übel mitspielt. Mir fehlt da manchmal was. Wenn in einem Krimi stehen würde: Und plötzlich beschlich ihn rasende Eifersucht und er brachte alle um, ohne dass da vorher der Ton wenigstens versteckt angespielt wurde, dann kauft das der Leser in der Regel nicht. Andereseits ist zu viel Erklärung auch immer flach. Schließlich haben die Affekte oft irrationalen Ursprung.
Nun, wie auch immer. Das kenn ich jetzt auch.
Wednesday, March 18, 2009
Leyla - von Feridu Zaimoglu
- Die naive Erzählweise ist frisch, klar und immer angenehm. Die Detailfreude mag mancher "orientalisch" nennen, ist aber schlicht die Substanz des Buches.
- Der Prolog und der letzte Satz bringen eine ganz andere, metaphorische Ebene, ohne direkten Bezug zu der Geschichte. Das mag manchen verwirren. Ich mag solche blinden Flecken.
- Der Vater ist ein schrecklicher Tyran. Aber nicht nur das. Und wegen solcher Wendungen ist das Buch gut.
Omertá - Mario Puzo
Friday, March 13, 2009
Ghost - von Robert Harris
Bei Tony Blair dürfen sich die Briten nicht so sicher sein. Bush's Dog nannte man ihn auch hämisch wegen seiner übertriebenen Bündnistreue gegenüber den Amerikanern. Viel hat er dabei nicht heraus holen können für sich und die Briten. Er selbst musste vorzeitig sein Amt an den Nagel hängen, U-Bahnen wurden in die Luft gesprengt, die Schlangen an den Sicherheitsschranken in den Flughäfen wurden immer länger. Nicht einmal Öl-Aufträge gab es für englischen Firmen.
Warum das ganze also dann? Hatte der Mann vielleicht ganz andere Prioritäten?
Die Frage stellt sich Robert Harris in seinem mit dem International Thriller Award ausgezeichneten Roman Ghost. Ghost, das ist ein Ghostwriter, der sein Geld bislang hauptsächlich mit den Autobiografien von Stars aus Show Biz und Sport verdient hat. Jetzt trägt ihm sein Agent eine ganz heiße Sache an: Die Memoiren Adam Langs, des ehemaligen britischen Premier-Ministers. Die Sache soll ihm nicht nur ziemlich viel Geld bringen, sie hat auch jede Menge Haken: Deadline ist in einem Monat und das verfügbare Material seines Vorgängers ist grottenschlecht; außerdem hat jener unter nicht ganz wasserdichten Umständen vor kurzem das Zeitliche gesegnet. Zudem fällt die Arbeitszeit just in die Phase, als die Juristen Adam Lang vor das Kriegsverbrecher -Tribunal in Den Haag bringen wollen, weil er angeblich die unrechtmäßige Verhaftung von Terrorverdächtigen durch die CIA angeordnet haben soll.
Schlecht für ihn, aber gut für die Publicity, daher halbiert der Verlag kurzerhand die eh schon halsbrecherische Abgabefrist. Doch diese Sorge gerät für den Ghost langsam in den Hintergrund. Denn er beginnt mit seinen eigenen Recherchen und entdeckt peu á peu allerhand, was den früheren Premier in immer düstereres Zwielicht taucht. Was hat den munteren Cambridgianer, der bis dato nichts mit Politik am Hut hatte, anno dazumal in die Partei getrieben? Wie konnte er so rasant an allen anderen vorbeiziehen, ohne eine eigene Lobby in der Partei zu haben? Warum verzapft er Märchen, was seine frühere Motivation angeht? Und wie ist sein treuer Mitarbeiter, der eigentlich mit der Abfassung der Memoiren betraut war, wirklich gestorben? Was ist dran, an den Vorwürfen der Verstrickungen mit CIA-Machenschaften?Auf einmal stinkt alles nur noch so nach Intrige, Verschwörung und dunklen Geheimdienstmachenschaften.
Dass das Buch macht ziemlich viel Spaß, liegt zum einen daran, dass es natürlich sehr spannend ist. Aber auch daran, dass es so nah an der jüngsten Geschichte angesiedelt ist. Man hat alles noch frisch vor Augen – die gemeinsamen Pressekonferenzen, leidenschaftliche Beteuerungen windschiefer Überzeugungen, die schwindelerregende Erosion der Glaubwürdigkeit.
Und dann kommt bei Harris noch etwas hinzu, das man in amerikanischen Thrillern dieses Kalibers eher selten findet: Humor. Ich will jetzt nicht reflexartig das Attribut „britisch“ davor setzen. Jedenfalls habe ich bei der Lektüre mehrmals laut gelacht. Was will man mehr?
("Was will man mehr?" - die Frage ist auch so sein Rezensionenreflex)
Wednesday, March 04, 2009
Monster von Jonathan Kellermann

Erstand das Taschenbuch vor einiger Zeit auf dem Flohmarkt für 50 Cent. Seitdem hat es im Regal eine Weile laang Staub angesammelt. Letzten Freitag war es dann so weit und es wurde einer unergründlichen Laune folgend ausgewählt. So ist das mit dem Büchernarren. Er rafft zusammen, was geht. Man verspottet ihn oder hat bestenfalls Mitleid. "Das kannst du niemals alles lesen", sagen die Leute. Aber sie kommen alle dran, die Bücher, früher oder später. Nach einem unergründlichen Schema geraten sie unter die Augen des Lesers, werden geprüft, für gut befunden und verschlungen, oder endgültig beiseite geräumt.
Monster wurde verschlungen. Ein Mord an einer Psychologin, die in der Anstalt aller Anstalten ihren Dienst verrichetet. Die Spur führt zurück zu einem ungaublich grausigen Mehfachmord, für den das Monster verantwortlich gemacht wurde, das zuletzt Lieblingspatient der Psychologin war. Doch der konnte es nicht gewesen sein. Nach und nach entwirren Alex Delaware und Milo Irgendwas die Hintergründe...
Sehr gut sind natürlich die ganzen Gruselgestalten, die den Roman durchwandeln. Sehr schön auch das Porträt der Psychologin, deren Leben so völlig leer geräumt ist von buchstäblich allem, was man gemeinhin Seele nennt. Vor allem die überaus nüchterne Darstellungsart nimmt sehr für das Buch ein. Das ganze kommt einem vor, wie ein Aktenbericht. Man merkt auf jeder Seite, dass Kellermann vom Fach ist und r was die psychologischen Details betrifft keinen Mumpitz vom Stapel lässt.
Fazit: Psychologischer Roman in Reinkultur. Fein.
Tuesday, March 03, 2009
Frau am Bahnsteig
Ihre Haltung: Sie steht nicht in, sondern auf ihren Schuhen. Die Strümpfe sind fleckig und haben Löcher. Die Beine sind dünn wie Stelzen, die Fersen berühren einander, so dass ihre Beine wie ein Bein wirken.
Wie ein Kranich steht sie unbeweglich zwischen den sich bewegenden und von Gedanken bewegten Menschen und liest Zeitung.
Thursday, February 26, 2009
Hunter von John Dunning
Wieder ein Kriminalroman über verlorene Bücher, Bücherjäger, geheime, aus den Seiten der Historie gelöschte Geschichten. Manchmal ein wenig zu harmlos, zu korrekt.
Schön, dass der Unsympath der ersten Seiten nicht der Bösewicht ist. Schön auch die eingerückte Episode vom Vortag des Amerikanischen Bürgerkriegs, auch wenn sie wirklich etwas abstrus motiviert ist. Nettes Kulissenkino überhaupt.
Daher ein Nachsehen mit:
- der erdrückenden Überzahl starker, guter, hübscher und alternder Frauen
- einem unnützen Ausfall gegen Raucher
Tuesday, February 24, 2009
Variation auf ein Thema von Baudelaire
Monday, February 23, 2009
Herbstlicht von Hermann Lenz
Im Prinzip ist es eine Auflistung von Personen, die mal alle auf ihn herab geschaut haben, als er noch ein literarisches Nichts war, und denen er es jetzt doch gezeigt hat, weil er den Büchnerpreis bekommen hat.
Es hat was. Allerdings ist dieses Etwas auch sehr bieder. Aber warum nicht.
Friday, February 20, 2009
Abgefahren: Driver von James Sallis
Der Krimi des Jahres 2007. Ein Profi-Fahrer für Stunts und mittelschwere Überfälle gerät wegen eines dumm gelaufenen Jobs auf die Abschussliste der Mafia. Allerdings beißt die sich dann die Zähne an Driver aus.Thursday, February 19, 2009
Rabbit , eine Rückkehr

Man sollte eigentlich immer ein Updike-Buch lesen. Nichts schärft den Blick auf den Alltag so sehr, wie diese Prosa.
Rabbits Rückkehr also. Nun ja, aus dem Grab steht er nicht auf. Aber seine Tochter steht plötzlich vor der Tür seiner Witwe und bringt einiges durcheinander. Eigentliche Hauptperson ist aber Nelson, mittlerweile über 40. Der kann leider seinem Vater als literarische Figur nicht ganz das Wasser reichen, daher ist der Roman wohl auch relativ dünn. Eine Art Reprise.
Was sehr interessant und gut ist:
- wie immer die Details bei Updike und der Stil. Die Kunst, feine Seelenregungen aufzuspüren und ins Bild zu bringen
- der Zeitbezug - das Ganze spielt am Vorabend der Milleniumsfeier, man entdeckt vieles wieder, wie etwa die Angst vor Y2K oder die Suche nach einem geeigneten Ort für die Feier
- dass nichts geschieht und doch unglaublich viel
- dass alles nach Rabbit schäbiger, deprimierender geworden ist
weniger überzeugend:
- manche Ausbrüche der Figuren. Stiefvater Ronnie beleidigt die Rabbit-Tochter so hundsgemein, dass danach eigentlich alle menschlichen Brücken zw. ihr und den Hanssons völlig hinüber sein müssten. Sind sie aber nicht.
- zu viel Straßen-Topografie
Aber: Updike bleibt Updike. Schade, schade, dass es jetzt definitiv nicht mehr weitergehen kann mit den Rabbits.
Tuesday, February 17, 2009
Der Fledermausmann

Warum aus der Masse gerade dieses Buch von einem Jo Nesbø? Es hätte jedes andere sein können. Eigentlich hatte es sogar schlechtere Chancen, weil wir nicht sonderlich an Australien interessiert sind.
Kein Rabe so schwarz

- wie ein Colt funktioniert und wie die Idee wirtschaftlich eingeschlagen hat
- wie die New Yorker Polizei, über die wir schon so viele Filme gesehen haben, in den 1840er Jahre organisiert war (nämlich kaum)
- wie es in den Tombs - dem Schwerverbrecherknast - ausgesehen hat
- welche Verleger zu Lebzeiten Poes den Ton angegeben haben
- wie das damals mit dem Copyright war (es gab keines, angeblich, damit sich auch d
ie breite Masse Bücher leisten kann - über den Journalismus damals (Skandale! Auflage! Schrecklicher Schwulst!)
- was man an einem gemütlichen Feierabend aß
- wie die Gangs of New York organisiert waren (besser als die Polizei)
- und vieles mehr
Thursday, February 12, 2009
Classico Banalo
"Wissen Sie, wo eigentlich der Unterschied zwischen Faust I und Faust II ist?"
"Tut mir Leid, mit Faust habe ich mich nie beschäftigt. Der eine ist länger, würd ich sagen."
"Wirklich, tolle Dialoge, sollten Sie mal lesen. Aber sagen Sie mal: Wer hat denn jetzt eigentlich den Erlkönig geschrieben?"
"Puh, da muss ich Ihnen leider sagen, das ist nicht so mein Schwerpunktgebiet."
"Ich würde nur gerne wissen, ob es den auch als Reclam-Heftchen gibt. Eventuell auch als Prosa, wenn es sein muss."
"Da bin ich jetzt überfragt."
Leise und errötend flüchtet sich der zufällige Passant aus der Buchhandlung.
Sunday, February 08, 2009
Das Glück der anderen
Die Mensch und Tier sterben buchstäblich wie die Fliegen. Das, was mal bürgerliche Ordnung hieß, löst sich an allen Ecken auf, die Vernichtung ist total.
Und mitten in der Hölle, verzweifelte Gesten wie diese:
Die Straße ist voller Wagenspuren und in der Asche liegt ein plattgedrückter Vogelkäfig, in dem sich ein Kanarienvogel noch immer seitlich an seine Stange klammert. Du hebst das verbogene Ding auf und der Vogel flattert und schlägt mit den Flügeln. Mit dem Messer drückst du die Gitterstäbe auseinander, lässt den Vogel frei und wirfst den Käfig weg.
Während dessen verwesen rings um die Leichen seiner Mitbewohner, seiner Freunde, seiner Frau, seiner Tochter. Er arbeitet gegen das Chaos an, nahezu beharrlich, bis zum Schluss.
Der Kniff mit dem Du-Erzähler gibt dem Ganzen eine ganz eigene Dichte, einen Sound, der dem Leser lange nicht mehr aus dem Kopf geht.
Der Schluss ist von einer solchen Trostlosigkeit, dass man sich unter einem großen, schützenden Flügel verkriechen will.
Bislang das Beste in der Reihe hervorragender Stewart O'Nan-Bücher, die du in rascher Folge gelesen hast, als fändest du hier eine Art Neues Testament.